ZDFneo-Serie „Dead End“

Vom skurrilen Sterben

„Dead End“ will Krimi sein, ist aber nicht spannend. Die Serie will auf eine abgründige Weise komisch sein, ist aber kein bisschen zum Lachen.

Emma (Antje Traue, r.) steht mir blutigen Händen vor Betti (Victoria Schulz)

Emma (Antje Traue, r.) findet bei jedem Todesfall das Haar in der Suppe Foto: ZDF

Sie wurde, soweit bekannt, in keinem der Nachrufe auf den gerade verstorbenen Bruno Ganz auch nur erwähnt: dieser ZDF-Sechsteiler „Tassilo – Ein Fall für sich“, in dem Ganz seine erste Fernsehrolle gespielt hat. Vielleicht wäre man ohne den Tod des Schauspielers jetzt auch gar nicht auf diesen ZDF-Sechsteiler aus lange vergangenen Zeiten gekommen, wäre der Vergleich mit einer neuen ZDFneo-Miniserie mit sechs Folgen allzu weit hergeholt.

In Tassilo ermittelt ein gerade aus den Staaten in die deutsche Provinz Heimgekehrter, aber was heißt hier „ermittelt“?! Weil ihm da am Bodensee in der so wohlhabend-wohlanständigen schwäbischen Provinz die Klienten für sein „Büro für Auskunft und Wissen“ ausbleiben, macht sich Tassilo unter Einsatz eines nicht eben geringen Maßes an krimineller Energie daran, die Anlässe für seine anschließende Beauftragung selbst zu schaffen. Es kommt immer anders, als er plant. Herrlich.

Für das Cowboy-Klischee hat damals übrigens eine von Tassilo mitgebrachte Texanerin mit Gitarre gesorgt. In der, so der Titel der neuen ZDFneo-Miniserie, ist es die Protagonistin selbst, die die Cowboystiefel trägt, wenn sie, inszeniert als kleine Western-Parodie, in dem brandenburgischen Provinzkaff aus dem Feuerross steigt, über das sogar der eigene Bürgermeister sagt: „Öde, langweilig, hässlich.“

Die Gedanken schweifen ab

„Mit den Cowboys kam das Verbrechen“ heißt die erste Folge, und wer da gleich „Mit den Clowns kamen die Tränen“ assoziiert … Es muss einen Grund haben, dass die Gedanken bei „Dead End“ ständig abschweifen. Es hat einen Grund, einen ganz banalen: „Dead End“ will Krimi sein, ist aber überhaupt nicht spannend. „Dead End“ will auf so eine abgründige Weise komisch sein, ist aber kein bisschen zum Lachen.

Öde, langweilig – nein, „hässlich“ ginge jetzt zu weit. Allein schon wegen Schauspieler Michael Gwisdek. Den ältlichen (Ost-)Schluffi hat er drauf, den leiert er routiniert runter – und schon hat er alle anderen hier an die Wand gespielt. Er ist Rechtsmediziner in seiner Rolle, seine Tochter, die USA-Heimkehrerin ist es auch. „Der letzte Zeuge“ war mal eine schöne, wortwitzige deutsche Rechtsmediziner-Serie mit dem verstorbenen Ulrich Mühe … In „Dead End“ gehen Dialoge zwischen Papa Leichenbeschauer und Tochter Forensikerin so – er sitzt gerade über einem Kartoffelsalat mit viel Mayonnaise, wie man ihn in der schwäbischen Provinz nicht servieren würde.

Sie: „Todesursache: Apoplex aufgrund fortgeschrittener Arteriosklerose.“ Er: „Erhöhte Blutfettwerte sind nicht der Hauptfaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Gibt jetzt ’ne neue Studie, ’ne Ernährungsstudie: Paläo. Ja. Ha’m ja schon die Steinzeitmenschen gemacht.“ Sie: „Die sind ja auch nicht gerade dafür bekannt, dass sie besonders alt geworden wären, oder?“

Buch und Regie suchen nach dem Nerdigen und Morbiden – und landen beim Kitsch

Rhetorische Frage – ebenso unbeantwortet bleibt aber die, wer eigentlich die „Cowboys“ aus dem Titel der ersten Folge sein sollen. Außer dem brandenburgischen Cowgirl kommt da niemand. Aber mit Emma Kugel kommt das Verbrechen, weil sie bei wirklich jedem vermeintlich natürlichen Todesfall das Haar in der Suppe, also das Fremdverschulden, findet. Sei es ein mit der Scheune verbrannter Obdachloser, eine im Altersheim scheinbar selig entschlafene Hundertjährige, ein im Baum hängen gebliebener Fallschirmspringer. „Ey, wo du auftauchst, machst du Probleme, wirklich!“, sagt der Bürgermeister (Fabian Busch). „Sag mal, ist dir wirklich hier so langweilig, dass du immer nur Probleme suchst, da, wo überhaupt gar keine sind?!“, fragt der Vater.

Sie nervt. Auch den Zuschauer, weil ihre Exzentrik und Verschrobenheit bloße Behauptung bleiben und man sie der Hauptdarstellerin Antje Traue keine Sekunde lang abnimmt. Wenn sie da angeblich lustvoll verträumt mit ihren Händen in die Innereien eines Tierkadavers greift: „Siehst du das Rot? Die Strukturen, die Verätselungen. Es ist komplex und doch ganz einfach. Es ist alles an seinem Platz, und das ist beruhigend. Das ist die wahre Welt. Alles andere ist nur eine Idee, ein Vorschlag. Hier gibt es kein Vielleicht, es ist wunderschön.“

„Dead End“, ab Dienstag, 26. Februar, 21.45 Uhr ZDFneo, alle sechs Folgen ab 26. Februar in der ZDF-Mediathek verfügbar

Da suchen Buch (Magdalena Grazewicz, Thomas Gerhold) und Regie (Christopher Schier) nach dem Nerdigen, Morbiden und Abgründigen – und landen beim Kitsch. Es gab da mal so eine wunderbar nerdig-morbide-abgründige Serie, „Six Feet Under“ …

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de