: „Wir sind nur die Hauptfiguren“
Das israelische Musikerpaar Noga Erez und Ori Rousso ließ sich für den Dokumentarfilm „Noga“ der Regisseure Benji und Jono Bergmann jahrelang begleiten. Im Gespräch erzählen sie, wie sie die Zeit vor und nach dem 7. Oktober 2023 erlebten
Interview Thomas Abeltshauser
Als die beiden Brüder Benji und Jono Bergmann 2019 beginnen, die israelische Musikerin Noga Erez und ihren musikalischen Partner Ori Rousso zu begleiten, soll ihr Film vom Schreiben von Songs, Tourneen und einer Beziehung erzählen.
Dann verändert der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 alles. Aus einer Langzeitbeobachtung über zwei Musiker wird zwangsläufig ein Film darüber, wie Krieg und politische Polarisierung selbst die Kunst erfassen. Erez kritisiert die Regierung Benjamin Netanjahus, demonstriert gegen den Demokratieabbau und setzt sich für eine Zweistaatenlösung ein. Trotzdem gerät sie zwischen alle Fronten: In ihrer Heimat schlägt ihr aus dem rechten Lager Hass entgegen, international werden Konzerte abgesagt, weil sie Israeli ist, ihre Herkunft überlagert zunehmend ihre Musik. „Noga“ interessiert sich jedoch nicht für eindeutige Antworten. Der Dokumentarfilm beobachtet vielmehr, wie zwei Künstler versuchen, unter wachsendem politischen Druck weiterzuarbeiten. Im Interview sprechen Noga Erez und Ori Rousso über das Vertrauen in ihre Regisseure, das Schreiben von Songs in Zeiten des Kriegs und darüber, warum Kunst für sie vor allem Fragen stellen sollte.
taz: Frau Erez und Herr Rousso, als Jono und Benji Bergmann Sie fragten, ob sie einen Dokumentarfilm über Sie drehen dürfen: Mussten Sie lange überlegen?
Ori Rousso: Wir haben damals gleichzeitig geantwortet. Ich habe Ja gesagt, Noga Nein. Während des Prozesses gab es viele Momente, in denen wir dachten: Das ist zu viel. Diese Leute dringen uns wirklich unter die Haut. Es war zu viel – auch in Bezug auf unsere Beziehung, aber ebenso wegen des Kriegs und allem, was um uns herum geschah. Trotzdem bin ich froh, dass wir den Film nicht abgebrochen haben.
taz: Was hat Sie überzeugt, weiterzumachen?
Noga Erez: Irgendwann wurde der Film einfach Teil unseres Lebens. Es hing immer von der Stimmung ab. An manchen Tagen wusste ich schon morgens, dass sie zum Drehen kommen würden, und fand das furchtbar. An anderen dachte ich: Eigentlich ist es etwas Besonderes, dieses Dokument unseres Lebens zu haben. Jonah und Benji waren wahnsinnig hartnäckig, auch nervig. Aber ich wusste, dass sie großartige Filmemacher sind, und habe ihnen intuitiv vertraut. Manchmal haben Ori und ich Situationen so eingerichtet, dass sie nicht dabei waren. Auf diese Weise haben wir uns geschützt.
taz: Der Film ist in Kapitel gegliedert, die sich an Ihren Songs orientieren. Wann haben Sie erkannt, dass diese Songs beinahe unbewusst zu einer Art Tagebuch geworden waren?
Rousso: Damit hatten wir überhaupt nichts zu tun. Als wir vor ungefähr einem Jahr den ersten Schnitt sahen, war diese Struktur bereits da. Bei allem anderen in unserer Karriere sind wir Kontrollfreaks: bei den Songs, den Musikvideos, dem Grafikdesign und allem, was dazugehört. Aber hier sagten wir: Macht, was ihr wollt. Es ist nicht unser Film. Wir sind nur die Hauptfiguren.
Erez: Wobei wir irgendwann doch versucht haben, einzugreifen. Als wir einen Schnitt bekamen und wussten, dass der Film bald veröffentlicht werden sollte, wurde ich unsicher. Ich schickte ihnen eine Liste mit ungefähr zwanzig Momenten, bei denen ich mich selbst furchtbar peinlich fand, und bat sie, diese herauszunehmen. Sie haben keine einzige davon entfernt.
taz: Viele Musikdokumentationen konzentrieren sich auf die Person im Rampenlicht und weniger auf die Zusammenarbeit dahinter. Ori, hat es etwas verändert, dass Sie hier als gleichberechtigter Teil dieser Zusammenarbeit sichtbar werden?
Rousso: Der Film zeigt einfach, was wir ohnehin tun. Im Studio machen wir alles gemeinsam. Wir treffen sämtliche Entscheidungen zusammen: Texte, Kompositionen, Videos, alles. Vor zwölf Jahren beschlossen wir, das Projekt Noga Erez zu nennen und Noga als Frontfrau auftreten zu lassen. Mit dieser Entscheidung sind wir bis heute sehr glücklich.
taz: Sie haben im Vorfeld dieses Interviews gesagt, Sie wollten nicht über Politik sprechen. Gleichzeitig lässt sich dieser Film von der politischen Realität kaum trennen. Wie haben Sie sich auf diese Offenheit eingelassen?
