Der Blick durch ein Apartmentfenster im Hintergrund das zusammengebrochene WTC

Foto: Quyen Tran/ap

Wie hat uns 9/11 geprägt?:Rückkehr im Sarg

Drei Protokolle über Verschwörungsmythen auf dem Schulhof, die Studienfachwahl und Söldner.

10.9.2021, 18:53  Uhr

Im Kiosk, am Bahnhof, zu Hause: Warum wissen wir noch so genau, wo uns die Bilder vom einstürzenden World Trade Center erreichten? Auch weil sie uns nachhaltig beeinflusst haben. Sie formten unsere Politik, unser Empfinden, unsere privaten Entscheidungen und manchmal auch Denkmuster – egal ob in Deutschland oder in Uganda. Drei Menschen erzählen von den Folgen, die 9/11 für sie und ihr Umfeld hat.

Für das „Alte Europa“ – Jannis Hagmann

Für mich war New York damals weit entfernt, die Twin Towers kannte ich nicht einmal vom Namen her, und doch weiß ich noch, wie ich im Arbeitszimmer meiner Mutter saß und die Türme fallen sah. Bis heute ist dieses Gefühl da, 9/11 unmittelbar miterlebt zu haben, physisch anwesend gewesen zu sein.

Ich setzte mich erstmals körperlich in Bezug zum Weltgeschehen. Für mich ist es diese fast leibliche Betroffenheit, die 9/11 zu einem historischen, generationsprägenden Ereignis machte. Unsere Schutzmacht war angegriffen worden, und das mit einer Waffe, die uns konkret mit jenem eigentlich fernen Anschlagsort verband: In den Flugzeugen hätten wir sitzen können. Es war der perfekte globale Terror.

Die Türme fielen zwei Tage vor meinem 18. Geburtstag. Vor mir lagen Abitur, Zivildienst, Studiums- und Berufswahl. Und plötzlich war es da, das Hintergrundrauschen, das mein weiteres Aufwachsen begleiten würde. Der Ost-West-Konflikt hatte ausgedient. Der Islam-West-Konflikt bestimmte nun die weltpolitischen Konfliktlinien, zwischen denen sich meine Generation zwangsweise bewegen würde, warf die Fragen auf, zu denen wir uns zu verhalten haben würden. Ob ich wollte oder nicht, unser Konflikt würde der vermeintliche „Kampf der Kulturen“ sein. Samuel Huntington steht noch heute in meinem Bücherregal.

Dass die USA 2003 auf der falschen Seite der Geschichte standen, war für uns keine Frage

Eineinhalb Jahre später, der 15. Februar 2003 ist mir in Erinnerung geblieben, holte ich mit meinen Freunden die Trommeln aus unserem Bandproberaum. Hunderte folgten uns, als wir lärmend von Berlin-Kreuzberg Richtung Brandenburger Tor zogen, um gegen den drohenden Irakkrieg zu demonstrieren. Leute wie der Regisseur Michael Moore und UN-Inspekteur Hans Blix waren unsere Helden, und ja, auch Gerhard Schröder und Joschka Fischer, die gemeinsam mit Frankreich das „Alte Europa“ verkörperten, auf das wir in unserem jugendlichen Antiamerikanismus so stolz waren.

Mehr noch als 9/11 war es der Irakkrieg, der zu meinem „defining moment“ wurde. Dass die USA 2003 auf der falschen Seite der Geschichte standen, war für uns keine Frage. Ich erinnere mich, wie ein Freund uns privat mit einem UN-Inspekteur bekanntmachte, der uns bestätigte: Einsatzfähige Massenvernichtungswaffen hat der Irak nicht. US-Außenminister Colin Powell bezeichnete seine Lüge von Saddams mobilen Biowaffen-Labors später als „Schandfleck“ in seiner Karriere.

