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Wölfe? Kriegen die beiden Männer bei ihren Streifzügen nie zu Gesicht, nur die Spuren der Tiere begleiten sie Foto: Ilka Kreutzträger

Wolfspopulation in NiedersachsenDem Unsichtbaren auf den Fersen

Kot checken, Spuren suchen, Rudel dokumentieren: Jedes Wochenende sind in Niedersachsen freiwillige Wolfsschützer unterwegs. Warum tun sie das?

Ilka Kreutzträger

Aus Barnstorf

Ilka Kreutzträger

D ie beiden Männer warten auf dem Parkplatz, direkt an der Landstraße. Das Große Moor, gelegen zwischen Bremen und Osnabrück, ist nicht weit. Sie stehen da in Tarnklamotte und räumen Dinge im Auto herum: Ferngläser, Rucksäcke, eine Tüte mit Pappe und Gipspulver, ein Transparent liegt da auch. „Ja, sieht etwas martialisch, militärisch aus“, sagt Hendrik Spiess und schaut an sich hinunter. „Aber mit Militär haben wir nichts am Hut.“ In diesem Outfit können sie bei ihren stundenlangen Streifzügen durch die niedersächsische Ebene einfach besser mit der Umgebung verschmelzen, spazieren unter dem Radar gewissermaßen. Hilfreich bisweilen, denn sie sind nicht gern gesehen.

Vor allem den Jägern sind die Männer ein Dorn im Auge. Sie stehen auf zwei Seiten: Hier die Mitglieder vom Freundeskreis des freilebenden Wolfes, dort die Jägerschaft. Hier die, die sich über die Rückkehr des Wolfes in Deutschland freuen, dort diejenigen, für die der Wolf sowas wie eine Konkurrenz ist. Hier die, die immer wieder gegen Abschussgenehmigungen für Wölfe vor Gericht ziehen, dort jene, die es begrüßen, dass die Bundesregierung den Abschuss von Wölfen grundsätzlich erleichtern will.

Die beiden Wolfsschützer sind an vielen Wochenenden in einem Wolfsterritorium unterwegs. Auch an diesem Samstag im Dezember. Rein ins Auto und auf gehts. Wölfe suchen, naja, ihre Spuren, das trifft es eher: Kot, Trittsiegel, Haare, Risse. Denn die Tiere selber kriegt man nicht zu sehen. Spiess hat bisher überhaupt erst drei Wölfe gesehen, von weitem und mit viel Geduld und Glück. Sein Begleiter hat noch nie einen in freier Wildbahn gesehen, aber sie wollen den Tieren ohnehin nicht zu nahe kommen, um sie nicht zu stören.

Aber von Spuren wimmelt es hier im Großen Moor nur so, wie sich zeigen wird. Spiess redet im Wagen gleich los, er spricht gern, erzählt viel, kennt sich mit der Gegend und den Tieren aus, und er ergreift eindeutig Partei für den Wolf. Das formuliert er am Ende des mehr als fünf Stunden langen Marsches kreuz und quer durch das Moor zurück auf dem Parkplatz entwaffnend offen: „Ich hatte gehofft, dich ein bisschen auf unsere Seite zu ziehen.“

Und jetzt laufen wir hier auf Wolfsspuren herum. Das ist doch irre!

Hendrik Spiess, zweiter Vorsitzender des Freundeskreises freilebender Wölfe e.V.

Seine Seite, das ist die Seite derjenigen, die die Rückkehr des Wolfes als etwas Gutes betrachten, weil sie dieses Tier nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfinden. Zum Beispiel, erzählt Spiess, wegen der tropischen Kaskade. So wird der ökologische Prozess genannt, der beschreibt, dass Raubtiere wie der Wolf die Population und das Verhalten ihrer Beutetiere regulieren und damit indirekt das Pflanzenwachstum beeinflussen. Kurz gesagt: Wölfe schützen den Wald, weil sie das Rot- und Damwild in Bewegung halten. Die Herden fressen deswegen keine kompletten Schonungen mehr kahl und es muss weniger aufgeforstet werden. „Das spart Millionensummen im deutschen Wirtschaftswald ein“, sagt Spiess.

