Wirtschaftliche Folgen des Iran-Kriegs: „Noch gibt es keinen Grund für Alarmismus“
Der Krieg könnte Folgen für die Konjunktur haben, warnt der Wirtschaftsweise Achim Truger. Gezielte Maßnahmen wie in der Energiekrise könnten helfen.
taz: Herr Truger, es herrscht wieder Krieg im Nahen Osten. Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. Wird das auch Auswirkungen auf die Wirtschaft hierzulande haben?
Achim Truger: Ich wünschte, Trump hätte diesen Krieg nicht angefangen. Im Moment sterben in der Region sehr viele Menschen. Das ist fürchterlich. Das sollte man zunächst erwähnen, bevor man in Deutschland zum Alltagsgeschäft übergeht und über Konjunktur spricht.
taz: Das stimmt. Aber Sie und Ihre Kolleg*innen im Sachverständigenrat gehen derzeit von einem Wachstum der deutschen Wirtschaft von 0,9 Prozent aus. Ist dieser Aufschwung wieder in Gefahr?
Truger: Es gab zuletzt deutliche Aufwärtstendenzen in der deutschen Wirtschaft. So sind die Auftragseingänge in der Industrie zuletzt gestiegen. Aber klar, der Angriff ist eine Gefahr für die hiesige Konjunktur. Wie groß die Abwärtsrisiken sind, ist aber noch nicht kalkulierbar. Noch gibt es keinen Grund für Alarmismus.
taz: Der Iran hat bereits die Straße von Hormus gesperrt, über die ein Fünftel der globalen Erdölversorgung verschifft wird. Ist das kein Grund zur Sorge?
Truger: Natürlich besteht die Gefahr, dass der Ölpreis längerfristig steigt. Das würde insbesondere die energieintensive Industrie belasten. Auch Tanken und Heizen würde wieder teurer werden. Wenn die Preisaufschläge kurzfristig bleiben, ist das verkraftbar. Nur wenn der Krieg länger andauert, sind größere Auswirkungen auf die Wirtschaft zu befürchten.
taz: Die Straße von Hormus ist nicht nur wichtig für die globale Versorgung mit fossiler Energie. In ihrer Nähe verlaufen auch wichtige Handelsrouten. Inwiefern kann das eine Gefahr für globale Lieferketten sein?
Truger: Auch das kann Auswirkungen auf die hiesige Wirtschaft haben. In der Coronakrise haben wir erlebt, dass hiesige Unternehmen die Produktion unterbrechen mussten, weil Vorprodukte aus Asien gefehlt haben. Doch die größte Gefahr geht derzeit von den Energiepreisen aus.
taz: Als Putin vor vier Jahren die Ukraine angriff, trieb das nicht nur die Energiepreise nach oben, sondern führte zu einem globalen Anstieg der Lebenshaltungskosten. Könnte US-Präsident Donald Trump mit dem Iran-Krieg eine neue Inflationswelle losgetreten haben?
Truger: Trump hat angekündigt, dass der Krieg maximal vier Wochen dauern soll. Wenn das stimmt, dann könnte es auf den Energiemärkten tatsächlich nur vorübergehende Preisschocks geben. Wenn der Krieg aber länger dauert, könnte das zu einem allgemeinen Preisauftrieb führen.
taz: Wie sollte die Bundesregierung darauf reagieren?
Truger: Gegen eine neuerliche Energiepreiskrise müsste sie aktiv angehen. Die Diskussionen dazu gab es ja gerade erst in der Energiepreiskrise 2022/23.
taz: Es gab aber auch Maßnahmen, die hinterher kritisch gesehen wurden.
Truger: Das stimmt. Der Tankrabatt, mit dem der Energiesteuersatz von Benzin und Diesel gesenkt wurde, war ein solcher Fall. Der Tankrabatt war nicht nur sozial ungerecht, weil mit ihm tendenziell besserverdienende Vielfahrer bevorzugt wurden. Er war auch ökologisch unsinnig, weil durch ihn viel Steuergeld für klimaschädliches Verhalten ausgegeben wurde.
taz: Was wären dann die Mittel Ihrer Wahl?
Truger: Ein pauschales Klimageld wäre eine gute Sache, weil dadurch arme Menschen in Relation zu ihrem Einkommen stärker entlastet würden als reiche Menschen. Das wäre nicht nur sozial, sondern auch ökonomisch sinnvoll, weil Haushalte mit niedrigerem Einkommen zusätzliches Geld eigentlich komplett ausgeben und so die Konjunktur ankurbeln. Auch intelligente Energiepreisbremsen wären gut.
taz: Warum?
Truger: Zum einen könnte damit insbesondere der energieintensiven Industrie geholfen und ihr Planungssicherheit gegeben werden. Zum anderen könnten mit Heizkostenbremsen wieder vor allem auch ärmere Haushalte entlastet werden. Schließlich geben sie einen besonders großen Teil ihres Einkommens für Heizenergie aus. Das war auch ein Grund, warum sie besonders unter der letzten Energiepreiskrise litten. Aber noch mal: So weit sind wir noch nicht. Die Politik muss nur für den Fall der Fälle vorbereitet sein.
taz: Die Straße von Hormus ist nicht nur wichtig für den Transport von Rohöl. Durch sie wird auch ein Fünftel des global gehandelten Flüssiggases verschifft. Inwiefern könnte das zu einem Problem für die deutsche Gasversorgung werden?
Truger: Auch beim Flüssiggas erleben wir aktuell einen enormen Preisanstieg. Auch wenn dieser vielleicht nur temporär ist, rächt sich, dass die Bundesregierung wegen des Kriegs in der Ukraine vor allem auf Flüssiggas als kurzfristig verfügbare Alternative zu russischem Gas setzt.
taz: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ist bereits vor einigen Wochen wegen der niedrigen Gasspeicherstände in die Kritik geraten. Droht eine Mangellage?
Truger: Diese Gefahr sehe ich noch nicht. Aber die Bundesregierung sollte definitiv am Aufbau strategischer Gasreserven arbeiten. Sie jetzt anzulegen, ist angesichts der gegenwärtigen Preissteigerungen natürlich schwierig.
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