Zehn Jahre nach Missbrauchskandal

Kritische Bilanz

Keine klaren Ziele oder verbindlichen Maßnahmen: Der Beauftragte der Bundesregierung für Missbrauchsfragen mahnt ein entschiedeneres Vorgehen an.

Matthias Katsch (l-r), Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V., Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Caroline Link, Regisseurin, und Silke Noack, Leiterin des Hilfe

Präsentieren die neue Kampagne: In der Mitte Johannes-Wilhelm Rörig, Caroline Link Foto: Gregor Fischer/dpa

Der kleine Junge blickt direkt in die Kamera. „Darf er das?“, fragt er. „Muss ich das?“, fragt darauf ein Mädchen. Weitere Kinder wollen wissen: „Bin ich schuld?“, oder: „Warum tut sie das?“ Bis ein Teenager feststellt: „Ich will, dass das aufhört!“ Am Ende wird eine Nummer eingeblendet: (08 00) 2 25 55 30, das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch.

Nur 30 Sekunden lang ist der TV-Spot gegen Kindesmissbrauch, den die Regisseurin Caroline Link („Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“) gedreht hat. Aber er stellt die richtigen Fragen: Warum tun Erwachsene Kindern Gewalt an? Wieso bleiben Übergriffe oft so lange unentdeckt? Und was muss passieren, damit Kinder in Zukunft sicherer leben können?

Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, stellte den Spot am Dienstag in Berlin vor. „Anrufen hilft!“ heißt die Kampagne, mit der Rörig die Öffentlichkeit für das Problem der sexuellen Gewalt gegen Kinder sensibilisieren will. Der Spot soll in öffentlich-rechtlichen wie privaten TV-Sendern laufen sowie auf Social Media. Er soll erreichen, was laut Rörig noch immer viel zu selten geschieht: Dass Menschen aktiv werden, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen.

Allzu häufig versage das private Umfeld, Mitwissende sähen weg, statt betroffenen Kindern zu helfen, so Rörig. Von der Politik forderte er die Finanzierung einer breiten Aufklärungskampagne in Größenordnung der Anti-Aids-Kampagne zwischen 1987 und 1992. Rund 5 Millionen Euro im Jahr dürfte eine ähnliche Kampagne heute kosten – angesichts des Ausmaßes der Taten eine geringe Last für den Bundeshaushalt, findet Rörig.

Als „nationale Aufgabe“ begreifen

Zehn Jahre nachdem Fälle massenhaften Kindesmissbrauchs in kirchlichen und pädagogischen Einrichtungen aufgedeckt wurden, bleiben die Fallzahlen alarmierend: Mehr als 20.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch und Missbrauchsabbildungen verzeichnet die aktuelle Polizeiliche Kriminalitätsstatistik. Statistisch gesehen sind in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder betroffen. Rörig zog eine „bittere“ Bilanz der bisherigen Anstrengungen, das Phänomen in Deutschland zu bekämpfen.

Es fehle an klaren Zielen, verbindlichen Maßnahmen wie Schutzkonzepten für Kindereinrichtungen oder einer Meldepflicht für Internetprovider. Vor allem fehle Geld für eine bessere Ausstattung von Jugendämtern, Einrichtungen der Jugendhilfe und von Beratungsstellen. Rörig forderte einen gesamtgesellschaftlichen Pakt gegen Missbrauch – und von den Parteien, die Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Kinder in ihre Programme aufzunehmen. Es sei möglich, die Zahlen zu senken, wenn man dies als nationale Aufgabe definiere.

Matthias Katsch, Gründer der Initiative Eckiger Tisch, die Betroffene aus der Katholischen Kirche vertritt, forderte von den beiden Kirchen, ihre Praxis des Verschleppens zu beenden und Vorschläge für eine angemessene Opferentschädigung und eine unabhängige Aufarbeitung zu machen. Die Öffentlichkeit müsse den Kirchen signalisieren, dass ihre Geduld am Ende sei – die der Betroffenen sei es längst. Bis zum Sommer wollen die katholischen Bischöfe einen Aufarbeitungsfahrplan unterzeichnen. Konkrete Entschädigungsangebote gehören nicht dazu.

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