: Wie es sich anfühlt, ein Parkinson-Patient zu sein
Empathie ist unter Beschuss der MAGA-Rechten. Oliver Sacks zeigt sich in seinen Briefen als warmherziger Verteidiger dieser menschlichen Fähigkeit
Von Helmut Höge
Der 2015 im Alter von 83 Jahren gestorbene englische Neurologe Oliver Sacks hat die Verbindung von Forschung und Erzählung zum Prinzip gemacht. Mit seinem Mentor, dem sowjetischen Neuropsychologen Alexander Lurija, nannte er das eine „romantische Wissenschaft“.
In ihr ist die Empathie zentral. Sacks hielt seine Entwicklung dahin für „unvermeidlich“, denn in den Gesprächen seiner Eltern und älteren Brüder, die alle Mediziner waren, „wurden Fälle immer zu Biografien, Geschichten über das Leben von Menschen, die auf Krankheit oder Verletzung, Stress oder Unglück reagierten“. Und so wurde er ebenfalls „Arzt und Geschichtenerzähler“.
Die Philosophin Hannah Arendt meinte: „Der Tod menschlicher Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen einer Kultur, die im Begriff ist, in die Barbarei zu verfallen.“
Die „MAGA-Kultur“ sieht das nun anders, z.B. der im September 2025 erschossenen Trump-Propagandist Charlie Kirk, in einer Rede vor US-Studenten sagte er: „Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen. Ich glaube, Empathie ist ein erfundenes New-Age-Wort – und es richtet großen Schaden an.“
Ähnlich sehen das der US-Vizepräsident J. D. Vance und sein Mentor, der Tech-Unternehmer Peter Thiel. Sie sind davon überzeugt, dass die Schwäche des Christentums die Nächstenliebe, die Empathie sei, weil sie den Starken ein schlechtes Gewissen mache.
In Dänemark ist Empathie ein eigenes Schulfach für alle zwischen 6 und 16 Jahren. Oliver Sacks war demgegenüber davon überzeugt: „Man kann Empathie nicht lehren.“ Seine Brieffreundin, die bis zuletzt unermüdliche Vortragsreisende Jane Goodall, für die „jede echte Veränderung mit Mitgefühl beginnt“, hätte ihm da wiederum widersprochen.
Der mit seinen klinischen Falldarstellungen zu einem vielfachen Bestsellerautor gewordene Sacks gilt als „Verkörperung des mitfühlenden Arztes“ („Frage nicht, welche Krankheit die Person hat, sondern welche Person die Krankheit hat“, lautet das Motto einer seiner Erzählsammlungen). Kein Wunder, dass seine Kollegen im In- und Ausland seine ersten Bücher ignorierten, erst mit seiner Berühmtheit änderte sich das. Zehn Jahre nach seinem Tod erschienen dann, von seiner Assistentin Kate Edgar herausgegeben und kommentiert, 1.008 Seiten „Briefe“ (2025).
Bereits als 27-Jähriger, zu Beginn seiner neurologischen Tätigkeit in einem kalifornischen Krankenhaus 1960, kritisierte Sacks seine Kollegen quasi aus Patientensicht. In einem Brief an einen Freund in England schrieb er: „Es gibt hier einfach zu viele Ärzte, die einen Patienten bereitwillig übers Ohr hauen, indem sie unsinnige Untersuchungen im Wert von 1.000 Dollar an ihm vornehmen.“
Pseudoquantifizierung der Befunde
Seinen Eltern schrieb Sacks im selben Jahr: „Die alten anekdotischen Zeiten der Medizin sind vorbei – ‚Ich hatte mal einen Patienten‘ –, stattdessen ist man immer stärker bemüht, Ergebnisse zu erhalten, die sich statistisch ‚verarbeiten‘ lassen. Oft führt das zu einer absurden Pseudoquantifizierung der Befunde, vor der wir uns hüten müssen.“
1970 unterrichtete Sacks Studenten, seinen Eltern schrieb er: „Ich denke, dass ich ein guter Lehrer bin: Nicht weil ich Tatsachen verkünde, sondern weil ich in gewisser Weise meine Leidenschaft für Patienten und ihre Befindlichkeiten vermittle und ein Gefühl für die ‚Beschaffenheit‘ der Patienten, für die Art, wie sich die Symptome mit ihrem ganzen Sein verschränken und dieses sich seinerseits mit dem gesamten Umfeld verschränkt.“
Sacks findet den gesamten „medizinischen Jargon grässlich. Er vermittelt kein wirkliches ‚Bild‘, nicht den geringsten Eindruck davon, wie es sich anfühlt – sagen wir – ein Parkinson-Patient zu sein.“ In „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (1990) ergänzte er: „In einer knappen Krankengeschichte gibt es kein ‚Subjekt‘ – es wird in der modernen Anamnese nur mit einer oberflächlichen Beschreibung erfasst (‚ein trisomischer, weiblicher Albino von 21 Jahren‘), die ebenso auf eine Ratte wie auf einen Menschen zutreffen könnte.“
Einem Literaturkritiker schrieb er 1972, dass er viele Jahre gebraucht habe, bis er gelernt hatte, den Parkinsonismus-Patienten und anderen „zuzuhören, und versuchen konnte, mich in ihre Erfahrungswelt hineinzuversetzen. Heute ist diese empathisch-metaphysische Methode mit einem kategorischen Verbot belegt, heute besteht man pedantisch auf Definitionen und Zahlen und Fakten.“
1966 sah er seinen ersten Parkinson-Patienten: „Der ehemalige Bibliothekar hatte einen Ausdruck im Gesicht, der zugleich unendlich verkrampft und unendlich fern war, aber ich konnte mir seine Verfassung nicht im Entferntesten vorstellen, bis er das Wort ‚Panther‘ flüsterte und mir damit Rilkes ‚Panther‘ ins Gedächtnis rief.“
In dem es heißt: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt. (…) / Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, / geht durch der Glieder angespannte Stille – / und hört im Herzen auf zu sein.“
An seinen Bruder Samuel, ein praktischer Arzt, schrieb Sacks 1974, die Medizin habe viel von ihrem Glanz verloren: „Begriffe wie ‚Krankenpflege‘ und ‚Fürsorge‘ sind praktisch verschwunden und durch eine pedantische Leidenschaft für neue Medikamente, Verfahren, Methoden, Techniken ersetzt worden.“
Oliver Sacks
1985 schrieb Sacks der feministischen Wissenschaftskritikerin Evelyn Fox Keller, dass er einen dogmatischen Vortrag des Molekularbiologen und Nobelpreisträgers Joshua Lederberg gehört habe, „der bei ihm eine Art Schrecken hinterließ, das Gefühl: Und ‚das‘ – Lederbergs ‚Programm‘ – ist alles, was die Naturwissenschaft zu bieten hat? Das löste eine Art Krise in mir aus – eigentlich, wenn man so will, eine Krise der ‚Liebe‘. Denn das, was ich tue, ist – denke ich, oder hoffe ich zumindest – fast immer von Liebe beseelt und ein Produkt der Liebe; und wenn es in meinem Leben auch einige intensive persönliche Beziehungen gab, so wurde es doch seit meiner Kindheit auch durch ‚eine Liebesbeziehung zur Welt‘ mit Wärme versorgt. Ich empfinde Lederbergs ‚Philosophie‘ als zutiefst beunruhigend – aber nicht als so beunruhigend wie die Lieblosigkeit, die ihr zugrunde liegt.“
Sie erinnerte ihn an einen Mann, der „extrem intelligent, kalt und genau“ war und der zu ihm sagte: „Liebe? Was meinen Sie mit ‚lieb‘? Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Ihre Patienten sind Ihnen ‚lieb‘? Was ist ‚lieb‘? Was ist ‚Liebsein‘? Das existiert nicht in der Welt!“
Sacks erstarrte. „Manchmal fragte er sich, ob man nicht eine ‚technische‘ von einer ‚visionären‘ Wissenschaft unterscheiden sollte.“ Er fürchtet, dass eine Mehrheit seiner Kollegen „mittlerweile wie Molekularbiologen denkt“.
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