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Wohin im Ernstfall?Auswandern als Partyspiel

Auswandern als Ultima Ratio. Die Frage ist, wohin und ob es dort dann wirklich besser ist. Unsere Autorin bricht ihren Versuch ab und kommt zurück nach Berlin.

E in Partyspiel, bei dem man sich ausmalt, wo man im Ernstfall hin auswandern würde, wie es Arne Semsrott im Interview in dieser Zeitung beschrieb, ist mir neu. Dass das Thema aber mehr als präsent ist, merke ich bei einem Berlinbesuch an mehreren Ecken. Da ist eine Frau in der Ringbahn, die sich mit ihrer Nachbarin über Rassismus echauffiert, den sie erst kennenlernte, als sie aus Ghana nach Deutschland gekommen sei. Sie argumentiert sich in Rage, schimpft auf das Leben hier oder besser: die Leute.

Um zu unterstreichen, was ihr so zusetze, schildert sie eine Unfallszene, bei der sie – eigentlich Opfer – am Ende wegen Beleidigung Sozialstunden leisten musste. Sie nutzt Worte, die ich nicht reproduzieren möchte, und ist offenkundig wütend, aber auch verzweifelt. Dass sie nicht will, dass ihre Kinder hier groß werden müssen, sagt sie, und ich hoffe einfach, dass dies niemand von den Umsitzenden zum Anlass nimmt, feindlich zu werden. Zwei Tage später sind es wieder Frauen, die über das Auswandern sprechen, am Flughafen BER.

Die Türkei sei noch zu nah an Deutschland, sagen sie, und dass die Wehrpflicht mit ein Grund sei, übers Auswandern nachzudenken. Sie sprechen von ihrer Heimat und der Sprache, beides scheint deutsch geprägt zu sein, und wie schwer es wäre, beides zu verlassen. Ich stimme gedanklich zu und mache mir zum ersten Mal in langer Zeit auch meine Gedanken dazu. Ich bin quasi ausgewandert, wenn auch nur eine Grenze weiter in denselben Sprachraum.

Aktuell denke ich eigentlich wieder darüber nach, zurück nach Berlin zu ziehen, vermisse ich doch mein Umfeld hier. Vielleicht sollte ich dann eine Party organisieren, bei der meine Freun­d*in­nen und ich das Szenario Auswandern mal durchspielen, nur so zur Sicherheit.

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Sophia Zessnik

Sophia Zessnik Redakteurin

Sophia Zessnik ist seit 2019 bei der taz und arbeitet in der Kulturredaktion. Sie schreibt am liebsten über Alltägliches, feministische Themen und Menschen im Allgemeinen. In ihrer Kolumne „Great Depression“ beschäftigte sie sich außerdem mit dem Thema psychische Gesundheit.
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