In meinem Studium der Islamwissenschaft war es später nicht verbreitet, sich mit Terrorismus auseinanderzusetzen. Wer zum Geheimdienst wollte, wurde misstrauisch beäugt. Islamistische Bewegungen spielten zwar eine Rolle, aber letztlich ging es um den Versuch, Zusammenhänge zu verstehen, Kulturen kennenzulernen. Fast alle begegneten wir dem „islamischen Kulturkreis“, wie Huntington es genannt hatte, mit einer Offenheit und Sympathie, die vielleicht auch aus Trotz geboren war – ein Zugang, der einigen von uns heute vorgeworfen wird, wo möglichst schnell moralisch geurteilt und wenig differenziert wird.

Neue Jobs und neuer Terror – Mark Ntege

An jenem Tag saß ich vor dem Fernseher und habe zufällig in den Nachrichten gesehen, wie die Flugzeuge das World Trade Center trafen. Es war eine Livesendung. Ich war 15 Jahre alt und konnte es zunächst gar nicht fassen. In den ersten fünf Minuten dachte ich, es sei ein Witz. Ich hätte mir selbst in meinen schlimmsten Träumen niemals ausmalen können, dass Terroristen Flugzeuge in Hochhäuser fliegen.

Aber dann habe ich mich durch die Sender gezappt und überall kam die Nachricht von den einstürzenden Türmen. Es schien also wahr zu sein. Ich bin an jenem Tag nicht in die Schule gegangen, weil ich nicht vom Fernseher wegkam. Ich wollte unbedingt wissen, was passiert war.

Überall stehen Securityguards und scannen dich auf Waffen

Überall in Uganda begannen die Menschen wild zu diskutieren, alle waren so schockiert. Wir Ugander haben viele Verwandte in den USA. Die Telefone standen nicht mehr still. Jeder wollte wissen, ob die Angehörigen in Sicherheit sind.

In Uganda haben wir eine große muslimische Gemeinde, fast 15 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. An diesem Tag füllten sich landesweit die Moscheen. Die Imame beteten für Frieden. Sie verurteilten die Anschläge und distanzierten sich von den Terroristen. Sie hatten Angst, dass es auch in Uganda zu antiislamischen Tendenzen kommt.

Die muslimischen Führer aus ganz Ostafrika kamen kurz darauf zu einer Konferenz hier in Kampala zusammen, um ein Zeichen zu setzen. Man muss hinzufügen: 1998, also nur drei Jahre vor dem 11. September 2001, hatten Terroristen Bomben in den US-Botschaften in Kenia und in Tansania gezündet. Viele hundert Menschen starben. Wir hatten also am 11. September schon Erfahrung mit Anschlägen wie diesen. Deswegen kam die Reaktion der ostafrikanischen Imame unmittelbar.

Wie sich das Leben nach 9/11 verändert

Von diesem Tag an hat sich für uns Ugander unser tägliches Leben sehr verändert. Jedes Mal, wenn ich in einen Supermarkt gehe oder in ein Einkaufszentrum, in eine Bank oder ein Regierungsgebäude, muss ich einen Sicherheitscheck passieren. Überall stehen seither Securityguards und scannen dich auf Waffen, Taschen müssen überprüft werden. Vor 9/11 gab es das nirgends.

Uganda war ein sicheres Land. Wir hatten zwar zuvor einige Anschläge in der Hauptstadt Kampala erlebt und dabei starben jeweils 10 oder 15 Menschen. 9/11 aber war so viel schlimmer als das, was wir bislang erlebt hatten. Erst 2010 gab es dann in Kampala eine 9/11-Situation. Damals gingen abends, als das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen lief, in den überfüllten Kneipen Bomben hoch. Über 70 Menschen starben.

Ich erinnere mich, dass mich eine Freundin anrief. Sie war hoch schwanger und ihre Fruchtblase war geplatzt. Sie konnte ihren Ehemann nicht auf dem Handy erreichen, damit der sie ins Krankenhaus bringen konnte. Sein Telefon war ausgeschaltet. Als wir im Krankenhaus ankamen, sahen wir die Krankenwagen, die die Verletzten brachten. Vom Eingang der Notfallstation bis zum Operationssaal war der Fußboden voller Blut. Es war einfach grausam. Das war unser ugandischer 9/11.

