Wettbüro in Hamburg verstößt gegen Gesetz: Kurzer Weg zum Geld

Im Stadtteil Wilhelmsburg hängt ein Geldautomat direkt neben dem Eingang zu einem Wettbüro. Das ist verboten. Die Glücksspielaufsicht will den Fall prüfen.

Die Filiale von Tipico von außen, an der Außenwand hebt ein Mann Geld an einem Automaten ab

Verboten dicht aneinander: Eingang des Wettbüros und der Geldautomat Foto: Andrea Maestro

HAMBURG taz | Den Eingang des Sportwettbüros „Tipico“ trennen keine zwei Meter vom nächsten Geldautomaten. Tatsächlich befindet sich der rote Haspa-Automat im Reinstorfweg in Wilhelmsburg sogar an der gleichen Hausfassade – und das, obwohl das verboten ist.

Im Gesetz zum veränderten Glücksspielstaatsvertrag steht, dass „technische Geräte zum Abheben von Bargeld“ nicht an zugehörigen Gebäudeteilen von Wettvermittlungsstellen oder an zugehörigen Flächen bereitgehalten werden dürfen. Doch in Wilhelmsburg halten sich daran weder das millionenschwere Unternehmen Tipico noch die Sparkasse.

Süchtige Spieler, so berichtet es ein Betroffener der taz, hätten keine Selbstbeherrschung, wenn der Geldnachschub so nah sei. Der 36-Jährige, der in diesem Artikel anonym bleiben möchte, hat selbst bei Tipico mit Fußballwetten angefangen. Er kritisiert, dass häufig Geldautomaten in der Nähe stünden. „Das ist bewusst so gemacht“, ist er sich sicher. Man wolle Süchtigen „das Geld aus der Tasche ziehen“. Eine gewisse Entfernung zu den Wettbüros sei wichtig, „da man in den Minuten über sein Handeln nachdenken kann“.

Der Innenbehörde war nicht bekannt, dass Tipico in Wilhelmsburg gegen die gesetzlichen Vorgaben verstößt. Die Filiale im Reinstorfweg wird im Netz gar nicht angezeigt und auf Google Maps als geschlossen gemeldet. Sie müssten den Sachverhalt nun prüfen, sagt Behördensprecher Frank ­Reschreiter.

Immer mehr als das gesetzte Limit

Sollten die Vorwürfe zutreffen, werde die Glücksspielaufsicht entscheiden, „welche ordnungsrechtlichen Schritte wegen dieses Rechtsverstoßes eingeleitet werden“. Leider sei es keine Seltenheit, „dass die Betreiber von Wettvermittlungsstellen die gesetzlichen Vorgaben nicht beachten“. In diesem konkreten Fall drohe Tipico ein Bußgeld von bis zu einer halben Million Euro.

Suchttherapeut Abuzer Cevik von der Beratungsstelle Kodrobs in Wilhelmsburg hält solche Verstöße von Wettanbietern für ein großes Problem. Sportwetten und Glücksspiel seien in gleichem Maße gefährdend, sagt er. „Wenn ein Geldautomat einen Kilometer entfernt wäre anstatt nur einen Meter, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Person nicht weiterspielt.“

Die Psychologin Marita Junker vom Boje-Suchthilfe­zentrum betont auch, dass die leichte Verfügbarkeit von Geldnachschub sämtliche Schutzmechanismen untergrabe, wodurch „deutlich mehr eingesetzt wird als das ursprünglich gesetzte Limit“.

Nun könnte argumentiert werden, dass in Zeiten von Onlinekonten sowieso jeder überall auf Geld zugreifen könne. Doch die digitalen Spielkonten werden mithilfe eines Barcodes aufgeladen. Die Spieler kaufen den Code an Tankstellen oder Supermärkten und scannen ihn ein, um ihr Konto zu füllen. Das heißt, selbst zum virtuellen Bankautomat muss ein Weg zurückgelegt werden.

Der betroffene 36-Jährige habe die Tipico-App mittlerweile von seinem Smartphone gelöscht, nachdem er wieder auf ein lockendes Angebot reingefallen sei. Aber: „Es ist viel schwieriger, an einem Wettbüro vorbeizugehen“, sagt er. Die Atmosphäre ziehe ihn an. Dort könne man sitzen und etwas trinken – und gewonnenes Geld wieder verwetten.

In der Filiale vor Ort ist es dunkel. Die Fenster sind abgeklebt. Oliver Kahn wirbt mit seinem Konterfei an der Außenwand um neue Zockende. Ein Mitarbeiter steht hinter einer hohen Theke. An den Wänden stehen Automaten, an denen Wetten abgeschlossen werden können. Fußballspiele sind der Klassiker, aber auch auf Volleyball oder sogar Schach kann hier gewettet werden. Er kontrolliere nicht, wer „wo Geld abhebe und ausgebe“, sagt der Mitarbeiter.

Tipico fühlt sich im Recht

In diesem Raum war früher eine Sparkassenfiliale, seit 2004 gibt es nur noch den Geldautomaten. Die Haspa weist die Verantwortung von sich. Der Automat sei vor dem Einzug des Wettanbieters installiert worden, sagt Haspa-Media-Relations-Leiter André Grunert. Die Haspa sei nicht der Vermieter und habe deshalb keinen Einfluss darauf, „wer zu welchem Zweck im Laufe der Jahre Flächen in dem Gebäude“ angemietet habe.

Das Unternehmen Tipico ist sich jedoch ebenfalls keiner Schuld bewusst. Ein Sprecher, der aus Malta anruft und nicht namentlich genannt werden soll, schickt ein Statement, das „ausschließlich als vollständige Antwort“ veröffentlicht werden darf.

„Die Filiale unseres Franchisepartners war bis 2010 eine Filiale der Hamburger Sparkasse mit dem bis heute bestehenden Geldautomaten. Der Geldautomat befindet sich außerhalb der angemieteten Räume. Es liegt damit kein Verstoß gegen das Hamburger Ausführungsgesetz vor, weil sich der Automat nicht in den vom Franchisepartner angemieteten Räumen befindet. Mit der Entfernung wären wir aber einverstanden und werden das Gespräch mit der Hamburger Sparkasse suchen, eine finale Lösung liegt aber außerhalb unseres Einflussbereiches.“

Eine freundliche Erwiderung, doch die Rechtsordnung ist eindeutig: Entweder muss das Wettbüro weg oder der Geldautomat.

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