: „Wirtschaftliche Vernunft ist nicht öde“
Der SC Freiburg steht im Europa League Finale. Das sei die Belohnung für Kontinuität und strategische Planung, meint Fanaktivistin Helen Breit
Interview Johannes Kopp
taz: Frau Breit, wo schauen Sie denn das Finale?
Helen Breit: Ich bin in Istanbul im Stadion. Das wäre doch zu traurig, wenn ich nicht dabei wäre.
taz: Die Nachfrage nach Tickets soll das Angebot stark überschreiten.
Breit: Generell ist das nicht verwunderlich. Aber in Freiburg ist es gerade schon surreal. Schon beim DFB-Pokalfinale vor vier Jahren war gefühlt ganz Freiburg in Berlin. Und irgendwie bricht diese Euphorie nicht ab. Das ist ja nicht günstig, nach Istanbul zu reisen.
taz: Das Besondere ist, dass Freiburg als eingetragener Verein dieses Finale erreicht hat. Ein vermeintliches Auslaufmodell im kapitalistischen Fußballsystem. Ist das jetzt ein statistischer Ausreißer oder eine real gewordene Vision?
Breit: Zweiteres, würde ich sagen. So langsam würden auch die Argumente fehlen, um zu sagen, dass das jetzt ein Zufallsprodukt ist. Beim DFB-Pokalfinale 2022 hat es sich für mich noch eher zufällig angefühlt. Obgleich ich immer schon von dem Weg überzeugt war, den der Verein geht. Aus Fanperspektive war es stets okay, wenn der SC nicht unter den Top Zehn steht. Wir haben Erfolg nicht an Titeln bemessen,sondern daran, was mit den vorhandenen Möglichkeiten und kontinuierlicher Arbeit erreichbar ist und wie man möglichst ehrlich in diesem System bleiben kann.
taz: Und nun?
Breit: Der Erfolg jetzt ist Ausdruck davon, dass es sich lohnt, sich nicht vom schnellen Geld zu Irrationalem verleiten zu lassen. Der Erfolg verweist darauf, dass Kontinuität, strategische Planung belohnt wird. Natürlich gehört auch das Quäntchen Glück dazu. Dass langfristiges Denken belohnt wird, das ist etwas, worüber ich mich wahnsinnig freue. Ich bin von der 50+1 Regel sehr überzeugt. Es ist natürlich super, wenn man dann solche Momente hat, in denen man zeigen kann, es ist auch mit dem Erfolgsanspruch möglich, den andere als Maßstab vorgeben.
taz: Sie sind auch beim nationalen Fanbündnis „Unsere Kurve“ engagiert gewesen und gut vernetzt. Wie sehr wird der Freiburger Erfolg andernorts goutiert und vielleicht auch als Erfolg der eigenen fanpolitischen Interessen gefeiert?
Breit: Ich habe den Eindruck, dass es weit über die nerdigen, fanpolitisch Aktiven hinausgeht. Wir haben gerade beim HSV gespielt, wo der Stadionsprecher vor dem Spiel Freiburg für den Einzug ins Finale gratuliert hat. Es hat einfach das ganze Stadion applaudiert. Für mich schwang da zweierlei mit. Applaus für den deutschen Verein, der jetzt im Finale steht, aber auch für das Freiburger Modell, mit dem das gelungen ist. Das wird jetzt von vielen Menschen honoriert. Das war nicht immer so.
taz: Woran denken Sie?
Breit: Ich habe durchaus erlebt, für das Freiburger Modell belächelt zu werden. Wenn man wirklich erfolgreich sein will, hieß es, geht das so auf keinen Fall.
taz: Von wem wurden sie belächelt?
Breit: Zum Beispiel als wir als Fanvertreter während der Pandemie in der Taskforce Zukunft Fußballprofi waren. In diesen Gremien wurden wir als Sonderfall abgetan, mit dem kein größerer Erfolg möglich ist. Wir haben bewiesen, dass sie unrecht hatten.
taz: Währende der Pandemie zeigten sich die Vertreter des kapitalistischen Fußballs ja eigentlich offener denn je für andere Konzepte, weil man um die Zukunft des eigenen Modells fürchtete.
Breit: Ja, während der Pandemie haben viele über diesen Spagat gesprochen zwischen wirtschaftlichen Interessen auf der einen und gesellschaftlicher Verantwortung auf der anderen Seite. Ich glaube, der e.V. ist immer noch das beste Konstrukt, das einen auch in den Führungspositionen im Verein zwingt, in diesen Balanceakt zu gehen und das nicht aufzulösen.
taz: Umso bemerkenswerter, dass der Erfolg des SC in eine Zeit fällt, in der immer noch mehr Geld ins System gespeist wird und von Besinnung keine Rede mehr ist.
Helen Breit
1987 geboren, ist Professorin für Wissenschaft Soziale Arbeit und Fanaktivistin. Von 2019 bis 2023 war sie Vorstandsvorsitzende des bundesweiten Fanbündnis „Unsere Kurve e.V.“ und ist immer noch Vorsitzende Fanpolitik der Supporters Crew Freiburg.