Uganda hat langfristig vom sogenannten Feldzug gegen den Terror profitiert. Ugandas Präsident Yoweri Museveni hatte die USA im Vorfeld der Anschläge vor den Terroristen gewarnt. Seit 2001 führt Ugandas Militär einen Großteil der Militärmissionen in Afrika an. Zum Beispiel in Somalia, wo unsere Truppen an vorderster Front gegen die islamistische Miliz al-Schabaab kämpfen – im Auftrag der USA. Dadurch hat Uganda seine militärische Präsenz in Ost- und Zentralafrika ausbauen können. Dadurch konnte sich das Land international in ein gutes Licht rücken. Die US-Amerikaner haben seitdem die militärische Zusammenarbeit mit unserer Armee ausgebaut.

Special Forces der US-Armee

Special Forces der US-Armee bei einem Einsatz in Uganda, April 2012 Foto: Ben Curtis/ap

Aber all das hat mittlerweile auch negative Folgen. Unsere Polizei und Militärs wurden im Kampf gegen den Terror trainiert. Er wurden Antiterroreinheiten ausgebildet, die überall Verdächtige vermuten, Überwachungsmaßnahmen wurden ausgebaut, Telefonüberwachung und so weiter. Seitdem ist es üblich geworden, dass Verdächtige länger als 24 Stunden in Polizeigewahrsam festgehalten werden dürfen. Seitdem wird wieder gefoltert, um Geständnisse zu erzwingen. Das Militär hat kaum mehr Geduld im Umgang mit der Bevölkerung. Sie fürchten jeden Tag Anschläge.

Oppositionelle werden zu Terroristen erklärt

Gerade im Umgang mit der politischen Opposition wird das sehr deutlich. Mittlerweile werden Regimekritiker und Oppositionelle wie ich als Terroristen diffamiert, weil wir gegen Museveni sind. Das hat schon bald nach 9/11 angefangen. Damals herrschte in Uganda Krieg. Die Armee kämpfte gegen die Rebellen der LRA (Widerstandsarmee des Herrn) unter Führung von Joseph Kony im Norden des Landes. Es wurden Friedensgespräche eingeleitet und die Leute dachten, man könne mit den Rebellen verhandeln.

Nach 9/11 war das vorbei. Die US-Amerikaner kamen, um Ugandas Armee im Kampf gegen die LRA zu helfen. Aus den Rebellen wurden im Sprachgebrauch „Terroristen“. Verhandlungen waren keine Option mehr und die US-Truppen bauten ihre Präsenz in Afrika unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung aus. Seitdem sind alle, die Musevenis Regierung ablehnen, automatisch „Terroristen“.

Erst in seiner Ansprache an die Nation vor einigen Wochen hat Museveni uns Oppositionelle wieder als Terroristen bezeichnet. Er hat aber auch seinen Polizisten gesagt, sie sollten Verdächtige nicht foltern, um Geständnisse zu erpressen – das sei falsch. Immerhin hat er das eingesehen, dass diese US-amerikanischen Methoden nicht funktionieren.

Der 11. September hatte für viele junge ugandische Männer drastische Folgen. Abertausende junge Menschen wurden seitdem von Sicherheitsfirmen angeheuert, um in Afghanistan und im Irak zu arbeiten. Sie bewachen dort US-Militäreinrichtungen. Diese Sicherheitsfirmen haben uns Ugandern große Erfolgsversprechen gemacht: viel Geld, Karriere im Ausland und so weiter. Doch die meisten Geschichten dieser Männer sind sehr traurig. Ich habe kaum Geschichten über diese Männer gehört, in denen sie nach ihrem Job in Afghanistan mit dem verdienten Geld ein gutes Leben aufbauen konnten. Im Gegenteil: Peter, ein enger Freund, der im vergangenen Jahr nach Afghanistan gegangen war, ist in einem Sarg zurückgekehrt. Die versprochenen Entschädigungszahlungen wurden nie geleistet. Was genau geschehen war und wie er starb, ist bis heute ungeklärt. Wir wissen bis heute nicht, wie viele Ugander in Afghanistan und im Irak im Kampf gegen den Terror ihr Leben lassen mussten.

Selbst jetzt, wo die Taliban nun Afghanistan unter ihre Kontrolle gebracht haben, weiß niemand, wie viele Ugander noch dort sind. Selbst die Regierung weiß es nicht. Die Menschen werden nicht evakuiert. Das macht uns Ugander Sorgen. Deswegen diskutieren die Menschen gerade über die Lage in Afghanistan. Nach dem Truppenrückzug der US-Amerikaner war klar, dass noch mehr Ugander dort stationiert werden, um für mehr Sicherheit zu sorgen. (Protokoll: Simone Schlindwein)

Die Welt der Verschwörungsmythen – Cem-Odos Güler

Von irgendwo hatte mein Bruder wieder mal eine CD aufgetrieben. Mitte der 2000er Jahre verbrachten wir ganze Nachmittage vor dem Computer in unserem gemeinsamen Zimmer, und weil wir im Gegensatz zu vielen Freun­d*in­nen noch keinen Internetzugang hatten, versorgte er uns mit Filmen und Musik auf gebrannten CDs. Als ich die Doku mit Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 sah, waren seit den Anschlägen vielleicht drei oder vier Jahre vergangen. Ich war ein junger Teenager.

Der Film zeigte eine Konferenz von Schwur­b­le­r*in­nen des selbst erklärten „9/11 Truth Move­ments“. Die Bilder von den Rauchsäulen und den einstürzenden Zwillingstürmen kannte ich. Sie hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt, als ich neun Jahre alt war. Aber die verschwörerischen Fantasien dazu, die kurz nach dem Anschlag aufgekommen waren, waren mir unbekannt.

Ich sprach über die Tragfähigkeit von Stahl oder über irgendwelche Blitze

Eigentlich glitten ­politische Diskussionen bei uns zu Hause öfter mal ins Verschwörerische ab, besonders dann, wenn irgendwelche Cousinen und Onkels zu Besuch kamen. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass sie in der Türkei politisch sozialisiert wurden. Dort riss in der jüngeren Geschichte ein ebenso unberechenbarer wie aufgeblähter Militärapparat viereinhalb Mal die Macht an sich, drei Putschversuche scheiterten außerdem … Da kann man schon mal paranoid werden.

In meinem kindlichen Denken hinterließen die 9/11-Mythen Eindruck. Ich sprach mit Klas­sen­ka­me­ra­d*in­nen über die Tragfähigkeit von Stahl oder über irgendwelche Blitze, die beim Aufprall der Flugzeuge zu sehen gewesen seien. Ich kann mich daran erinnern, dass ich in der Schule nicht der Einzige war, der mit „offenen Fragen“ ankam, so wie sie in dem Video bezeichnet wurden – auch Freun­d*in­nen ohne kurdische Onkels stellten diese Fragen.

His­to­ri­ke­r*in­nen streiten sich heute darüber, ob der 11. September 2001 eine Zäsur ist und ob die Welt seit den Anschlägen eine andere ist, als sie es davor war. Für mich gab es keinen Einschnitt, weil ich die Welt eigentlich nur mit allem, was danach kam, kenne: Afghanistaneinsatz, Irakkrieg, Vorratsdatenspeicherung. Ich konnte meine Beobachtungen zu den Anschlägen nicht einordnen, auch nicht, als ich dieses Video anschaute oder mit Mit­schü­le­r*in­nen darüber sprach. Am 11. September 2001 habe ich noch nicht politisch gedacht.

Wahrscheinlich macht man es sich zu leicht, wenn man die Anschläge als eine Zäsur bezeichnet. Islamistischer Terror hat Kontinuität, die Kriege in Afghanistan und im Irak auch. Kontinuität haben auch die Verschwörungsmythen zum 11. September: Sie sind fast immer klar antisemitisch.

Das habe ich erst später gelernt. Ein früher Exkurs in die Welt der Ver­schwö­re­r*in­nen hat mich aber sensibilisiert, heute wohl umso allergischer auf solche Denkmuster zu reagieren.

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