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Zivilgesellschaft in Sachsen-AnhaltSie bleiben mit am Tisch

In Wittenberg feiert das Bündnis „Wittenberg Weltoffen“ wenige Tage vor der Landtagswahl die Demokratie. Sprecher Carsten Liebelt über sein Engagement.

Eine lange Tafel steht auf dem gepflasterten Marktplatz. Es gibt reichlich Essen, klirrende Gläser und Stimmengewirr. Kinder rennen zwischen den Stühlen hindurch. Was nach einem Sommerabend in Süditalien klingt, spielt in Wittenberg, wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Am Freitag vor einer Woche endete das „Fest für Demokratie“ mit dem „Dinner für Demokratie“. Der Tag war geprägt von Reden und Musik, Gesprächen und gegenseitiger Ermutigung. Er bildete den Abschluss einer Reihe von Aktionen, mit denen das Bündnis „Wittenberg Weltoffen“ die Zeit vor der Wahl begleitet hatte.

„Wir sind schon seit 2015 aktiv, aber größere Projekte hat es lange nicht gegeben“, erzählt Carsten Liebelt, Sprecher des Bündnisses. Das änderte sich 2024. Nach der Correctiv-Recherche über das Potsdamer „Remigrations“-Treffen, an dem unter anderem AfD-Politiker und rechte Aktivisten teilnahmen, fand sich das Bündnis neu zusammen. Es folgte eine der größten Demonstrationen, die es in Wittenberg je gab: Mehr als 1.000 Menschen versammelten sich auf dem Marktplatz.

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Vor der Wahl haben sich die Aktivitäten noch einmal gebündelt. Ein Beispiel ist die YouTube-Reihe „WillstDuDas?“: Wit­ten­ber­ge­r:in­nen erzählen von ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihren Hoffnungen. Erst am Ende jedes Films erscheint ein Originalzitat aus dem Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt. Den persönlichen Geschichten wird es gegenübergestellt – verbunden mit der Frage: „Willst du das?“ Wie viele Projekte des Bündnisses ist auch diese Reihe ehrenamtlich entstanden.

Die meisten im Bündnis wollen bleiben

Für Liebelt ist das Stadtwohnzimmer zum Herzstück seines Engagements geworden. Er hat den von der Stadt geförderten Begegnungsraum mit aufgebaut. Zwei- bis dreimal pro Woche ist dort etwas los: Kochkurse, Schreibworkshops, Siebdruck, Lesungen und Karaoke-Abende. Menschen zwischen 12 und 80 Jahren kommen vorbei. Es gibt Mario-Kart-Abende ebenso wie Chorproben. Zum Zuckerfest feierten Frauen aus der muslimischen Community in dem Raum. „Das gab es vorher nicht“, sagt Liebelt.

Zwölf bunte Portraits
richtig gute leute

Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.

Seine liebste Anekdote: An einem Kochabend bei Glatteis, zu dem niemand kam, standen plötzlich 5 Be­su­che­r:in­nen einer Sprachschule vor der Tür, die gerade erst Deutsch lernten. Eine gemeinsame Sprache fehlte, am gemeinsamen Kochen hinderte sie das nicht. Genau solche Zufälle, findet er, sind der eigentliche Sinn des Ortes.

Genauso wie am vergangenen Freitag: Wer sich in Wittenberg auf dem Marktplatz dazusetzte, teilte Essen und Geschichten mit Menschen, die er sonst vielleicht nie getroffen hätte. Eingeladen waren alle, die über den Platz kamen.

Wofür es sich lohnt zu bleiben, ist für Liebelt keine abstrakte Frage. Wenn der Nachbar die AfD-Flagge hisst, überlegen manche, ob sie ihr Haus verkaufen sollen. Doch die meisten im Bündnis wollen bleiben, unabhängig vom Ausgang der Wahl. Sie sind in Wittenberg verwurzelt. „Wir stärken uns weiterhin und hören nicht auf mit dem, was wir aufgebaut haben“, sagt Liebelt. Lesungen, Spieleabende, Kochkurse, Film- und Musikabende soll es auch künftig geben. „Wir wollen ein Zufluchtsort bleiben, ein Ort des Zusammenhalts“, sagt er.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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