Zu wenig Nachfrage: Autoindustrie stoppt die Bänder

Wegen gesunkener Nachfrage wird die Produktion der Opel-Werke in Bochum und Eisenach für Wochen still stehen. Auch Ford, Skoda, Daimler und BMW fertigen weniger.

Haben jetzt zwei Wochen frei: Opel-Arbeiter in Bochum.

BOCHUM taz Im Bochumer Opel-Werk läuft kein Auto vom Band, in Eisenach wird die Produktion ab Montag für drei Wochen ruhen. Erzwungene Werksferien gibt es auch für Opel-Mitarbeiter in Polen, Großbritannien, Spanien. Doch die Absatzkrise auf dem Automobilmarkt hat nicht nur die Tochter des US-Konzerns General Motors erreicht. Auch Ford, die VW-Töchter Seat und Skoda, sogar die Luxusanbieter Daimler und BMW kündigen Produktionskürzungen an. "Die Nachfrage schwächelt auf allen wichtigen Märkten", sagte Opel-Sprecher Andreas Kroemer. "Allein in Spanien ist unser Absatz in diesem Jahr um 40.000 Autos eingebrochen."

Die Finanzkrise erreiche jetzt die Realwirtschaft - so begründet das Opel-Management den massiven Absatzrückgang. Vor allem Privatkunden würden den Kauf eines neuen Autos auf unbestimmte Zeit verschieben: "Die Leute halten ihr Geld fest", sagt Opel-Sprecher Kroemer. "Schließlich ist der Autokauf nach Haus oder Eigentumswohnung die drittgrößte Investition von Privatleuten." Doch auch der Markt für Firmenwagen dürfte in den kommenden Wochen Probleme bereiten: Die Finanzkrise mache es für "Unternehmen schwieriger und teurer, Kredite zu bekommen", warnt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf.

Die Autopreise aber sollen stabil bleiben. Eine Preisrallye nach unten wie auf dem US-Markt, wo sich die Händler mit Schnäppchenangeboten jeder Art überbieten, wollen Opel und Co. verhindern. "Es ist unser generelles Ziel, die Fahrzeugbestände auf möglichst niedrigem Niveau zu halten", sagt Daimler-Sprecher Florian Martens. "Wir bauen keine Autos auf Halde", betont auch Opel-Mann Kroemer. "Das würde nicht nur die Neuwagenpreise, sondern auch die Zeitwerte der Gebrauchtwagen drücken."

Europaweit will Opel die Produktion in diesem Jahr um 40.000 Stück drücken. BMW spricht von 20.000 Autos, die erst gar nicht gebaut werden sollen. Weitere 20.000 werden nicht in die USA, sondern nach Asien exportiert. Seat hatte eine Produktionskürzung von 13.000 Einheiten schon am Montag angekündigt. VW, Audi und Porsche konnten ihren Absatz im September dagegen steigern.

Der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) gibt sich deshalb noch optimistisch, VDA-Sprecher Frank Sedlak verweist auf die "hervorragende Produktpalette" der deutschen Hersteller. Aber auch er muss einräumen: "Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigt auch die Automobilbranche." Und der Präsident des VDA, der ehemalige CDU-Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, fordert im Tarifstreit der Metallindustrie Lohnzurückhaltung von den Gewerkschaften. Die Automobilindustrie stehe "an einer Weggabelung".

Vor einem massiven Arbeitsplatzabbau warnen Wissenschaftler wie Ferdinand Dudenhöffer. "In den kommenden zehn Jahren werden in der deutschen Automobilindustrie 100.000 Arbeitsplätze verschwinden", sagte der Gelsenkirchener Automobilexperte der taz. "Die Konjunktur kriselt, wir gehen in Richtung Rezession." Die deutsche Automobilindustrie stehe vor "harten Anpassungsprozessen", sagte Dudenhöffer. Er glaubt an eine Verlagerung der Fertigungskapazitäten nach Osteuropa, speziell nach Russland. In Westeuropa seien die Produktionskosten trotz Lohnzurückhaltung und Rationalisierung der Fertigung noch immer zu hoch: "Die Automobilhersteller müssen dort Kapazitäten aufbauen, wo die neuen Kunden sitzen."

Aktuell steht aber keine Entlassungswelle an. Lediglich Ford hat in seinem Werk in Saarlouis 200 Zeitarbeitern gekündigt. Opel setzt dagegen auf flexible Arbeitszeitkonten. Allerdings befürchtet der Betriebsrat Lohnkürzungen. Zumindest in Eisenach müssten die Mitarbeiter mit "geringfügigen Lohneinbußen"rechnen, bestätigt auch Opel-Sprecher Kroemer.

Das Management trage eine Mitschuld an der aktuellen Absatzschwäche, ist vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) zu hören. "Die Hersteller produzieren am Markt vorbei", sagt VCD-Sprecher Daniel Kluge. "Die Menschen wollen preiswerte, familientaugliche Autos, die wenig Benzin verbrauchen." Die Industrie aber baue noch immer zu viele große, schwere und luxuriöse Wagen. Umgedacht wird erst jetzt, in der Krise: Bereits am Montag forderte die Vereinigung der europäischen Autohersteller (ACEA) von der EU-Kommission zinsgünstige Kredite in Höhe von 40 Milliarden Euro. Entwickelt werden sollen damit: umweltfreundlichere Fahrzeuge.

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