Zu trockenes Frühjahr im Norden: Die Dürre, die bleibt

Schon wieder ist zu wenig Regen gefallen. In Norddeutschland droht ein trockener Sommer. Es spricht viel dafür, dass wir uns daran gewöhnen müssen.

Pflanzen sprießen aus einem staubtrockenen Acker

So wird die Zukunft wohl aussehen: Acker, der bewässert werden muss Foto: Julian Stratenschulte/dpa

HAMBURG taz | Der April 2020 war der sonnigste April seit Aufzeichnungsbeginn. Nach ersten Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist er der dritttrockenste und siebtwärmste seit Beginn regelmäßiger Messungen. Zugleich zeigt die Klimastatistik: Deutschland hat den zwölften zu trockenen April in Folge erlebt. Geht es nach den Modellen der Klimaforscher, dürfte das in den kommenden Jahren locker so weitergehen.

Norddeutschland hat dabei nach den Berechnungen des Leipziger Helmholtz-Zen­trums für Umweltforschung (UFZ) mit einer paradoxen Entwicklung zu rechnen: Obwohl es übers Jahr gesehen etwas mehr regnen wird, werden die Niedrigwasserstände in den Flüssen sinken und die Dürreperioden länger. Das geht aus einer Studie des UFZ zu den „Auswirkungen der globalen Erwärmung auf hydrologische und agrarische Dürren und Hochwasser in Deutschland“ hervor.

Darin haben Forscher vier verschiedene hydrologische Modelle mit fünf Klimamodellen kombiniert und dabei jeweils eine Erwärmung von 1,5 Grad, zwei Grad und drei Grad gegenüber dem Referenzzeitraum 1971 bis 2000 durchgerechnet. Auf diese Weise können sie ermitteln, wie sich verschiedene Klimaziele für welche Region auswirken werden. Die Einbeziehung hydrologischer Modelle ist dabei eine Besonderheit. „Man kann abschätzen, was im Boden passiert“, sagt Andreas Marx, einer der Autoren der Studie.

Auf eine maximale Erderwärmung von 1,5 Grad hat sich die internationale Staatengemeinschaft auf der Klimakonferenz 2015 in Paris geeinigt. Davor galten zwei Grad – wahrscheinlicher seien auf Basis der bisherigen Erfahrungen und Versprechungen aber drei Grad, sagt Marx.

Dürren nehmen in jedem Szenario zu

„Unter allen Erwärmungsraten nehmen die Dürren zu“, sagt Marx. „Bei 1,5 oder zwei Grad sind die Änderungen aber wesentlich kleiner als bei drei Grad.“ Während eine Erwärmung von 1,5 Grad Celsius nur in Niedersachsen und Bremen zu etwas häufigerem Niedrigwasser führen würde, wäre die Schifffahrt bei zwei oder gar drei Grad in allen fünf norddeutschen Ländern verstärkt durch Niedrigwasser gefährdet.

Ähnliches gilt für die Trockenheit der Felder. Bei 1,5 Grad würde die jährliche Dürre in Schleswig-Holstein und Niedersachsen je 13 Prozent länger dauern, bei drei Grad 27 und 39 Prozent länger. Dass der Boden trotz übers Jahr steigender Niederschläge weniger Wasser enthalte, liege an der höheren Verdunstung.

Wer sehen möchte, wie sich die Erderwärmung en détail auswirken dürfte, kann das unter klimafolgenonline-bildung.de nachvollziehen, einer Website des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Hier lässt sich unter Einbeziehung verschiedener Szenarien die Zukunft für bestimmte Regionen und Bereiche erkennen – bezogen auf den Referenzzeitraum 1981 bis 2010. Wir wählen das wahrscheinliche Szenario für schwachen Klimaschutz und als Prognosezeiträume 2021 bis 2050 sowie 2071 bis 2100.

Demnach würde 2021 bis 2050 die Grundwasserneubildung im Harz und einem Zipfel des Weserberglandes um mindestens 30 Millimeter abnehmen, 2071 bis 2100 gälte das auch für die Lüneburger Heide und Südniedersachsen.

Bei unserem gewählten Szenario gäbe es 2021 bis 2050 in ganz Norddeutschland im Vergleich zu 1981 bis 2010 mehr Tage ohne Niederschlag – mit über plus 20 Tagen besonders in Südschleswig und einem kleinen Teil Südniedersachsens. 2071 bis 2100 gäbe es fast überall mehr als 20 zusätzliche trockene Tage.

Schwül und heiß rund um Bremen

Zwei bis vier mehr heiße Tage gäbe es bis Mitte des Jahrhunderts südlich von Bremen, mehr als zwölf zusätzliche heiße Tage bis zum Ende des Jahrhunderts südlich von Bremen und im Münsterland. Mit mehr schwülen Tagen muss in Bremen, Ostfriesland, Cuxland und im Münsterland gerechnet werden.

Die längeren nassen und trockenen Perioden hätten Folgen für die Landwirtschaft. Die Erträge von Winterweizen, Kartoffeln und Silomais würden bis Mitte des Jahrhunderts nur in Schleswig-Holstein abnehmen, bis zum Ende des Jahrhunderts in ganz Norddeutschland.

Besonders in Südniedersachsen würden viele Bäume unter der zunehmenden Trockenheit leiden, insbesondere die Buchen. Bei den Eichen hingegen, die besser mit der Trockenheit klarkommen, könnte der Ertrag bis zum Jahr 2050 im Harz sogar zunehmen. In weiten Teilen Norddeutschlands könnte die Kiefer bis zum Ende des Jahrhunderts gewinnen.

Gefahr für den Wald

Bei diesen Schlussfolgerungen ist allerdings Vorsicht geboten. „Extremereignisse bilden die Modelle, die wir zurzeit haben, nicht gut ab“, warnt UFZ-Forscher Marx. Was darin untergeht, ist etwa eine Häufung trockener Jahre. „Von der Dürre, die wir 2018 und 2019 sahen, bin ich überrascht“, sagt Marx.

Während der Feldfrüchteanbau von einem guten Jahr sofort wieder profitieren kann, ist das beim Wald anders. Neben direkten Schäden durch anhaltenden Wassermangel werden die Bäume anfällig für Schädlinge und Waldbrand. Ganze Forste können dem zum Opfer fallen. „Sie können nicht jedes Jahr einen neuen Wald hochziehen“, sagt Marx.

Mehr zum Thema Dürre im Norden lesen Sie in unserem Themenschwerpunkt in der gedruckten taz nord am wochenende oder in unserem e-Kiosk.

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