Wissenschaftsjahr 2015 eröffnet: Der ökologische Umbau der Städte

„Zukunftsstadt“ ist das Thema des Wissenschaftsjahrs. Die Forschung soll zeigen, was sie zum Bau von nachhaltigen Städten beizutragen hat.

Nachhaltig und ökologisch soll die Zukunftsstadt sein. Bild: imago/Mario Aurich

BERLIN taz | „Die Emissionsuhr am Rathaus zeigt seit bald 30 Jahren an, welchen Ausstoß an Kohlendioxid jeder Einwohner im Jahr statistisch betrachtet zu verantworten hat. Längst hat die Uhr den Kilogrammmaßstab erreicht und wird von den jüngeren Bewohnern kaum noch wahrgenommen, so selbstverständlich ist ihnen das kohlendioxidneutrale Leben geworden.“ Ein Blick in die ökologisch umgebaute Zukunftsstadt der nächsten Generation, formuliert in einer ersten Version der Hightech-Strategie der Bundesregierung.

Seit Donnerstag ist Deutschland der urbanen Utopie einen Schritt näher: Im Berliner Neubau des Bundesforschungsministeriums, selbst ein Vorzeigemodell ökologischen Bauens, wurde von Hausherrin Johanna Wanka das “Wissenschaftsjahr Zukunftsstadt“ eröffnet. Das ganze Jahr über soll bundesweit in einer Vielzahl von Veranstaltungen dargestellt werden, was die Forscher zum Bau, Umbau und Management von umweltverträglichen und nachhaltigen Städten beizutragen haben.

Die anstehenden Aufgaben für die Wissenschaft selbst sind in einer strategischen “Forschungs- und Innovationsagenda“ (Fina) (pdf-Datei) zusammengefasst, die von der „Nationalen Plattform Zukunftsstadt“ (NPZ) in einem mehrjährigen Arbeitsprozess formuliert und am Donnerstag Ministerin Wanka offiziell überreicht wurde.

Der Plattform gehörten neben den einschlägigen Bundesministerien für Forschung, Umwelt, Bau, Wirtschaft und Infrastruktur auch Vertreter der Kommunen und der Zivilgesellschaft an. Koordiniert wurde der Fachdiskurs vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin und der Fraunhofer-Gesellschaft.

Für die nächsten fünfzehn Jahre hat sich die Forschungs-Agenda viel vorgenommen. Das Programm orientiert sich, wie es in dem 135 Seiten starken Papier heißt, an der „Vision einer CO2-neutralen, energie- und ressourceneffizienten, klimaangepassten, wandlungsfähigen, lebenswerten und sozial inklusiven Stadt der Zukunft“. Neu an dem Ansatz ist die Kombination von Wissenschaft und kommunaler Praxis, einschließlich einer stärkeren Bürgerbeteiligung.

Neun Leitthemen

„Nur mit neuen Impulsen für die Forschung, einer besseren Verzahnung mit der Umsetzung und ihrer Realisierung in praktischen Innovationen und der Implementierung vor Ort sind die großen Herausforderungen der Zukunft unserer über Jahrhunderte gewachsenen Städte und Landkreise zu bewältigen“, heißt es in der Fina-Agenda.

Insgesamt neun „Strategische Leitthemen“ wurden definiert, die für die urbane Zukunft von Bedeutung sind. Starken Anteil haben technische Infrastrukturen wie die Energieversorgung, Gebäudetechnik sowie Verkehr und Warenströme. Weitere Themen sind „Stadtökonomie“ sowie „Daten, Informationsgrundlagen und Wissensvermittlung“. Dem Klimawandel geschuldet ist das Strategische Leitthema 4: „Resilienz und Klimaanpassung“.

Neue Öko-Situationen in den Kommunen müssen vorgedacht und geplant werden: „ein umfassendes Chancen- und Risikokataster auf der Grundlage von Vulnerabilitäts- und Risikoanalysen“ streben die Stadtforscher an. Erfahrungen hierzu bestünden bereits „im Katastrophenschutz, der sich umfänglich mit kritischen Infrastrukturen beschäftigt“, etwa dem Blackout der Stromversorgung und dem Abschmieren des Internets. Hinzu kommen „Erhalt und Ausbau grüner und blauer Infrastrukturen für Resilienz und Klimaanpassung“, auf Deutsch: städtische Grünanlagen und Gewässer.

Die Menschen nicht vergessen

Gelingen wird der Stadtumbau nur, wenn die dort lebenden Menschen beteiligt werden. „Die Zivilgesellschaft muss in die Planungsprozesse mit einbezogen werden“, betont Stadtforscher Jens Libbe vom Difu. Die Entwicklung einer „neuen Beteiligungskultur“ ist für ihn essenziell für einen erfolgreichen Stadtwandel. Gerade die Auseinandersetzungen um das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ haben ein Umdenken in vielen, vor allem größeren Kommunen ausgelöst. An Vorbildern für städtische Bürgerbeteiligung nennt Libbe die nordrhein-westfälische „InnovationCity“ Bottop und Bayerns Landeshauptstadt München.

Das Vorläufermodell der Zukunftsstadt ist das „Morgenstadt“-Programm der Fraunhofer-Gesellschaft, das seit 2012 mit inzwischen 40 Partnern aus Wirtschaft und Kommunalpraxis läuft. „In der ersten Phase ging es darum, heutige Stadtsysteme zu verstehen“, erklärt Projektleiter Eckhart Hertzsch vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart.

Daraus wurden 65 Schlüsselfaktoren entwickelt, die für Nachhaltigkeit in der Stadt von Bedeutung sind. Einige davon, etwa der Bedarf an „virtuellen Kraftwerken“ unter Nutzung erneuerbarer Energien, werden jetzt in Form größerer Modellprojekte realisiert. Diese Leuchtturmprojekte, betont Hertzsch, sind auch international von Interesse.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben