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Großstadt und Dorf zugleich: Tempelhof-Schöneberg ist ein vielfältiger Bezirk. Im Norden feiern die Queeren, im Süden hetzen Senioren gegen Ausländer
Foto: Anna Tiessen
Von Plutonia Plarre
Stuhlgymnastik in Lichtenrade. Nur zwei Seniorinnen und zwei Senioren sind an diesem Vormittag gekommen – alle weit über 70, gebürtige Deutsche, weiß. Normalerweise beteiligen sich doppelt so viele. Menschen mit Migrationshintergrund, so ist hören, hätten das kostenlose Angebot bislang kaum genutzt. „Und dann setzen wir uns aufrecht auf das vordere Drittel des Stuhls und schwingen die Arme seitlich vor und zurück“: Mit ruhiger Stimme gibt eine Gymnastiklehrerin die Übungen vor.
Das vom Pestalozzi-Fröbel-Haus betriebene Nachbarschaftszentrum hat Seniorenarbeit zu einem seiner Schwerpunkte gemacht. Seit zwei Jahren gibt es das Zentrum im Bornhagenweg, der zum Nahariya-Quartier gehört. Die Räume und sind hell und freundlich, das Programm vielfältig. Ein Nachbarschaftscafé und ein arabisches Mitbring-Frühstück werden veranstaltet. Es gibt einen Spieletreff, eine Beratung für Behördenanliegen und auch die Mieterinitiative Nahariya-Kiez trifft sich dort.
Lichtenrade ist der südlichste Zipfel des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, drei Seiten grenzen an Brandenburg. „Die Leute hier sagen, ich fahre in die Stadt, wenn es nach Norden geht“, erzählt Alexandra Däxl, Leiterin des Nachbarschaftszentrums.
Flächenmäßig ist Tempelhof-Schöneberg der drittgröße Bezirk von Berlin. „Zwischen Großstadt und Idylle“- nicht von ungefähr ist das der Titel der aktuellen Bezirksbroschüre. Großstadt – das ist der Norden, plus Friedenau, wo die Mehrheit bei den letzten Kommunalwahlen größtenteils Grün gewählt hat. Zum Norden, auf den die Medien viel Aufmerksamkeit richten, gehört die Kurfürstenstraße, Armutprostitution, Obdachlose und Crackabhängige. Und auch der Regenbogenkiez rund um Motzstraße und Nollendorfplatz, wo gerade Hunderttausende das 32. Lesbisch-Schwule Straßenfest feierten – und den CSD, der am Samstagabend mit einem islamistischen Anschlag ein tragisches Ende nahm.
Auch das Tempelhofer Feld könnte man noch dem Norden zuschlagen. In Zeiten des Klimawandels kommt dem alten Flughafengelände eine immer größere Bedeutung als Kühlungsfaktor zu. „Wenn man aufs Feld kommt, öffnet sich der Himmel,“ bringt es die grüne Bezirksstadträtin Saskia Ellenbeck auf den Punkt. „Das ist ein Freiheitsgefühl.“
Flächenmäßig ist Tempelhof-Schöneberg der drittgröße Bezirk von Berlin. Rund 356.000 Menschen leben hier. Es gibt fünf Ortsteile: Schöneberg, Friedenau, Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade. Seit den letzten BVV-Wahlen wird der Bezirk von CDU (30,8 Prozent), Grüne (23,8) und SPD (19,7) regiert. Die Linke kam auf 7,9 Prozent, die AfD auf 6,2.
Finanztechnisch steht der Bezirk solide da und erwirtschaftet jedes Jahr Überschüsse, die in den nächsten Haushalt fließen. Die Grünen stellen mit Jörn Oltmann den Bürgermeister und mit Saskia Ellenbeck die Stadträtin für Umweltschutz, Straßen, Grünflächen. Die CDU hat drei Stadtratsposten. Matthias Steuckhard, zuständig für Soziales und Senioren, wurde gerade von der Regenbogencommunity für sein queeres Engagement ausgezeichnet.
Bei den BVV-Wahlen im September tritt Steuckhardt für die CDU als Bürgermeisterkandidat an. Auch Oltmann möchte Bürgermeisterin bleiben und Ellenbeck Stadträtin. Die SPD wechselt die Pferde: Oliver Schworck, 20 Jahre SPD Stadtrat für Jugend und Gesundheit, zieht es ins Abgeordnetenhaus. Beerben möchte ihn die bisherige SPD-Fraktionschefin Marijke Höppner. Die Linken hoffen mit Blick auf die guten Landesumfragen erstmals auf einen Stadtratsposten. Für sie tritt die Seiteneinsteigerin Ellen Ehmke als Spitzenkandidatin an. Die Frage ist, wieviel Prozent die AfD bekommt und ob es reicht, Anspruch auf einen Stadtratsposten zu erheben. (plu)
Der Teltowkanal bildet innerhalb des Bezirks nicht nur eine räumliche Grenze. Mit Werten von bis zu 50 Prozent und mehr ist der Süden – Mariendorf, Marienfelde, und Lichtenrade – fest in CDU-Hand. Auch die AfD punktete hier anders als im Norden zweistellig im Zehnerbereich. Gegenüber der Wahl von 2016 verzeichneten die Blauen aber nahezu überall deutliche Verluste.
