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Woher kommt dein Gold, Madonna?

Die Künstler Alice Creischer und Andreas Siekmann verfolgen im Dommuseum Hildesheim die Lieferketten heiligen Geräts bis nach Potosí und in den Kongo

Sakramente in Ketten: Johannes Hopffe, Wrisberg-Epitaph – Ausschnitt aus der Mitteltafel, vor 1590 Foto: Florian Monheim; Dommuseum Hildesheim

Von Sophie Jung

Im mächtigen vorromanischen Unesco-Weltkulturerbe-Dom von Hildesheim steht die „Große Goldene Madonna“. Die 1.000 Jahre alte Holzfigur soll eines der ältesten vollplastischen Bilder Mariens sein, bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde sie bei Prozessionen mitgeführt oder zur Verehrung ausgestellt. Man strapazierte sie dadurch derart, dass schon mehrmals ihr Kopf mit den entrückten Gesichtszügen ausgetauscht werden musste. Gehüllt ist die Madonna in ein Gewand aus Gold. Woher kam dieses Gold? Und das Silber, das man ihr als Schmuck bis in die Barockzeit umhängte?

Auch die heiligen verehrten Dinge sind über Lieferketten irgendwann einmal in den Hildesheimer Domschatz gelangt. Und man weiß nicht nur durch Hubertus Heils Lieferkettengesetz, dass an der Art, wie für den globalen Markt Rohstoffe verbreitet werden, viel Unrecht kleben kann. Das wussten gewiss auch die Kirchenherren der Geschichte. Sie konnten aber über eine Politik der Bilder den falschen Fluss des Materials, die Verachtung von Mensch und Natur in Einklang mit einer christlichen Ideologie bringen. Insbesondere bei der Missionierung der Kolonien mit ihren reichen Naturschätzen.

Das ist eine der interessanten Thesen, die Alice Creischer, Berliner Künstlerin, und ihr Kollege Andreas Siekmann schon seit einigen Jahren mit ihrem Ausstellungs-, Publikations- und Archivprojekt zum „Potosí-Prinzip“ verfolgen. Potosí, die bolivianische Stadt auf einer Hochebene des Altiplano mit riesigen Silbervorkommen, 1545 dem spanischen Imperium einverleibt, aus deren Minen christianisierte Indigene über Jahrhunderte hinweg das Edelmetall fürs hungrige Europa herausschufteten, vielleicht auch für den Schmuck der Hildesheimer Madonna.

Creischer und Siekmann plündern nun ihrerseits in der Ausstellung „Die Zirkulation von Arbeit, Kapital und Leben als Lieferkette“ im Hildesheimer Dommuseum den dort sorgfältig ausgebreiteten Kirchenschatz aus. Ideell plündern sie. Mit ihrer schrulligen, akribischen Kunst.

Mit Otto Neurath zum Coltan

Durch die Säle des alten Doms legen sie in eigenwilliger Systematik mit Ketten aus ausgeschnibbelten Fotokopien einen Parcours, daran baumeln Grafiken, historische Fotografien und Bildreproduktionen. Zwischen prächtigen Renaissancegobelins liegen Bildstatistiken im Stil Otto Neuraths aus dem Roten Wien, ihre Figuren stellen in Zahlen die blutigen Konflikte im Kongo um das dort abgebaute Coltan dar: 1.900 Tonnen der seltenen Metallerde wurden demnach 2023 aus den Minen von der DR Kongo exportiert, vornehmlich für die Digitaltechnologie und als Futter für die weltweiten Börsenkurse.

Faszinierend und wild ist die bildliche Formel von Siekmann und Creischer, aber doch irgendwie schlüssig

In verhuschter Wissenschaftlichkeit, frei nach dem Kunstwissenschaftler Aby Warburg und seinem legendären Mnemosyne-Atlas vergleichen Creischer und Siekmann Formen, Schemata und Motive quer durch die Bilder, die eine Geschichte von Kirche und Wirtschaft produziert hat. Von einem originalen vergoldeten Kontinenteleuchter aus dem 12. Jahrhundert mit der Allegorie Europas als Kriegsgestalt zum kuriosen Kleidungsstück eines Nerzes, auf den die Börsenkurve des Rheinmetall-Konzerns gestickt ist.

Auch die Große Goldene Madonna taucht auf. Als Stumpf. Es ist die Kopie ihres hölzernen Kerns. Daneben steht ein weiterer Stumpf. Das Keramikobjekt der argentinischen Gegenwartskünstlerin Sonia Abián ist ein eigenwilliges Modell für den auszuschöpfenden Silberberg, Albián sieht darin auch ein Symbol für die Frau als Mutter.

Im Zentrum steht ein ungewöhnliches Hildesheimer Bildnis der Sakramente aus dem späten 16. Jahrhundert. Mit ornamental übers Gemälde schwingenden Eisenketten bindet auf dem sogenannten Wrisberg-Epitaph die Figuration der katholischen Kirche als Frau mit Papstkrone ihre Untertanen an sich. Über ihr ist Jesus am Kreuz. Aus dessen Stigmata fließt das Blut wie bei einem kunstvollen Springbrunnen in die Kelche der Geketteten.

Vor dem Stumpf der Madonna: Ansicht „Die Zirkulation von Arbeit Kapital und Leben als Lieferkette“ von Creischer/Siekmann Foto: Florian Monheim, Dommuseum Hildesheim

Der ausgepresste Jesus

Jesus wird ausgepresst wie eine Weintraube. Auf einem Kupferstich der gleichen Zeit taucht Christus selbst in der Weinpresse auf. Leid, Ausbeutung und Ertrag werden auf diesen Bildern Teil der kirchlichen Heilsgeschichte. Vom Pressen Jesu über die Technik des Pressens und Prägens bis hin zur Darstellung der Silbergewinnung in Potosí. Faszinierend und wild ist die bildliche Formel von Siekmann und Creischer, aber doch irgendwie schlüssig. Und radikal: Die beiden betreiben hier die Demontage der Institution Kirche zur bloßen Knechtin fürs Kapital.

Eine postapokalyptische Madonna? Pierre Huyghe, „Liminals“, 2026. Installationsansicht in der Halle am Berghain, Berlin Foto: Andrea Rossetti, ©VG Bild-Kunst, Bonn, 2026; Courtesy Pierre Huyghe, LAS Art Foundation, Hartwig Art Foundation

Die Kirche, die Madonna und der Extraktivismus – die Motive tauchen auch derzeit beim französischen Starkünstler Pierre Huyghe auf. Noch wenige Tage ist im Berliner Technoclub Berghain sein Film „Liminals“ zu sehen. Auf einer riesigen Leinwand – perfektes Bild, perfekter Sound – breitet er im Dunkel unter den monumentalen Betontrichtern der kathedralenartigen Berghain-Halle eine KI-generierte dystopische Zukunftsszenerie aus.

Eine geisterhafte weibliche Gestalt ohne Gesicht aber mit Kaiserschnittnarbe, sozusagen die postapokalyptische Madonna, wandert durch eine ausgelaugte Felslandschaft. „Liminals“ ist teure Überwältigungsästhetik. Der betörende Film zwingt einen regelrecht, sich Huyghes düsterem Untergangsszenario zu fügen.

Künstlerisch ist das eine vollkommen andere Methode als die Creischers oder Siekmanns in Hildesheim, obwohl sich doch alle an den Auswüchsen des Kapitalismus abarbeiten. Doch während Huyghe auf den großen emotionalen Effekt setzt, müssen die Be­su­che­r:in­nen in Hildesheim richtig arbeiten. Das tut den schönen Künsten auch mal gut. Das schärft den kritischen Geist, bevor man überwältigt vorm ästhetischen Objekt, vor einer Madonna, niederkniet. Sophie Jung

Wrisberg Altar

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