Zentralrat der Juden und Iran: Eine anmaßende Unterstellung
Darf sich der Präsident des Zentralrats der Juden über den Angriff auf Iran positiv äußern? Eine Replik auf einen taz-Kommentar.
E „infach mal die Klappe halten“, fordert die taz-Journalistin Susanne Knaul in Richtung des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie wirft ihm vor, den Krieg gegen das iranische Regime „bejubelt“ zu haben. Doch tatsächlich waren es andere, die jubelten – allen voran iranische Frauen. Die wohl mutigsten Feministinnen unserer Zeit. Nicht zu verwechseln mit jenen Gratismutigen, die aus sicherer Berliner Distanz nur dann Haltung demonstrieren, wenn Opfer und Täter in ihr aktivistisches Weltbild passen.
In Iran selbst tanzten und sangen sie auf den Balkonen der Städte und weinten vor Freude – ein Ausdruck der Hoffnung auf Freiheit nach Jahrzehnten der Unterdrückung. Ob diese wahrhaft starken Frauen sowie die vielen demokratisch gesinnten Iranerinnen und Iraner weltweit nach Ansicht der taz-Journalistin ebenfalls „einfach mal die Klappe halten“ sollten, bleibt offen. Der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, erklärte im Übrigen lediglich, dass das „Ende des Regimes in unserem nationalen Interesse“ liege. Eine sachliche Feststellung, angesichts der bestehenden Bedrohungslage eine nachvollziehbare Einordnung.
Als wäre das nicht genug, schreibt Frau Knaul zudem: „Musste das sein, fragen sich vermutlich vor allem die, die dem Judentum angehören.“ Diese Behauptung wirkt weniger wie eine fundierte Recherche, sondern vielmehr wie ein unbelegtes Bauchgefühl – eine anmaßende Unterstellung. Anmaßend, weil sie meint, stellvertretend für Jüdinnen und Juden sprechen zu dürfen. Über Jüdinnen und Juden wird in der öffentlichen Debatte generell häufig gesprochen, aber deutlich seltener mit ihnen. Wer hingegen tatsächlich das Gespräch in jüdischen Gemeinden in Deutschland sucht, stellt schnell fest, dass Frau Knauls Bauchgefühl vermutlich nicht der Realität entspricht. Viele begrüßen es ausdrücklich, wenn sich der Präsident des Zentralrats klar positioniert.
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Insbesondere wenn wir von einem Regime sprechen, das am 8. und 9. Januar innerhalb von nur etwa 48 Stunden mutmaßlich rund 32.000 unschuldige Demonstrierende ermordet hat. Das Homosexuelle hinrichten lässt, Frauen unterdrückt und Menschen, die nicht in sein radikal-islamistisches, rückwärtsgewandtes Weltbild passen, in Foltergefängnissen verschwinden lässt. Dessen erklärtes Ziel die Vernichtung der rund 7,5 Millionen in Israel lebenden Jüdinnen und Juden ist. Das das sadistische Massaker und die Entführung Unschuldiger rund um den 7. Oktober 2023 nicht nur tolerierte, sondern aktiv finanzierte. Ganz zu schweigen von der Hisbollah, die Israel mit Waffen dieses Regimes beschießt, ist „einfach mal die Klappe halten“ keine angemessene Haltung. Im Gegenteil: Gerade unter diesen Umständen ist es richtig und notwendig, dass jemand, der ein Amt innehat, das ihn legitimiert, für Juden zu sprechen, sich klar äußert.
Angesichts der Tatsache, dass das Mullah-Regime für Jüdinnen und Juden die größte Bedrohung seit der NS-Zeit darstellt, sollte man speziell in Deutschland besonders vorsichtig sein, bevor man Jüdinnen und Juden in dieser Angelegenheit den Mund zu verbieten versucht. Anstatt mit vorschnellen Urteilen daherzukommen, wäre es angesichts der eigenen Geschichte wohl ratsam, diese Lektion in diesem Zusammenhang zunächst selbst zu beherzigen.
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