Lichtenrade hat letztes Jahr 650. Jubiläum gefeiert. Mit dem Kopfsteinpflaster rund um die alte Dorfkirche, den Gartenhaussiedlungen mit Ein- und Mehrfamilienhäusern aus den 1920er- und 30er-Jahren wirkt der Ortsteil fast idyllisch. Aber es gibt auch andere Bilder: graue, trostlose Fassaden, ungepflegte Außenanlagen. Rund 8.000 Menschen aus unterschiedlichsten Nationen leben in der Nahariya-Siedlung.
Die 5- bis 11-geschossigen Häuser wurden in den 60er und 70er Jahren von der Evangelischen Kirche vor allem für Familien gebaut. Inzwischen gehört ein Großteil der rund 3.200 Wohnungen dem Immobilienunternehmen Adler Group mit Sitz in Luxemburg. Die Adler Group hat in den letzten Jahren immer wieder Schlagzeilen produziert.
Harald Gindra, der für die Linke in der BVV Tempelhof-Schöneberg sitzt, listet die Mängelliste der Mieterinitiative Nahariya-Kiez auf: Heizungsausfälle, Fenster undicht, Aufzüge defekt, Legionellenbelastung, Schimmelbefall, Sanierungsstau. „Das ganze Programm“, sagt Grinda. Für die Linke hat er dazu schon viele Anfragen an das Bezirksamt gestellt, die letzte im April. In der Antwort werden eine schlechte Erreichbarkeit der Adler Group sowie lange Reaktionszeiten auf Instandhaltungsanfragen bestätigt. Aber das hilft den Mietern auch nicht.
Eine Stunde dauert die Stuhlgymnastik. „Im Zeitlupentempo aufstehen, Arme hoch, tief einatmen, fallenlassen, ausatmen“, die Gymnastiklehrerin läutet das Ende ein. Heute ist ein bisschen früher Schluss. Die Seniorinnen und Senioren haben sich bereit erklärt, der taz zu erzählen, wie es sich in Lichtenrade lebt und was sie sich von der Bezirkspolitik wünschen.
Foto: Anna Tiessen
Was kommt, gleicht einem Tsunami. Drei von ihnen – sie seien Hartmut, Helga und Marianne genannt, was nicht ihre richtigen Vornamen sind – wohnen in den Hochhäusern der Nahariya-Siedlung. Wortführer ist Hartmut, dessen Ehefrau Helga und Marianne geben ihm recht, formulieren manches nur nicht so drastisch.
Zusammengefasst: In der Siedlung gebe es „viel zu viele Kopftücher“. Viel zu viele junge Leute, die Wohngeld kassierten, „die sollte man mal zwingen, arbeiten zu gehen“. Die Kriminalität nehme immer mehr zu, „die Mafia“ mache sich breit, zu erkennen an den großen Autos vor einem bestimmten Restaurant, das früher mal sehr gut gewesen sei, aber nach mehrfachem Eigentümerwechsel zusehends verkomme. Sogar geschossen worden sei in Lichtenrade, entrüstet sich Hartmut. „Das hat es früher nicht gegeben.“ Fast immer schwingt der Subtext mit: Die Zuwanderer sind schuld.
Wenn am 22. September das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt wird, können die Wähler:innen auch gleich ihr Kreuzchen für das Bezirksparlament machen, offiziell Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Bezirke sind zwar keine eigenständigen Kommunen, nehmen aber wichtige Aufgaben der Verwaltung wahr, etwa bei Schulen und in Grünflächen, in den Bürgerämtern und bei der Jugendarbeit. Und obwohl sie immer zu wenig Geld haben, treffen die Bezirksämter bisweilen wichtige politische Entscheidungen – zum Beispiel über Milieuschutzgebiete, Bebauungspläne oder Radwege.
Ortstermin: Was ist los in den 12 Großstädten, aus denen Berlin besteht? Was bewegt die Bürger:innen, wo drückt der Schuh, was steht auf dem Spiel? Bis zur Wahl unternimmt die taz jede Woche Montag einen Ortstermin. Alle Teile der Serie finden sie hier auf taz.de versammelt.
Hartmut war früher in der Desinfektionsabteilung eines Gesundheitsamts tätig, seit 20 Jahren lebt er in der Siedlung. Helga war Verkäuferin, Marianne ist Hausfrau, 50 Jahre schon lebt sie vor Ort. Seid Corona habe es viele Neueinzüge gegeben, davor sei alles viel besser gewesen, sagt sie. „Der Müllplatz sieht aus, da tanzen die Ratten Samba.“ Warum sie sich nicht bei der Hausverwaltung beschwert? Sie wisse gar nicht, wer zuständig sei, sagt Marianne. Man bekomme keine Antwort.
