Wie 2021 besser werden könnte: Der Anfang ist das Wort

Ich bin voller Hoffnung für das nächste Jahr. Der Auslöser dafür ist eine kleine Nachricht über eine Initiative zur Verbesserung der Sprachkompetenz.

Buchstabe für Buchstabe gleiten die Finger eines Jungen über die Seiten eines Buches.

Muss sein: Lesen lernen Foto: dpa | Patrick Pleul

Was ist das für ein Jahr gewesen?! Aber ich bin voller Hoffnung. Ich weiß gar nicht, warum. Ich war das ganze Jahr hindurch nicht voller Hoffnung.

Vielleicht liegt es an der Sonne, die heute scheint. Vielleicht daran, dass ich mich gestern mit meinen Freundinnen traf, online natürlich. Und jetzt suche ich also nach einer guten regionalen Nachricht für eine gute Jahresabschluss-Kolumne: 130 Hamburger Schulen beteiligen sich an der Bund-Länder-Initiative zur Verbesserung der Sprachbildung sowie der Lese- und Schreibförderung „BiSS-Transfer“. Neue Lernmethoden sollen eingeführt werden, damit die Schüler*innen besser mit Texten zurecht kommen. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe ist darüber sehr erfreut. Das ist die Meldung, die mich interessiert, und ich weiß natürlich nicht, wie hilfreich dieses Konzept ist. Aber, dass es notwendig ist, davon bin ich überzeugt.

Ich habe in Hamburg mehrere Projekte des Schulhausromans betreut und habe einen (selbstverständlich unvollkommenen) Eindruck gewonnen, wie es mit der Lese- und Schreibkompetenz in Hamburger Stadtteilschulen so aussieht. Ich war, gelinde gesagt, erschrocken.

Ich bin zu einer Zeit und in einem System zur Schule gegangen, in der das Schrei­ben- und Lesenlernen in den ersten Jahren oberste Priorität hatte. Nach vier Jahren konnten alle Schüler*innen meiner Klasse richtig schreiben und gut lesen, selbst die schlechtesten. Das ist jetzt anscheinend anders. Selbst Oberstufenschüler*innen am Gymnasium sind meiner Erfahrung nach nicht sicher in der Rechtschreibung und keine versierten Leser*innen.

Lesekompetenz ist eine Voraussetzung für das Funktionieren der Demokratie

Ich will jetzt gar nicht auf das Bildungssystem schimpfen. Möglicherweise lernen die Schüler*innen heute andere Dinge, als wir, vielleicht sogar mehr und vielleicht sind sie sogar auf eine andere Art gebildeter als wir es damals waren. Die Prioritäten einer Gesellschaft ändern sich.

Aber ich bin dennoch für das Schreiben und noch mehr für das Lesen. Ich meine, es ist etwas, was man so sicher beherrschen sollte, wie das Schnürsenkel-Binden. Selbst, wenn die Menschheit irgendwann mit Klettverschlüssen herumläuft und es eine alternative Rechtschreibung geben sollte.

Und diese Rechtschreibung gibt es ja schon, in den Chats, in den Kommentarleisten, bei WhatsApp, in den Messenger-Diensten. In dieser schnellen, pragmatischen Welt, die durchaus auch poetisch sein kann, geht es vor allem darum, verstanden zu werden. Und das ist ja auch der Sinn von Kommunikation. Aber darüber hinaus gibt es die Kommunikation von Schönheit und Wahrheit, die nur komplexer zu haben sind.

Die Schönheit und die Wahrheit von Honoré de Balzac und Marcel Proust, von Emily Brontë und Jane Austen und vieler, vieler anderer. Die Sprache ihrer Romane ist historisch, sie braucht Bildung, und solche Romane brauchen Ausdauer. Wenn unsere Kinder oder Enkel nicht mehr in der Lage sein werden, solche Bücher zu lesen, dann werden diese Romane irgendwann nicht mehr verfügbar sein. Dann wird die Fähigkeit, anspruchsvolle Texte zu lesen, höchstens noch in akademischen Kreisen als Studienaufgabe überleben.

Und es geht ja nicht nur um anspruchsvolle Romane. Es geht um die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben überhaupt. Wissenschaftliche, politische Texte müssen auch gelesen werden können.

Demokratie erfordert, dass man Argumentationen folgen kann, um sich eine fundierte Meinung bilden zu können. Lesekompetenz ist eine wichtige Voraussetzung, auch für das Funktionieren der Demokratie. Die Hirne der Menschen müssen so sein, dass sie Argumenten folgen können, Sachverhalte erfassen, Schönheit sehen, Konflikte verstehen, und dafür braucht es Ausdauer, die Fähigkeit, zu differenzieren, und Geduld, sich Gedankengänge entwickeln zu lassen, lange, gespannte Aufmerksamkeit, auch ohne, dass alle zwei Sekunden etwas anregend explodiert.

Ich fürchte für diese Fähigkeiten. Und ich schlage allen Menschen zum Jahresende vor: Lesen und Vorlesen! Kluge Menschen, im besten Sinne des Wortes, das ist es, was ich mir für das neue Jahr am allermeisten wünsche.

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ist Schrift­stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Sicherheitszone“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

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