Youngster im Billard: Senkrechtstarter und Gentleman
Bei der traditionsreichen Dreiband-Team-WM in Viersen ruhen die deutschen Hoffnungen auf einem sehr ungleichen Paar.
Es gibt nicht so viele Wettbewerbe, in denen ein 55-jähriger Routinier und ein 17-jähriger Youngster ein aussichtsreiches Duo abgeben können. Doch bei der Dreiband-Team-WM in Viersen ist genau das zu erleben.
Hier darf Amir Ibraimov ein Jahr vor dem geplanten Abitur an der Sportschule Duisburg mit Martin Horn die Farben der Deutschen Billard-Union (DBU) vertreten. Das ist ihm schon deshalb „eine Ehre“, wie er in einer Videobotschaft betont, weil er sich bei den drei Spielen in der Gruppe B (gegen Frankreich, Vietnam und Mexiko) mit der aktuellen Nr. 4 der Senioren-Weltrangliste verbünden kann. Außerdem hat er seinen WM-Einstand im letzten Jahr als „schönstes Turnier, das ich je in meinem Leben gespielt habe“, in Erinnerung.
Dreiband? Das ist die anspruchsvollste Spielart im Karambol-Billard, weil der Spielball hier auf seinem Weg zu den beiden Zielkugeln über eben diese Anzahl an Banden laufen muss. Um das so hinzukriegen, müssen nicht nur dessen Lauf, sondern auch Einfall- und Auslaufwinkel sowie Effets genau kalkuliert werden. Dafür braucht es eine gute Hand-Auge-Koordination, jede Menge Antizipation sowie ein kreatives Spiel.
Und Viersen: ist jene kreisangehörige Stadt am Niederrhein, die anderswo meist nur im regionalen Bezug zu Krefeld und Mönchengladbach verortet wird. Dabei müsste sie natürlich in einem Atemzug mit London genannt werden, denn zur 35. Auflage gilt das WM-Turnier im zeitlos-schmucken Ernst-Klusen-Saal der Festhalle inzwischen als „Wimbledon des Billardsports“, wie es gelegentlich heißt.
Wie Wimbledon, aber keine Erdbeeren
Erdbeeren gibt es so kurz nach Karneval nicht, aber 16 Zweier-Teams aus drei Kontinenten, die in vier Gruppen gegeneinander antreten, um die jeweiligen Tabellenersten und -zweiten zu ermitteln. Diese tragen die Viertel- und Halbfinals sowie das Finale am Wochenende unter sich aus.
Dabei herrscht schon traditionell eine dezente Atmosphäre, die sich von den Klatschpappenorgien anderer Sportevents deutlich unterscheidet: Es wird allenfalls ein- oder zweimal mit den Fingern geschnipst, wenn auf den grün bespannten Tischen etwas Formidables passiert ist. Ansonsten ist Ruhe angesagt, damit sich die Queue-Artisten in den 40 Sekunden, die sie bis zum definitiven Stoß haben, angemessen sortieren können.
Bis einer sein Spiel so gut zusammenbringt, dass er der Weltelite hier auf Augenhöhe begegnen kann, braucht es normalerweise mehr als 16, 17 Jahre – Amir Ibraimov hat es trotzdem so schnell geschafft. Er ist in einer deutschen Familie mit mazedonisch-kosovarischen Wurzeln groß geworden, in der Billard zum Alltag gehört.
Vater Bayram hat einst in der Bundesliga reüssiert, der ältere Bruder Ali (22) nahm ebenfalls schon an internationalen Turnieren teil. In deren Windschatten hat sich Amir beim MBC Duisburg zum Großtalent entwickelt: feste Größe für die Bundesligapartien des BC Weyhausen, Vizeweltmeister seiner Altersklasse sowie Nr. 6 der Junioren-Weltrangliste.
Dafür steht der freundlich-eloquente Youngster mit der Stirnbürste nach der Schule oft sechs Stunden am Spieltisch. Aber aller Trainingsfleiß und selbst das höchste Ausgangstalent machen im Wettkampf für ihn nicht den Unterschied aus. „Ab einem bestimmten Niveau entscheiden mentale Stärke über Sieg und Niederlage“, ist Ibraimov Jr. überzeugt. Und wo ließen sich solche Qualitäten besser überprüfen als auf dem Centre Court von Viersen – in Duellen mit den besten Senioren, bei denen er im letzten Jahr, als 16-jähriger Reservist, „großartige Erfahrungen“ und tatsächlich ein Match gewonnen hat?
Martin Horn will vor der Auftaktpartie gegen Frankreich (Donnerstag 16 Uhr) jedenfalls nicht mulmig zumute sein. „Ich fühle mich total wohl an deiner Seite“, versicherte er seinem Juniorpartner in der erwähnten Videobotschaft. Er ist überzeugt, dass Ibraimov schon in diesem Jahr „eine großartige Leistung“ abrufen kann.
Der vielgeprüfte Leistungsgarant aus Essen betrachtet den Vorzeigesaal der Festhalle längst als „mein privates Wohnzimmer“. Hier hat er etwa ebenso oft gefeiert wie gelitten. Wobei der ultimative Triumph schon 23 Jahre her ist. Damals gewann Horn, damals noch ohne Brille, mit dem jetzigen Teamcoach Christian Rudolph den bisher letzten von vier WM-Titeln.
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