Solche Dinge schüttelt Spiess am laufenden Band aus dem Tarnfleckärmel, während er durchs Moor stapft, immer wieder durchs Fernglas schaut, über die Ebene, zu dem schmalen Waldstreifen mit seinen über 50 Jahre alten Kiefern und Birken, der das Moor umschließt und sagt: „Wir sehen sie nicht, aber sie haben uns auf jeden Fall schon bemerkt.“

Geschnürter Trab: Der Wolf setzt die Hinterpfote in den Abdruck der Vorderpfote, als liefe hier ein Wesen mit zwei Beinen Foto: Ilka Kreutzträger

Hier soll es nicht um richtige oder falsche Seiten gehen, sondern um den Versuch, zu verstehen, wieso es Privatpersonen wie Hendrik Spiess gibt, die jedes Wochenende bis zu zehn Stunden in Kothaufen stochern, Spuren sichten, Fotos machen, immer dem Unsichtbaren auf den Fersen. Die sich damit Ärger einhandeln, ihnen wurden schon die Reifen am Auto zerstochen, sie wurden beschimpft und bedroht. Und doch gehen sie immer wieder los.

Auf der Suche nach dem Motiv

Eine einfache Antwort auf die Frage, warum er das macht, hat Spiess nicht. Es scheint für ihn selbstverständlich zu sein, eine ganz normale Sache eben, sich gegen das in unserer Gesellschaft vorherrschend asymmetrische Verhältnis von Mensch und Tier aufzulehnen. Angefangen hat er mit Vögeln, ist 1977 in den Deutschen Bund für Vogelschutz (DBV) eingetreten, aus dem später der Naturschutzbund (Nabu) hervorging. „Aber Vögel schützen ist einfach, die sind niedlich, alle mögen Vögel“, sagt Spiess. Er setze sich lieber für die Randständigen, die konfliktbeladenen Arten ein, für die, die keine Lobby haben.

Dass der Mensch das Tier unterwirft und über viele Mittel verfügt, das zu tun, kennt Spiess von kleinauf. Er ist 1960 im niedersächsischen Dinklage geboren, einem „Schweinedorf“, wie er sagt. Das tief katholische Dinklage ist bis heute für intensive Tierhaltung bekannt, vor allem Schweine werden hier gemästet. Aber auch Hühner und Rinder. Er war in der Anti-Atom-Bewegung aktiv, war schon 1976 bei der ersten großen Demo in Dinklage dabei, war überhaupt viel auf der Straße, auf Demos, ist heute Künstler mit eigenem Atelier in Osnabrück.

Er ist damit aufgewachsen, dass die Natur fortwährend zerstört wird, in den 1970er-Jahren war es ganz normal, dass Arten verschwinden. Spiess habe es immer für ausgeschlossen gehalten, dass sich diese Entwicklung umdrehen könnte. „Und jetzt laufen wir hier auf Wolfsspuren herum. Das ist doch irre!“

Im Januar 2000 kam der Wolf nach Deutschland zurück, über die Oder-Neiße-Grenze. Heute leben bundesweit laut Monitoring-Bericht 2024/25 der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) 219 Wolfsrudel, 43 Wolfspaare und 14 territoriale, also in einem bestimmten Gebiet ansässige einzelne Tiere. Mindestens 1.636 Tiere also. Zum Vergleich: In Italien leben etwa doppelt so viele Tiere.

Wölfe und ihre Stammbäume dokumentiert

Die meisten Wolfsterritorien in Deutschland gibt es aktuell erstmals in Niedersachsen, nämlich 63. Eines davon ist hier im Großen Moor bei Barnstorf, wo 2015 das erste Tier auftauchte, ein Weibchen aus dem Rudel Gartow. Ende 2016 tat sie mit einem Rüden aus dem Rudel in Ueckermünde zusammen und im Sommer 2017 brachte sie vier Welpen zur Welt, auf dem Gelände eines Baustoffhandels am Rande des Großen Moores.

Spiess stoppt den Wagen vor dem Eingangstor eines Baustoffhandels, das umzäunte ehemalige Militärgelände sieht verlassen aus. Das täuscht, unter der Woche läuft der Betrieb. Aber am Samstagmorgen ist alles verrammelt. Hier brachte die Fähe, so heißen weibliche Wölfe, ihren Wurf zur Welt, zog dann aber mit den Welpen in eine andere Nisthöhle weiter, weil sie gestört wurde.

