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Wie weiblich ist der Schrebergarten?

Nach dem unerwarteten Ansturm auf den neuen Studiengang „Gender Studies“ wird über einen Numerus clausus nachgedacht. Überraschend viele Männer haben sich eingeschrieben. Positiv oder negativ?  ■ Von Julika Tillmanns

Der ehemalige Besetzer stapft durch seinen begrünten Charlottenburger Hinterhof. Im Schlepptau eine Gruppe wißbegieriger junger Menschen. Sie erfahren, daß die Häuser der hinteren Reihen abgerissen wurden. Daß dann die Vorderhäuser besetzt, der Schutt abgetragen und die Grünfläche angelegt wurden. Und daß heute ein Hightech-Projekt die Existenz des alternativen Schrebergartens bedroht.

Die sechs Studentinnen und der Student sind auf der Suche nach dem genuin Weiblichen dieser „Hortikultur“ – wie der Nutzgarten im akademischen Jargon genannt wird.

Das Seminar „Garten – Freizeit oder Subsistenzkultur“ wird im Fach „Gender Studies/Geschlechterstudien“ der Humboldt-Universität angeboten. Der neue Studiengang bündelt vielfältige Aktivitäten zur Geschlechterforschung an der Universität, mit dem Ziel, Geschlechtsblindheiten und deren fächerübergreifenden Zusammenhang zu analysieren.

Die Studienberaterin des neuen Fachs, Dr. Katrin Schäfgen, erläutert den tieferen Sinn agrarwissenschaftlicher Ausflüge: „Solche Seminare sind ganz wichtig, weil die Entwicklung in der Landwirtschaft erklären kann, wie Geschlechterungleichheit in modernen Gesellschaften überhaupt entstehen konnte, nämlich aus der Trennung von Haus- und Berufsarbeit, die ja in der Landwirtschaft so ursprünglich gar nicht vorhanden war.“ Geschlechterstudien erforschen also primär Geschlechterverhältnisse.

Die Nachfrage war überraschend groß. Rund fünfhundert Einschreibewillige stürmten zu Beginn des Wintersemesters 1997/98 das Immatrikulationsbüro. Doch der Ansturm auf die Geschlechterstudien ist nicht nur erfreulich, er führt auch zu unpopulären Entscheidungen. So soll ein Numerus clausus eingesetzt werden – ausgerechnet in einem Fach, das angetreten ist, geschlechterspezifische Ungleichheiten zu kritisieren.

Gab nicht gerade die Zunahme weiblicher Studierender, also eine Entwicklung in Richtung Geschlechtergleichheit, einen wesentlichen Anstoß für die zu Unrecht so oft gescholtene Massen-Uni? Doch leider, argumentiert Studienberaterin Schäfgen, kann allein ein Numerus clausus verhindern, daß die Lehrenden überlastet werden und ihre Mitarbeit an dem interdisziplinären Projekt aufkündigen. „Und dann können wir den Studiengang so schnell wieder zumachen, wie wir ihn aufgemacht haben.“ Die Sorge ist begründet. Der neue Studiengang wurde ganz ohne zusätzliches Lehrpersonal ins Leben gerufen.

Und vielleicht ermöglicht ein Numerus clausus ja auch zukünftigen Anfangssemestern einen übersichtlicheren Einstieg ins Studium. Das jedenfalls hofft Studienberaterin Schäfgen, der die Geschichten der Studierenden wohlbekannt sind.

Marie beispielsweise, die den weiten Weg von Hessen nach Berlin gemacht hat eigens für den neueröffneten Studiengang, hat schon einiges zu erzählen: „Anfangs sind viele Veranstaltungen ausgefallen, und die übrigen Seminare waren überfüllt.“ Dann war da noch die enorme Fächervielfalt, aus der es auszuwählen galt. Immerhin haben sich neun von elf Fakultäten auf die Kooperation mit dem neuen Studiengang eingelassen. Und ganz abgesehen einmal von der Entscheidungsqual bringt die Spezifik des Studiengangs auch eine ganz gehörige Rennerei mit sich. Doch können derlei ungewohnte Bedingungen Maries Optimismus nichts anhaben: „Ich hab mich dann erst mal so treiben lassen und gedacht: das wird schon.“

Allein die Männer stören Marie doch ein wenig. Ob sie sich nun über koreanische Frauenliteratur informiert oder über Sexualmedizin – überall trifft sie auf das starke Geschlecht mit seinem unausstehlich dominanten Redeverhalten. Aber damit wird Marie vorerst leben müssen. Immerhin sind etwa ein Viertel ihrer Kommilitonen männlich. Und die Studienberaterin, ebenso übrigens wie die meisten ihrer Kommilitoninnen, findet das auch noch ausgesprochen begrüßenswert. Zwar wäre es denkbar, gesteht Frau Schäfgen zu, einzelne Seminare anzubieten, die nur für Frauen zugelassen sind, um so dem berechtigten Bedürfnis nach weiblicher Selbstverständigung Raum zu geben. Doch gesellschaftliche Veränderung setze den Wandel der Rollenverständnisse beider Geschlechter voraus. Und die Beteiligung von Männern liege nicht zuletzt im – wörtlich verstandenen –Sinn von „Geschlechterstudien“.

Die Debatte ist so alt wie die Geschichte der Frauenbewegung. In den USA, denen wir den Importartikel Geschlechterstudien schließlich zu verdanken haben, hat sie zu einer Aufsplitterung in „gender studies“ und „women studies“ geführt, von welchen beiden sich wiederum die „queer studies“ abspalten.

Da kann man nun wirklich nicht erwarten, daß das Thema hierzulande so bald vom Tisch ist. Indes bleibt für Marie klar: „Falls eines Tages Frauenstudien angeboten werden und ich ohne weiteres von Geschlechter- zu Frauenstudien wechseln kann, dann tu' ich das auf der Stelle.“

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