: Wird Timmy auferstehen?
Die Geschichte eines gestrandeten Wals berührte kurz vorm Osterfest viele Menschen. Warum das so ist, erklärt uns Rainer Hagencord, Leiterdes Instituts für Theologische Zoologie
taz: Herr Hagencord, der Buckelwal Timmy hing tagelang in der Ostsee fest, Rettungsaktionen waren vergebens. Warum nehmen an seinem Schicksal so viele Menschen Anteil?
Rainer Hagencord: Das hat zwei Gründe. Erstens war das absolut spektakulär. Ein Lebewesen, das knapp 15 Meter lang wird, das lässt uns staunen. Der zweite Punkt ist das Erschrecken. Die meisten wissen, dass die Meere und alle Lebewesen, die sich ihn ihnen aufhalten, gerade gnadenlos zerstört werden. Und dann steht uns plötzlich dieser Wal vor Augen, der in seiner Existenz und auch in seinem Sterben deutlich macht, dass es möglicherweise nicht mehr lange dauert, bis die Meeresfauna zusammenbricht.
taz: Sie sind Biologe und katholischer Theologe. Der Wal als Symbol hat doch auch mit Ostern zu tun, dem Fest der Auferstehung. Warum ist das so?
Hagencord: Jesus vergleicht sich in einem der Evangelien mit dem Propheten Jona aus der hebräischen Bibel. Seine Geschichte kennen ja noch manche: Gott will, dass Jona in Ninive als Prophet auftritt, weil die Menschen dort sündigen. Aber Jona will nicht und fährt mit einem Boot in die entgegengesetzte Richtung. Jona wird ins Meer geworfen, es kommt ein Wal und verschlingt ihn. Drei Tage und drei Nächte verbringt Jona im Bauch des Wals, das ist hochsymbolisch. Denn Jesus verbringt dann ja drei Tage und Nächte im Grab.
taz: Können auch Wale auferstehen? Wird Timmy irgendwann auch wieder auferstehen?
Hagencord:Die Autorinnen und Autoren der Bibel haben sich natürlich mit dieser großen Frage beschäftigt – was ist denn nach dem Tod? Die Hoffnung auf ein Leben danach, die gilt nicht nur für den Menschen, sondern die gesamte Schöpfung. Im Buch Kohelet zum Beispiel heißt es fast wörtlich: Wer sagt denn, dass der Geist des Menschen in den Himmel und der Geist der Tiere ins Erdreich sinkt? Und der Apostel Paulus sagt in seinem Römerbrief: Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes.
taz: Im christlichen Mainstream scheint man eher der biblischen Forderung zu entsprechen, über die Tiere zu „herrschen“.
Hagencord: Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod wurde spätestens in der Neuzeit anthropozentrisch in den christlichen Kirchen, und dieser Attitüde der Herrschaft und der Ausbeutung fallen die Tiere heute zum Opfer.
taz: Warum empfinden so viele Empathie mit Timmy, dem Wal, aber nicht dem Schwein in der Massentierhaltung oder dem Huhn in der Legebatterie?
Hagencord: Der Biologe Rupert Sheldrake hat einmal gesagt, dass wir nur noch zwei Kategorien von Tieren haben. Die einen verwöhnen wir mit Tierfutter und die anderen werden dazu verarbeitet. Eine ganze Kultur verschließt die Herzen, ist völlig gnadenlos gegenüber dem Schicksal der Millionen von Tieren, die in den Schlachthöfen enden – und die anderen Tiere sind Familienmitglieder. Doch nun kommt der Wal und ist dazwischen. Er ist kein Tier, das wir füttern und liebhaben. Er konfrontiert uns mit der Wirklichkeit.
Interview: Stefan Hunglinger
Rainer Hagencord, Jahrgang 1961, ist studierter Biologe, Philosoph und Theologe. Er ist Gründer und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster.
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