: Willkommen in der Realität
Ist das noch Theater? Das Münchener Residenztheater versucht sich erstmals an einer immersiven Inszenierung, die Schauspiel und Virtual Reality zusammenbringt
Von Merle Zils
Ein verregneter Nachmittag in der Münchener Innenstadt. Hermès-Taschen-Trägerinnen und Porschefahrer ziehen durch ihr Revier. Vorm Residenztheater schlurft ein Typ in Adiletten mit seiner Plastiktüte auf und ab, knabbert eine Möhre und erzählt von Macht und Geld.
Drinnen spielt Moritz Treuenfels „Tremens“. Die einzige wahrhaftig menschliche Rolle in der gleichnamigen Inszenierung. Es ist eine Abwandlung von Shakespeares unvollendetem Stück „Timon von Athen“, in dem der steinreiche Timon immer gibt und gibt, bis er schließlich selbst nichts und niemanden mehr hat. Und ein unerschütterlicher Hass entsteht. Tremens, ein Verlierer des Silicon Valley, ein Misanthrop der Tech-Welt, ist sein modernes Äquivalent. Er schaut rauf zu den Zuschauer:innen hinter der gläsernen Fassade im ersten Stock. Hier, im zweistöckigen Foyer, in dem die immersive Inszenierung stattfindet, lösen sich die Regeln des Theaters auf. Der beobachtende Zuschauer wird Teil der Inszenierung.
20 Personen können an dem „Experiment“, wie es Digitaldramaturg Ilja Mirsky nennt, teilnehmen. Ein Host führt sie in Kleingruppen immer im Wechsel durch reale und virtuelle Welten. Schützt sie vor den Säulen, wenn sie mit VR-Brille und Kopfhörern abgeschottet vom Geschehen, wie Kleinkinder durchs Foyer irren. Sie schauen in die Luft, tasten ins Nichts. Sehen in ihrer Realität hinter den Brillen Dinge, die von außen ein Mysterium bleiben. Nicht nur in der Virtual Reality stellt sich die Frage: Was ist eigentlich real?
Digitale Performances des Kollektivs CREW
Über 18 Monate entwickelte das Residenztheater gemeinsam mit dem belgischen Kollektiv CREW, das bereits seit den 1990er Jahren mit digitalen Performances experimentiert, die Inszenierung. Mittels 3D-Scan wurde das Foyer als Basis für eine virtuelle Welt verwendet. Die mit Spiegeln und Marmor verzierte Empfangshalle der 50er Jahre verwandelt sich in eine abstrakte antike Therme. Mannequins bewegen sich in ihr: Sie jagen sich, schubsen sich über das Geländer in die Tiefe. Es ist keine famos ausgestaltete Welt, sondern die bewusste Skizze der Dystopie.
An der Wand ein Mosaik von Mark Zuckerberg. Immer wieder regnet es Geld. Auf der Tonspur Zeilen wie „I thought we were building Eden. I’m sorry“. Besonders markant im Hinblick auf das soeben angekündigte Ende von Zuckerbergs Metaverse. Hinter den Pixeln zeigt sich eine deutliche Kritik. Athen, der Ursprung moderner Zivilisation, wird zum Sinnbild eines Zerfalls. Wie Timon bereitwillig sein Geld gibt Tremens bereitwillig seine Daten an die Tech-Konzerne. Die Digitalisierung nicht nur als unendlicher Möglichkeitsraum, sondern als Ausverkauf menschlicher Daten, bei dem jegliche Macht von den Tech-Riesen ausgeht.
Symbole des Konsums
Die Inszenierung verhandelt dies fragmentarisch auf vielen Ebenen. Mal sind es Einkaufswagen als absolutes Symbol des Konsums, mal sind es klare Worte – „Wir sind der Motor des Kapitals“ – und mal ist es das geschickte Arbeiten mit dem Raum: In der realen Welt schaut das Publikum auf Tremens und seinen sozialen Abstieg herab. In der virtuellen fällt es selbst in die unendliche Tiefe. So bricht „Tremens“ geschickt die Welt des Theaters auf, ermöglicht neue Perspektiven. Macht den Zuschauer zum Protagonisten, lässt ihn selbst erfahren, statt nur zuzusehen, und schafft es dabei doch, die Waage zu halten. Der menschliche Darsteller ist ein wichtiger Anker in die Realität, denn all die Technik könnte einen Schauspieler, der echte menschliche Emotionen zeigt, nicht ersetzen.
Spätestens als Tremens das Gebäude am Ende erneut verlässt und sich der Bogen zum Anfangsmonolog schließt, wird der technikkritische Appell in dieser technikaffinen Inszenierung klar: „Widersetzt euch“, sagt er und entfernt sich vom Theater, bis er in der Masse der Passanten untergeht und sich das Signal seines Mikros verliert.
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