: Wohin die Reise geht
Brigitte Sändig ist in der DDR aufgewachsen, Heidi Nandeko in Westberlin. Heute leben beide in der Cajewitz-Stiftung in Pankow und erinnern sich an ihre Leben, die so manches gemein haben
Von Waltraud Schwab (Text) und Doro Zinn (Fotos)
Wieso das Trennende suchen, wenn das Verbindende so viel interessanter ist? Das fragen sich die zwei Frauen, die in einer Wohnanlage leben, in der Menschen im Alter selbstbestimmt bleiben sollen.
Draußen: An der Kreuzung beim Rathaus im Berliner Stadtteil Pankow treffen sich fünf Straßen. Ein Weg führt in ein Parkhaus. Leute, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, müssen höllisch aufpassen. Und auch für Autofahrer gilt: Das hier ist für Fortgeschrittene. Wer an dem Knotenpunkt wohnt, verzichtet auf Blumen auf den Balkonen, weil die sowieso nicht zu nutzen sind. Auch die Senioreneinrichtung der Cajewitz-Stiftung, die hier ihren Sitz hat, wirkt von der Straße aus mehr wie ein Büro.
Der Innenhof: Wer zum Eingang will, muss zwischen dem Parkhaus und der Seniorenstiftung in den Innenhof laufen. Hier endlich wachsen Bäume, auf den Balkonen blüht es. Es gibt ein Restaurant und gegenüber im Haus eine Sauna. Menschen kommen und gehen.
Drinnen: In den Fluren, von denen die Apartments abgehen, hängt moderne Kunst. Brigitte Sändig wohnt im zweiten Stock; 45 Quadratmeter, eineinhalb Zimmer, Kochnische, Balkon. Ein Blickfang im Wohnzimmer ist der schwere runde Tisch am Fenster. Und das Bücherregal. Mehrfach prangt an Buchrücken der Name des Schriftstellers Albert Camus.
Teilhabe: Brigitte Sändig ist vor einem Jahr in das Haus der Cajewitz-Stiftung gezogen. Heidi Nandeko, die zum Treffen dazukommt, wohnt seit drei Jahren hier. Beide bereuen die Entscheidung „ganz und gar nicht“. Die früheren Wohnungen waren zu groß, zu sehr mit Erinnerungen behaftet. Hier, im neuen Zuhause, werden sie als alte Menschen ernst genommen. „Es wird viel getan, damit uns gesellschaftliche Teilhabe möglich ist und wir uns einbringen können“, sagt Nandeko. Kulturangebote, Sport, Diskussionen, Kunst – das Spektrum ist groß. Dafür bezahlen sie monatlich einen Veranstaltungsbeitrag.
Ost/West: Freundinnen sind die zwei nicht. Nur vom Sehen kennen sie sich. Aber sie verkörpern etwas, das der Leitung und den Mitarbeitenden der Senioreneinrichtung wichtig ist: dass Menschen mit Ost- und Menschen mit Westbiografie einander begegnen können. Dabei beginnen ihre Leben ähnlich. Beide wurden in Dresden geboren. Nandeko 1943, Sändig ein Jahr später. Krieg und Nachkrieg hat die eine in die BRD geführt, die andere ist in der DDR aufgewachsen.
Unterschiede: Jetzt sitzen sie in Sändigs Apartment und versuchen zu benennen, was das Leben im Osten anders gemacht hat als im Westen. Das sei gar nicht so einfach. Denn im Alter spiele das Verbindende eine Rolle. „Wenn ich hier jemanden treffe, dann frage ich mich nicht, ist der aus dem Osten, sondern, ist der sympathisch“, sagt Nandeko, die Westberlinerin. Sowieso, meint wiederum Sändig, sei die Verständigung hier nicht so schwierig wie früher im Berufsleben, „weil der Existenzkampf rausgenommen ist“.
Zwei von 160: Unerwartet gibt es dann aber doch eine erste Differenz. Die der Sprache. Sändig, die Frau mit Ostbiografie, sagt, 160 „Insassen“ leben in der Cajewitz-Stiftung. „Da denke ich an Gefängnis“, meint die Westberlinerin prompt. Sändig empfindet das nicht so. Gemeinsam suchen sie nach anderen Begriffen: Bewohnerschaft, Mitwohnende, „aber man sollte nicht alles gendern“, sagt Sändig.
Spielplatz Straße: Die Nachkriegszeit war schwierig. Nandeko war jüngstes von vier Kindern, der Vater tot, die Mutter allein und überfordert. Das Mädchen wuchs für kurze Zeit bei einem Gemüsegroßhändler in Tempelhof auf. Die Leute wollten sie adoptieren, aber das wollte die Mutter nicht, deshalb kam sie zurück zu ihr, wurde aber meist sich selbst überlassen. Die Straße sei ihr Spielplatz gewesen. „Man kann es Freiheit nennen“, sagt Nandeko. Allerdings hätten Frauen, die im Westberlin der Nachkriegszeit ihre Nachmittage auf Kissen lehnend am Fenster verbrachten, ein scharfes Auge auf sie gehabt.
Kriegsheimkehrer: Sändigs Vater wiederum kam 1949 aus sowjetischer Gefangenschaft. „Er wurde nach dem ‚Nazi-Ausrutscher‘, seine Worte, überzeugter Sozialist.“ Auch ihr Familienleben war schwierig. Der Vater starb mit 95 Jahren. „Wir haben nie über die schlimmen Dinge geredet“, sagt Sändig.