Breit: Ich glaube, das verweist eben wirklich auf Kontinuität, wirtschaftliche Vernunft, Stabilität. Eine Philosophie der kleinen Schritte und die aber stetig zu tun, Rückschläge zur Kenntnis zu nehmen, sich nicht in so einer Negativspirale zu verfangen. Und das hat viel mit der Unterstützung der Fanszene zu tun. Wirtschaftliche Vernunft ist nicht öde. Sie gibt dir die Kraft, selbst zu gestalten und sich nichts von außen diktieren zu lassen.
taz: Können Sie sich noch an ihren ersten Stadionbesuch erinnern?
Breit: Das war vor ungefähr 34 Jahren als Fünfjährige mit meinem Papa. Ein Zweitligaspiel.
taz: Mit Volker Finke als Trainer?
Breit: Ja, alle in meiner Generation sind mit Volker Finke aufgewachsen. Also 16 Jahre ist schon eine lange Zeit. Und die Trennung von Volker Finke war in Freiburg ja auch so ein generationaler Konflikt. Der Abschied von Christian Streich später gelang zum Glück viel besser.
taz: Der bekannteste Konflikt, den dieser Verein je hatte. Die Vereinsführung war für die Trennung, eine breite Basis von Fans dagegen.
Eingetragener Verein: In dieser Bundesligasaison gab es noch fünf Erstligavereine (Sport-Club Freiburg, 1. FSV Mainz 05, 1. FC Union Berlin, FC St. Pauli, 1. FC Heidenheim), die ihre Profiabteilung nicht ausgegliedert haben. Die Macht liegt hier zu hundert Prozent bei den Vereinsmitgliedern. Sie wählen auf Mitgliederversammlungen direkt oder indirekt den Aufsichtsrat, den Vorstand bzw. das Präsidium, das die Geschäfte führt. Anteilsverkäufe und Investoreneinstiege sind nicht möglich.
AG: Die Bundesligisten Bayern München, Eintracht Frankfurt und VfB Stuttgart haben ihre Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft ausgegliedert. Durch den Verkauf von Aktienanteilen generieren die Klubs Kapital. Investoren können mit ihren Anteilen am Erfolg des Vereins partizipieren.
GmbH: Fünf Erstligisten (Bayer Leverkusen, RB Leipzig, Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim) werden als Gesellschaft mit beschränkter Haftung geführt. Für die ausgegliederten Profiabteilungen ist die Kapitalgesellschaft verantwortlich. Die wichtigen Entscheidungen werden von den Gesellschaftern getroffen.
GmbH & Co. KGaA: Vier Bundesligisten (Borussia Dortmund, Werder Bremen, FCAugsburg, 1. FC Köln) sind als Kommanditgesellschaften auf Aktien organisiert, deren Komplementärin eine Gesellschaft mit Beschränkter Haftung (GmbH) ist. Die Anteile der KGaA können komplett an Investoren abgegeben werden, solange die Anteile der Komplementär-GmbH, die die Geschäftsführung übernimmt, mehrheitlich vom Verein gehalten werden. So wird die 50+1 Regel im deutschen Profifußball, welche die Stimmmehrheit des Stammvereins verlangt, nicht verletzt. Der Hamburger SV hat sich für die Sonderform der AG & Co. KGaA entschieden, eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA), deren Komplementär eine Aktiengesellschaft (AG) ist.
Breit: Das war auch so ein Ringen, wie viel Stabilität braucht es, wann sind Veränderungen notwendig? Wie tariert man das miteinander aus? Was ist eine breite Basis von Fans? Wer ist wie sichtbar? Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Diskussionskultur innerhalb der Mitgliederversammlungen. Die haben wir erst über viele Jahre entwickelt und auch heute ist da noch Luft nach oben.
taz: Der SC Freiburg ist im Ranking der TV Gelder mittlerweile auf Platz sechs. In der Kategorie des Umlaufvermögens, das die Liquidität darstellt, sogar auf Rang vier. Was macht denn das mit dem Identitätsgefühl eines Freiburger Fans, das aus dem Underdogdasein gewachsen ist?
Breit: Genau das habe ich mich nach den letzten Spielen auch gefragt. Deshalb kann ich keine Antwort darauf geben. Ab wann ist man denn jetzt erfolgreich? Früher war es der Nicht-Abstieg, dann war ein Mittelfeldplatz in der ersten Liga. Und was ist es jetzt? Ich weiß es nicht. Ich hoffe sehr, dass wir nicht vergessen, wo wir herkommen, um eben nicht größenwahnsinnig zu werden. Zu glauben, dass einem mehr zusteht als das, was man sportlich erreicht hat. Das ist schon eine verbreitete Fußballkrankheit.
taz: Und die Ansteckungsgefahr beim SC Freiburg größer denn je?
Breit: Ja, ich finde schon. Da muss man sehr aufmerksam sein, weil die bisherige Perspektive bewahrt man ja nicht automatisch. Das ist harte Arbeit. Das zu kommunizieren, von allen einzufordern. Einen Weg zu finden, wie man vielleicht jetzt vermehrt unterschiedlichen Wünschen und Anforderungen gerecht wird und dabei bei sich selbst bleibt. Ich glaube, das wird die größte Herausforderung. Aber es ist eine schöne Herausforderung.
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