Mitten in der Nahariya-Siedlung befindet sich die Teltow-Apotheke von Andreas Dehne. Der 70-Jährige kennt die Geschichte des Wohnblocks genau. Sein Vater hat die Apotheke 1978 gegründet, er hat sie 1997 übernommen. Es gebe in der Siedlung viele Missstände, man brauche sich nur die Fassaden anzugucken, sagt Dehne. Bevor die Häuser verkauft worden seien, sei das eine sehr schöne, gepflegte Anlage gewesen. Die Bewohnerstruktur habe oft gewechselt. Anfang der 80er Jahre seien zunächst türkische Familien eingezogen, aus Kreuzberg und Neukölln. Gefolgt von Menschen aus Jugoslawien und Osteuropa, Afghanistan, dem Nahen Osten und Nordafrika. Nach wie vor lebten in der Siedlung auch viele gebürtige Deutsche.
Andreas Dehne, Apotheker in der Nahariya-Siedlung
Im Nahariya-Quartier gibt es seit 2021 ein Quartiersmanagement. Viele Einrichtungen bemühten sich um sozialen Ausgleich und demokratischen Zusammenhalt, sagt Alexandra Däxl vom Nachbarschaftshaus. Auch Bildungsbotschafterinnen, die in anderen Bezirken Stadtteilmütter heißen, gebe es. Früher seien die Stadtränder vielleicht von der Politik vernachlässigt worden, sagt sie. Aber der Bezirk habe Lichtenrade inzwischen gut auf dem Schirm.
Er selbst habe angesichts der vielen Projekte den Überblick verloren, sagt Apotheker Dehne. Er wünsche sich eine bessere Übersichtlichkeit, auch im Sinne der Nutzer. Ob die Angebote etwas bringen, könne er nicht beurteilen, weil die Fluktuation der Bewohner sehr groß sei. „Brennpunkt ist aber keine Vokabel, die ich für die Nahariya-Siedlung benutzen würde“, betont Dehne. „Im Vergleich zu Neukölln oder dem Märkischen Viertel sind die Probleme im Kiez wirklich zu vernachlässigen “.
Foto: Anna Tiessen
Im Nachbarschaftszentrum arbeitet eine gebürtige Syrerin als Bildungsbotschafterin. Sie hilft bei den Aktivitäten und übersetzt vom Arabischen ins Deutsche und umgekehrt. Angesprochen worden sei sie wegen ihres Kopftuches in sechs Jahren nur ein einziges Mal, erzählt sie. Eine alte Frau habe sie auf der Straße gefragt, warum sie das in Deutschland trage.
Auch eine von Dehnes Mitarbeiterinnen trägt Kopftuch. Er habe viele Zuwanderer als Kunden, sagt der Apotheker. Treue verlässliche Menschen seien das. Die Ausländerfeindlichkeit von alteingesessenen Deutschen ist ihm nicht verborgen geblieben. Dehne erklärt sich das mit Vereinsamung, Frustableitung und der Macht der Medien. „Wenn man nur die Springer-Zeitungen liest und Fernsehen guckt, multipliziert sich das.“
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Eigentlich wüssten diese alten Menschen nichts über ihre Nachbarn, obwohl sie Tür an Tür wohnen, sagt Däxl. „Man redet mehr übereinander, als miteinander.“ Natürlich dächten nicht alle so. „Es ist frustrierend für die, die sich hier engagieren, wenn die Lichtenrader immer als rechtslastig abgestempelt werden.“ Aber als einzelne Seniorin gegenzuhalten, wenn die Gruppe auf Ausländer schimpfe, erfordere schon Mut. Im November gebe es im Kiez wieder einen Workshop, bei dem man Argumentieren lernen könne. Der erste sei ausgebucht gewesen.
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Hartmut hat sich in Rage geredet. Er sei kein Ausländerfeind, wettert er – niemand hatte ihm das vorgeworfen. „Paketdienst, Krankenhaus, Bau – wir brauchen die Ausländer, aber keine Verbrecher und Sozialschmarotzer.“ Und AfD-Wähler sei er auch nicht, betont Hartmut. Einmal habe er die Blauen gewählt, werde das aber nicht wiederholen. „Die machen es ja auch nicht besser“, bestätigt Marianne. Was sie von der Politik erwarten? „Das lässt sich doch nicht mehr lösen, der viele Müll und das alles hier“, sagt Helga.
Gern würde sie interkulturelle Dialoge für die ältere Bevölkerung anbieten, sagt Däxl. Auf Augenhöhe. Das Problem sei nur, dass alte Migrantinnen und Migranten nicht so einfach zu erreichen seien. Und die brauche man ja schließlich dazu.
Auf einer Einsamkeitskonferenz des Bezirksamts sagte eine Referentin Anfang Juli: Die alten Einwanderer kämen meistens nicht von sich aus, man müsse sie in ihren Communitys abholen. Aber die Konferenz fand im Norden, im Rathaus Schönberg, statt.
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