Schulkarrieren: Nandeko, die Westberlinerin, war in der Schule unambitioniert. „Es gab faule Phasen.“ Nach der zehnten Klasse geht sie zur höheren Wirtschaftsfachschule. „Ich habe aber erst gar nicht angefangen zu arbeiten.“ Stattdessen heiratet sie 1963, bekommt zwei Kinder. „Ich war eine gelangweilte Hausfrau. Nicht unglücklich, aber auch nicht gefordert. Was kochst du heute? – solche Gespräche.“ Und Sändig: „Gelangweilte Hausfrau – in der DDR gab’s das nicht.“ Sändig macht nach dem Abitur erst mal eine Lehre. „Jeder musste in meinem Jahrgang einen Beruf erlernen. Ich wurde Bibliotheksfacharbeiter.“ Danach studiert sie Germanistik und Romanistik. Dann passiert etwas Richtungweisendes: „Ich wurde als Forschungsstudent ausgewählt.“ Sie soll eine Doktorarbeit über Albert Camus schreiben. Ihr war das recht. „Camus war für viele interessant.“
Camus: Auch Sändig heiratet jung. Aber 1970 lebt sie als Dolmetscherin einer „Brigade der Freundschaft, einer Entwicklungshelfergruppe im Blauhemd“, ein Jahr lang ohne Mann in Algerien. In Sändigs Schlafzimmer hängt ein Schwarz-Weiß-Foto des Camps, wo sie wohnten. Algerien passte ihr sehr in den Kram. Camus ist in Algerien geboren und verbrachte einen Großteil seines Lebens dort. In Algerien fühlte sie sich ihm näher.
Das Buch: Zurück in Ostberlin, bekommt sie bald ihren Sohn, wird mit ihrer Doktorarbeit über Camus promoviert und schreibt eine Biografie über ihn. „Nach der Wende ist meine Camus-Biografie unverändert noch mal erschienen“, sagt sie und zeigt das Buch. Unverändert – das ist ihr wichtig. Derweil versucht die Westberlinerin sich weiter in ihrer Hausfrauenrolle – zunehmend genervt, zunehmend ausbrechend.
Der zweite Mann: Wie dem auch sei, die Ehen beider Frauen scheitern und beide finden neue Partner. In Westberlin lebt Nandeko nun mit einem Naturwissenschaftler, der sich auch um die Kinder kümmert. Jetzt kann sie berufsbegleitend eine Ausbildung zur Religionslehrerin machen und arbeitet später an der kirchlichen Hochschule bei der Ausbildung von Religionslehrern mit. In Ostberlin wiederum findet Sändig, die nach der Promotion am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften arbeitet, ihren zweiten Mann, der Physiker und Kopf eines Puppentheaters ist. Auch diese Beziehung ist ein Aufbruch, weil mit ihm eigensinniger gedacht wird. In ihrem Apartment hängen Plakate von Aufführungen.
Die Welt: Außerdem reisen beide Frauen viel mit ihren Männern. Die eine in westliche Länder, die andere in östliche. Wenn Nandeko heute an Russland, die USA, die Türkei, Israel denkt, wird ihr mulmig. „Die Türkei, was für ein tolles Land. Aber politisch darf ich nicht dran denken. Und nach Russland will ich auch nicht mehr.“ „Ich schon“, sagt Sändig.
Zäsur: 1989, die Wende. Sie ist für Sändig beruflich ein Einschnitt. Denn ihre wissenschaftliche Arbeit kommt auf den Prüfstand. Viele an der Akademie der Wissenschaften verlieren ihre Arbeit. Fachbereiche werden zerschlagen; „abgewickelt“ ist das Schlagwort. Sändig hat Glück, bekommt nach langem Hin und Her an der Uni in Potsdam eine Professur. „Aber ich hatte zwei Freunde, die die neue Unsicherheit nicht ausgehalten haben. Soziale Sicherheit, die hatte man doch in der DDR.“ Die Wende sei mit so viel Hoffnung verbunden gewesen. Kritisch fügt sie hinzu: „Viele Menschen in der DDR haben nur die Schokoladenseiten des Westens gesehen.“ Da mischt sich Nandeko ein: „Der Fachbereich Drucktechnik an der Universität der Künste in Westberlin, wo mein Mann lehrte, wurde auch abgewickelt.“
Tod: 2004 stirbt Nandekos Mann. Sie lebt ihr Leben weiter, arbeitet und reist viel. Sändig wiederum kann jetzt in Sachen Camus unterwegs sein. Ihr Mann stirbt 2018. „Man kämpft sich durch die Trauer“, sagt Nandeko. Vor 15 Jahren lernte die Westberlinerin dann ihren jetzigen Lebensgefährten kennen. Anders als sie hat er einen starken Bezug zur ehemaligen DDR. Er zeigt ihr den Osten. „Da habe ich erst begriffen, wie schön dieses Land ist. Dresden, das ich wiedergesehen habe, ist für mich wie London. Ich liebe diese Stadt.“
Zwei Leben: Und jetzt? Beide entscheiden sich für die Gegenwart. Wer im Seniorenheim wohnt, weiß, wohin die Reise geht, sagt die Westberlinerin.
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