Erez: Wir haben den Regisseuren vollständig vertraut. Alles andere hätte bedeutet, ständig darüber zu diskutieren, wie sie uns darstellen. Deshalb haben wir beschlossen, loszulassen. Ich glaube, es ist die Aufgabe der Kunst, Fragen aufzuwerfen. Gerade in einer Zeit, in der jeder behauptet, die Antworten zu haben – und sie auf einen einzigen perfekten Satz reduziert. Wenn dieser Film am Ende als ein Werk wahrgenommen wird, das Fragen stellt, dann hat er für mich genau das erreicht, was Kunst leisten sollte.
taz: Sie haben einmal gesagt, viele Ihrer Songs entstünden zunächst, weil Sie etwas in der Welt beschäftigt oder stört. Erst später würden sie persönlicher. Hat sich das verändert?
Erez: Eigentlich nicht. Wir fragen immer: Was liegt gerade auf dem Tisch? Worüber lohnt es sich zu sprechen? Was können wir gemeinsam auseinandernehmen? Am Anfang unserer Beziehung war alles vollkommen. Wir hatten ungefähr neun Jahre lang eine Flitterwochenphase. Deshalb haben wir damals nicht über uns, sondern über weltpolitische und gesellschaftliche Themen und über die Politik unseres Landes – allerdings immer aus einer persönlichen Perspektive, weil wir selbst Teil dieser Wirklichkeit sind. Mit dem Erfolg unseres Albums „KIDS“ geriet unser Leben irgendwann aus dem Gleichgewicht. Heute arbeiten wir am vierten Album, sind seit vielen Jahren zusammen und inzwischen eine Familie mit einer eineinhalbjährigen Tochter. Deshalb geht es auf den neuen Songs wieder stärker um uns selbst. Unsere Musik bewegt sich immer zwischen zwei Polen: dem eigenen Ich angesichts der großen Welt und dem eigenen Ich in der Auseinandersetzung mit sich selbst.
taz: Im Film bekommen Songs durch politische Ereignisse plötzlich neue Bedeutungen. Gefällt Ihnen das oder verlieren Sie dadurch die Kontrolle über Ihre eigene Musik?
Erez: Ich liebe es, wenn Menschen unsere Musik interpretieren und die verrücktesten Dinge daraus machen.
Rousso: Manchmal höre ich eine Erklärung und denke: Darauf wäre ich selbst nie gekommen. Menschen deuten Dinge, die wir geschrieben haben, auf eine Weise, an die wir überhaupt nicht gedacht hatten. Sie können die Musik mitnehmen, wohin sie wollen. Das ist uns recht.
Erez: Bei Songs fällt uns das leicht, weil sie so angelegt sind, dass sie Freiraum lassen. Schwieriger wird es bei Interviews oder wenn Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen werden.
taz: Seit Ihrem internationalen Erfolg haben viele Menschen ein festes Bild davon, wer Sie sind. Wie schwierig ist es, sich davon beim Schreiben freizumachen?
Foto: Port au Prince Pictures
Noga Erez wurde 1989 in Atzmon geboren und wuchs in der Nähe von Tel Aviv auf. Nach Anfängen in Indie-Folk und Jazz entschied sie sich für elektronische Musik. Ihr Debütalbum „Off the Radar“ erschien 2017.
Ori Rousso wurde 1987 in Even Yehuda geboren. Er begann in seiner Jugend mit Musikproduktion und Sounddesign. Im gemeinsamen Projekt mit seiner musikalischen und Lebenspartnerin Noga Erez ist er der maßgebliche Produzent.
Erez: Sobald man mehr als den allerersten Song veröffentlicht hat, schreibt man nicht mehr nur für sich selbst. Seit wir unsere Musik mit der Welt teilen, haben wir andere Menschen im Kopf – egal ob es tausend oder zwei Millionen sind. Für mich macht das keinen großen Unterschied. Wir sind außerdem sehr langsam bekannt geworden. Wir sind nicht plötzlich von kleinen Clubs in Arenen gewechselt, sondern Schritt für Schritt gewachsen. Das hilft. Dadurch lassen wir uns nicht so leicht verwirren.
taz: Am Ende des Films sprechen Sie darüber, dass zahlreiche Konzerte und Festivalauftritte gecancelt wurden. Wie hat sich die Situation seitdem verändert?
Erez: Wir touren wieder überall und spielen auf Festivals in vielen Ländern, traten im Juli bei Lollapalooza in Berlin auf. Einige Festivals, die uns zuvor abgesagt hatten, haben uns später erneut eingeladen. Irgendwann lässt sich nicht mehr ignorieren, was wir machen. Wir verkaufen Tickets. Man kann über unsere Musik oder über Politik diskutieren – aber Veranstalter sehen inzwischen, dass die Menschen unsere Konzerte besuchen wollen.
taz: Wie wird es Ihre Konzerte verändern, wenn das Publikum den Film gesehen hat?
Erez: Das weiß ich noch nicht. Dieser Prozess beginnt gerade erst. Aber nach so vielen Jahren auf Tour ist alles willkommen, was die Atmosphäre verändert, in der Menschen unsere Musik hören. Wir spielen live, das ist unsere größte Stärke. Wenn Menschen nach diesem Film anders in unsere Konzerte kommen, werden vielleicht auch wir selbst sie anders erleben. Auf diese veränderte Energie freue ich mich.
„Noga“. Regie: Jono & Benji Bergmann. Deutschland/Israel/Österreich/USA 2026, 96 Min. Ab 13. 8. im Kino
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