Gelesenes und Erlesenes: Wir empfehlen
■ Lothar Probst
Unter den zeitgenössischen französischen Philosophen und Denkern, die ins Deutsche übersetzt werden, suchte man bisher einen Namen vergebens: den von Claude Lefort. Die Tatsache, daß Lefort in der deutschen Intellektuellenlandschaft bisher kaum gewürdigt wurde, mag mit der Tatsache zusammenhängen, daß er unsere gewohnten Politikvorstellungen radikaler als andere hinterfragt.
Der jetzt in deutscher Übersetzung erschienene Essay „Fortdauer des Theologisch-Politischen?“ stammt ursprünglich aus einer 1981 in Französisch veröffentlichten Essaysammlung und läßt sich als ein Schlüsseltext von Lefort lesen. Er nimmt indirekt Bezug auf die Ereignisse Anfang der achtziger Jahre in Polen und wirft die Frage nach dem Verhältnis des Politischen und des Religiösen auf. Für die politische Wissenschaft, so Lefort, ist die im Zuge der Aufklärung vollzogene Entflechtung des Religiösen und Politischen ein nicht hinterfragter Tatbestand. Dadurch kann sie weder die Resakralisierung des Politischen im Totalitarismus richtig verstehen noch begreifen, daß auch die Informsetzung der Demokratie auf einen symbolischen Übertragungsraum angewiesen bleibt, der die Dimension des vormals Religiösen übernimmt. Der Versuch, die Distanz zwischen dem Symbolischen und dem Realen zu überwinden und der Gesellschaft „einen Körper“ zu geben, der die sozialen Spaltungen leugnet, macht auch die Demokratie für die Verführungen des Totalitarismus anfällig. Der Text verlangt dem Leser einiges ab, aber wer an der Rekonstruktion eines Begriffs des Politischen, der sich mühelos an die politischen Denktraditionen Hannah Arendts anschließen läßt, interessiert ist, wird in dem kleinen Buch schnell fündig werden.
Claude Lefort: „Fortdauer des Theologisch-Politischen?“ Passagen Forum, Wien 1999, 101 Seiten, 28 DM
Lothar Probst ist Kulturwissenschaftler an der Universität Bremen.Foto: privat
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