Hendrik Spiess ist Naturschützer und Künstler: Hat sich dem Wolf verschrieben, von dem er nie glaubte, dass er zurückkehren würde Foto: Ilka Kreutzträger

Wölfe und ihre Stammbäume, sie sind gut erfasst: wer, wann, wohin und mit wem? Wird dokumentiert. Und um die Anzahl der Tiere dreht sich Vieles, weil die entscheidend dafür ist, ob der Wolf weiter als geschützte Art eingestuft wird oder nicht. Also letztlich: Ob er noch leichter geschossen werden darf oder eben nicht. Auch EU-weit tobt dieser Streit über den Erhaltungszustand des Wolfes.

In Niedersachsen ist die Jägerschaft für die Dokumentation der Tiere zuständig, in den anderen Bundesländern übernehmen das Wolfsberater. Spiess hatte auch mal die Ausbildung zum Wolfsberater begonnen, aber nicht beendet. Er wurde, so erzählt er, als zu aktiv „pro Wolf“ eingeschätzt. Er setzt sich dafür ein, dass der Wolf weiter als geschützte Art gilt und nicht ins Jagdgesetz aufgenommen wird.

Spuren, überall Spuren im Moor

An diesem Dezembertag ist der durchnässte Moorboden in Barnstorf voller Spuren. Den Hauptweg rein ins Moor nennt Spiess den Wolfs-Highway, weil die Tiere hier viel unterwegs sind, die vielen Kothaufen erzählen davon. Sein Begleiter sinkt immer wieder auf die Knie, popelt mit einem Messer in den Haufen herum und legt Knochen oder Reste von Federkielen frei. Daran lassen sich Hunde- und Wolfshaufen, die für das laienhafte Auge schon recht ähnlich aussehen, eindeutig unterscheiden. Oder wie Spiess sagt: „Wölfe haben hier verendete Kraniche gefressen, das ist sicher kein Chappi.“

Achtet man nicht drauf, fallen die Spuren der Tiere, die einen hier überall umgeben, nicht ins Auge. Aber je länger man hier unterwegs ist und seinen Schuhen beim Stapfen zuschaut, desto mehr verschiebt sich der eigene Blick. Da, ein Abdruck! Oh da, gebuddelte Löcher: So wie Hunde wild in der Erde wühlen, machen junge Wölfe es auch. Und Überreste von Vögeln, vor allem von Kranichen.

„Ungewöhnlich“, sagt Spiess. Diese Tiere stehen eigentlich nicht wirklich auf der Beuteliste der Wölfe. Das dürfte, vermutet er, an der grassierenden Geflügelpest liegen, viele geschwächte Tiere sind unterwegs und verenden dann eben auch an den Rast- und Ruheplätzen. Und Wölfe sind auch Aasfresser und verschmähen größere Vögel daher nicht.

Als der erste Wolf damals in Barnstorf nachgewiesen wurde, war die Aufregung groß. Eltern brachten aus Sorge ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, es gab Bürgerversammlungen, erhitzte Gemüter. Heute merkt man davon nichts mehr. Wolf und Mensch haben sich offenbar arrangiert. Alle paar Jahre wird ein Wolf überfahren, zuletzt im vergangenen Oktober. „Das sind zumeist Jungwölfe, die spätestens Ende Februar das Rudel verlassen müssen, um sich eigene Territorien zu suchen“, sagt Spiess. „Diese Tiere sehen zwar schon wie ausgewachsene Wölfe aus, aber es ist, so als würde man einem Achtjährigen sagen: Los, zieh jetzt aus und suche dir gefälligst eine eigene Wohnung.“

Begrenzten Raum teilen

Was problematisch bleibt ist, dass Mensch und Wolf sich den sehr begrenzten Raum teilen müssen und sich zwangsläufig in die Quere kommen. In Zahlen betrachtet sieht das so aus: Insgesamt hat die Zahl der bestätigten Wolfsangriffe auf Nutztiere in Niedersachsen im vergangenen Jahr zugelegt. Allerdings sind insgesamt weniger Tiere ums Leben gekommen.

Laut offizieller Statistik der Landesjägerschaft sind im Jahr 2025 301 Wolfsangriffe auf Nutztiere amtlich bestätigt worden. 667 Tiere starben. In diese Statistik fließen natürlich nur Fälle ein, bei denen ein Wolfsangriff offiziell bestätigt wurde. Am häufigsten traf es Schafe: 608 Schafe wurden nachweislich von Wölfen getötet. Dazu kamen unter anderem 38 Rinder, 4 Pferde und 11 Ziegen. Die meisten gerissenen Tiere waren nicht ausreichend mit hohen Zäunen gegen Wolfsangriffe geschützt. In 32 Fällen überwanden Wölfe vorhandene Herdenschutzmaßnahmen.

