Kommentar Wirtschaftskrise: Unerwartete Nebenwirkungen

Wir haben es im Aufschwung versäumt, unseren Lebensstil und unser Lebensgefühl an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts anzupassen. Nun werden wir es eben unter den Zwängen des Abschwungs schaffen müssen.

Die Autobauer legen, angeblich als Folge der Bankenkrise, ihre Bänder publikumswirksam für einige Wochen still. Die Verbraucher seien verunsichert, heißt es dazu, sie hielten sich jetzt erst einmal mit dem Kauf von Neuwagen zurück. Wie viel davon auf die Bankenkrise und wie viel auf andere Faktoren - etwa die mangelnde Strahlkraft ihrer aktuellen Modelle - zurückzuführen ist, das wissen wohl nur die Autokonzerne. Doch die genauen Gründe interessieren kaum noch. Alles fügt sich jetzt, ob zu Recht oder nicht, in das Bild und die Angst vor einer aufziehenden Wirtschaftskrise ein.

Niemand vermag mit Sicherheit abzusehen, ob es sich um eine veritable Krise oder nur um eine der zyklischen Dellen im Wirtschaftswachstum handelt. Gut sieht es jedenfalls nicht aus. Die Konsumenten liegen also nicht so falsch mit ihrer Zurückhaltung.

Wenn man nun den Kopf etwas hebt und versucht, das Gute im Schlechten zu finden - was bleibt? Vielleicht, dass der reiche Teil der Menschheit durch den Schock von seinem Konsumrausch geheilt wird? Unwahrscheinlich. Denn es handelt sich nicht um die schrittweise Heilung von einem problematischen Lebensstil, sondern um einen Zwangsentzug. Wir wechseln unvermittelt und ohne Einsicht vom Boom in die Rezession. Sobald die Droge Geld wieder in ausreichender Menge vorhanden ist, wird der Kaufrausch dann nachgeholt, in einem noch größeren Maße als zuvor. Das haben wir in der Vergangenheit oft genug erlebt.

Aus der Geschichte wissen wir auch, dass dieser plötzliche Entzug noch gefährliche Nebenwirkungen haben kann. Wer unzufrieden ist oder sich bedroht fühlt, wirft schnell die Vernunft über Bord. Bei der letzten großen Krise, dem Ölschock der 70er-Jahre, radikalisierten sich die Wähler: Der Trend ging in Richtung Margaret Thatcher und Ronald Reagan samt deren Deregulierungsideologie. In der Wirtschaftskrise boomt außerdem oft der Populismus, ob nun von links oder von rechts.

Wir haben es im Aufschwung versäumt, unseren Lebensstil und unser Lebensgefühl an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts anzupassen. Nun werden wir es eben unter den Zwängen des Abschwungs schaffen müssen. Aber man wächst ja mit seiner Aufgabe.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Reiner Metzger, geboren 1964, leitet taz am Wochenende zusammen mit Felix Zimmermann. In den Bereichen Politik, Gesellschaft und Sachkunde werden die Themen der vergangenen Woche analysiert und die Themen der kommenden Woche für die Leser idealerweise so vorbereitet, dass sie schon mal wissen, was an Wichtigem auf sie zukommt. Oder einfach Liebens-, Hassens- und Bedenkenswertes gedruckt. Von 2004 bis 2014 war er in der taz-Chefredaktion.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben