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Der chinesische Autokonzern gerät auf Brasiliens „schmutzige Liste“ für moderne Sklaverei – und wird nach drei Tagen wieder gestrichen

BYD-Werk für Elektro­fahrzeuge im brasilianischen Camaçarí in Bahia Foto: Rafael Martins/reuters

Aus Salvador da Bahia Christine Wollowski

Der chinesische Elektroautobauer BYD ist in der vergangenen Woche in Brasilien auf der „schmutzigen Liste“ gelandet – und kurz danach wieder von der Liste verschwunden. Dieses Register verzeichnet Arbeitgeber, die ihre Angestellten sklavenartigen Bedingungen unterwerfen.

Bei einer Kontrolle im Dezember 2024 waren die Behörden im brasilianischen Bahia auf 224 Männer chinesischer Staatsangehörigkeit getroffen, die in dürftigen Unterkünften eingepfercht waren. Viele schliefen auf Betten ohne Matratzen, in einer der Baracken teilten sich 31 Männer eine Toilette. An bis zu sechs Tagen pro Woche arbeiteten sie bis zu zehn Stunden, Wachmänner passten auf, dass niemand das Gelände verließ.

Nach Brasilien gekommen waren die Arbeiter durch einen Betrug: Alle hatten ein Visum als „Facharbeiter“, obwohl es sich um unqualifizierte Bauarbeiter handelte, die beim Bau des Werks für den Autokonzern BYD beschäftigt waren. In der Folge erteilte Brasilien keine temporären Arbeitsvisen mehr für Angestellte von BYD. 163 chinesische Arbeiter wurden aus der sklavenähnlichen Beschäftigung befreit.

Die neueste Ausgabe der schmutzigen Liste, die das brasilianische Arbeitsministerium 2003 geschaffen hatte, verzeichnet nun mehr als 600 Privatpersonen und Unternehmen, darunter 169 Neuzugänge. Bahia liegt nach der Anzahl der Fälle an dritter Stelle, hinter Minas Gerais, geprägt von der Bergbauindustrie, und Sao Paulo. Am häufigsten kommt moderne Sklavenarbeit bei Hausangestellten, in der Rinderzucht, auf Kaffeeplantagen und auf dem Bau vor.

BYD macht Subunternehmer verantwortlich

Üblicherweise bleiben die Namen der Arbeitgeber für zwei Jahre auf der Liste. Der Konzern BYD jedoch verschwand bereits nach drei Tagen wieder: Er hatte eine einstweilige Verfügung beantragt, weil die betroffenen Arbeitnehmer von einem Subunternehmer eingestellt worden seien. Es bestünde kein direkter Arbeitsvertrag zwischen BYD und den Bauarbeitern. Die Beschäftigung von Subunternehmern ist in Brasilien legal. Außerdem gab der Konzern an, er sei durch die Aufnahme in die Liste bei der Teilnahme an Ausschreibungen und Kreditvergaben benachteiligt. Bei der Kontrolle Ende 2024 hatten die Beamten des Ministeriums das gleiche Argument allerdings abgelehnt und BYD dafür verantwortlich gemacht, seine Subunternehmer zu kontrollieren.

Bis zur endgültigen Entscheidung werden sich sowohl die brasilianische Regierung als auch das Arbeitsministerium zu dem Fall äußern. Bis dahin ist der Konzern von der Liste gestrichen. Eine Anfrage der taz zu den Vorfällen rund um die schmutzige Liste ließ BYD unbeantwortet.

2025 wurden in Brasilien rund ein Viertel mehr Menschen aus moderner Sklaverei befreit als im Vorjahr, insgesamt 2.772 Arbeiter, die meisten davon in den Bundesstaaten Minas Gerais und Bahia. Zum ersten Mal seit Existenz der schwarzen Liste griff 2025 der Arbeitsminister Luiz Marinho mehrmals direkt in die Arbeit der Behörden ein und entfernte – entgegen der Einschätzung der Kontrollbeamten – drei Konzerne von der Liste. Aus Protest kündigten neun leitende Kontrolleure ihren Job. Kritiker fürchten eine Politisierung der ursprünglich technischen Entscheidungen. Seit Beginn der Kontrollen im Jahr 1995 wurden in Brasilien 68.000 Menschen befreit.

Im Januar 2026 unterzeichnete BYD zusammen mit zwei Subunternehmern einen Vergleich über die Zahlung von 40 Millionen Real. Die Summe geht teilweise direkt an die befreiten Arbeiter, teils in einen Fonds für Entschädigungszahlungen aufgrund des kollektiven immateriellen Schadens. In einer Mitteilung versicherte ein Konzernsprecher, dass BYD die Menschenrechte unbedingt respektiere und auf der Basis brasilianischer Gesetzgebung und internationaler Normen des Arbeitsschutzes agiere.

Das BYD-Werk im brasilianischen Camaçarí in Bahia ist das größte in Lateinamerika

Streiks im BYD-Werk in Camaçarí

Der Konzern konzentriert sich aktuell auf ausländische Märkte, weil die Verkaufszahlen auf dem chinesischen Markt schon seit einiger Zeit schrumpfen. Das Werk im brasilianischen Camaçarí in Bahia ist das größte in Lateinamerika, es soll 20.000 Arbeitsplätze schaffen mit mehr als 800.000 Euro vorgesehenen Investitionen. Zur Eröffnung im Oktober 2025 erschien sogar Präsident Lula. Von 1.500-Mann-Belegschaft waren zur Feier allerdings nur 300 geladen, wie die Gewerkschaft kritisierte.

Im Dezember 2025, ein Jahr nach der Befreiung der 163 chinesischen Arbeiter und kurz vor der Unterzeichnung des Vergleichs, war die Situation in Camaçarí erneut kritisch: 2.000 Bauarbeiter streikten für bessere Arbeitsbedingungen. Sie forderten etwa die Zahlung ausstehender Löhne und die Installation von Trinkwasserspendern, Umkleiden und mehr Toiletten – es seien für Tausende Arbeiter nur sechs vorhanden. Laut der regionalen Baugewerkschaft entließ das Unternehmen am siebten Streiktag mehrere der streikenden Arbeiter. Eine Kundgebung am Eingang des Werks schlug die Militärpolizei am Folgetag unter Einsatz von Tränengasbomben nieder.

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