Wie Verliebte im geschnürten Trab

Im Großen Moor sind überall tiefe Pfotenabdrücke, handtellergroß, einige Spuren kreuzen sich. Eine typische Wolfspur ist zum Beispiel die, die beim geschnürten Trab entsteht. Das bedeutet, dass das Tier die Hinterpfote exakt in den Abdruck der Vorderpfote der selben Körperhälfte setzt. Geschnürter Trab, das ist der Fachausdruck. In Natura sieht das so aus, als liefe hier ein Wesen auf zwei Beinen. Als die Fähe sich einen neuen Rüden suchte, erzählt Spiess, sind die beiden Tiere tagelang Seite an Seite im geschnürten Trab gelaufen, ganz dicht zusammen, „wie Verliebte“.

Spiess ist auch nach fünf Stunden noch aufmerksam, findet Spuren, erklärt, auf welchen Wege und Pfaden, die das Moor durchziehen, der Wolf unterwegs ist. Auch hier gibt es sie, diese Konkurrenz um den Raum: Es wird noch immer Torf abgebaut, die Jäger sind unterwegs, ihre Schüsse sind an diesem Samstag kurz vor Sonnenuntergang laut zu hören, das Wolfsrudel lebt hier ebenso wie eine Heerschar Vögel, die Spiess alle beim Namen nennen kann.

Menschen leben schon immer in Gemeinschaft mit Tieren; der Wolf, das ist eindeutig, gehört nicht dazu. Das ist es, was Spiess und sein Begleiter ändern wollen. Auf dem Rückweg über den Wolfs-Highway geht die Sonne unter, und ein lautes Tröten schwebt heran. Ein riesiger Schwarm Kraniche, mindestens 1.000 Tiere schätzen die beiden Männer. Die Vögel sinken herab, lassen sich in den Wasserflächen im Großen Moor nieder, wo sie gerade so stehen können mit ihren langen Beinen und sicher sind vor Räubern. Ihr Tröten wird leiser, verstummt schließlich als alle ihren Platz gefunden haben.

Transparenzhinweis: Hendrik Spiess' Begleiter ist freier Autor und schreibt unter anderem für die taz – aber nicht mehr über Wölfe und deren Schutz, weil er als Aktivist befangen ist. Er hat noch nie einen Wolf in freier Wildbahn gesehen, obwohl er an vielen Wochenende stundenlang auf ihren Spuren wandelte.

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5 Kommentare

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  • „Wölfe schützen indirekt den Wald……“.



    Ist neu, dass der Wolf jetzt Borkenkäfer fisst.

  • Es entspricht der Natur, dass Wölfe ihre Beute nicht nur reißen, sondern wortwörtlich aufreißen zum Töten. Das macht sie mir aber nicht symphatischer. Da Wölfe weltweit gesehen keine bedrohte Art sind, erscheint die Mühe der Wolfsschützer als an der falschen Stelle investiert.

    • @Nachtsonne:

      Schade, dass Sie den Artikel nicht gelesen haben bevor Sie ihn kommentierten.

      • @Petros:

        Gerne Antworte ich auf Ihren Kommentar. Ich weiß aber leider nicht genau, worauf Sie sich beziehen. Geht es um den Status einer bedrohten Art? Nun, weltweit gesehen sind Wölfe als Art eindeutig nicht bedroht. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

        • @Nachtsonne:

          Doch.



          Denn es ist eine sehr verquere Logik zu sagen nur weil der Wolf weltweit nicht bedroht ist ihn hier nicht zu schützen. Heisst das für Sie auch, dass wir hier keinen Umweltschutz beteiben sollen da es global gesehen nicht relevant ist? Wenn alle Länder so denken würden wie Sie gäbe es überhaupt keinen Tierschutz weltweit.



          Außerdem ist es Konsens, dass der Wolf einen großen Beitrag zu einem gesunden Ökosystem beiträgt.



          Und ob Ihnen der Wolf sympathisch ist oder nicht ist mir herzlich egal. Es ist auch kein Argument für oder gegen Tierschutz. Kaum ein Tier tötet "human". Tiere töten so wie es ihrer Natur entspricht.



          Und warum ist die Arbeit der Wolfsschützer an der falschen Stelle investiert? Wissen Sie ob sie sonst noch so machen, wo sie sonst noch so investieren? Und wenn Sie schon persönlich werden - wo investieren Sie denn z.B. in den Artenerhalt?