Werder Bremen verliert gegen Leipzig: Wieder auf Augenhöhe

Nach dem 1:2 gegen RB Leipzig geht Werder Bremen mit zwei Niederlagen in die Winterpause. Trotzdem besteht für den Verein Grund zur Freude.

Werder-Stürmer Niclas Füllkrug umarmt den Torschützen zum 1:1, Christian Gross

Werder-Stürmer Niclas Füllkrug gratuliert dem Torschützen zum 1:1, Christian Gross Foto: Carmen Jaspersen, dpa

BREMEN taz | Selten wurde eine Fußballmannschaft nach einer Niederlage von ihren Fans so gefeiert. Das 1:2 von Werder Bremen gegen RB Leipzig bildete den stimmungsvollen Abschluss eines Fußball-Jahres, in dem Spielfreude und Begeisterung an den Osterdeich zurückkehrt sind.

Die letzte Viertelstunde vor der überlangen Winterpause bis Mitte Januar war der erneute Beweis für die wiedererlangte Wettbewerbsfähigkeit von Werder in der 1. Bundesliga. Fast eine Viertelstunde schnürte der Aufsteiger den Champions-League-Teilnehmer mit allen zur Verfügung stehenden Offensivkräften in dessen Hälfte ein.

Obwohl die Leipziger von Trainer Marco Rose speziell auf Werders Stärke in den letzten Minuten vorbereitet worden waren, erreichte Neu-Nationalspieler Niclas Füllkrug noch zwei Flanken mit dem Kopf. Anders als bei seinem Siegtreffer gegen Hertha BSC konnte er ihnen aber nicht die nötige Schärfe und Präzision mitgeben.

So beendet Werder dieses Jahr zwar mit zwei Niederlagen – aber auch mit der Gewissheit, als Mannschaft allen anderen außer dem FC Bayern München auf Augenhöhe begegnen zu können. Punkte springen gegen die individuellen Qualitäten wesentlich teurerer Teams wie RB Leipzig allerdings nur heraus, wenn die eigene Fehlerquote möglichst gering gehalten wird. Das gelang bei den Leipziger Treffern durch André Silva und Xaver Schlager eben doch nicht ganz.

21 Punkte aus 15 Spieltagen

Dennoch hat Werder nach 15 Spieltagen schon 21 Punkte auf dem Konto, ist in der oberen Tabellenhälfte platziert und gilt als bester Aufsteiger der letzten Jahre. Anfang dieses Jahres lagen die Grün-Weißen noch auf Platz sieben der 2. Liga – drei Ränge hinter dem späteren Mitaufsteiger und jetzigen Tabellenletzten Schalke 04.

Über die Weichenstellungen auf diesem Weg sagte der Leiter Profifußball Clemens Fritz vor kurzem: „Wir wollten den Kader so früh wie möglich zusammen haben und punktuell so verstärken, dass es auf jeder Position einen Konkurrenzkampf gibt. Die Überzeugung hat sich die Mannschaft dann selbst erarbeitet.“

Diese Überzeugung in die eigene Stärke hat die Mannschaft anders als Schalke 04 aus der Aufstiegssaison mit hinübergenommen. Während die Blau-Weißen ihr Team seit dem Abstieg 2021 fast komplett ausgewechselt haben, stehen bei Werder noch acht Akteure regelmäßig in der Startelf, die den Abstieg zu verantworten hatten.

Ergänzt von bewährten Kräften wie Marvin Ducksch, Mitchell Weiser und Anthony Jung bügelten sie die Scharte wieder aus und holten sich in einer turbulenten Zweitliga-Saison verlorenes Selbstbewusstsein zurück. Mittlerweile sind weitere Verstärkungen hinzugekommen, vor allem mit Amos Pieper und Niklas Stark in der Abwehr. Sie wuchsen zu einer Gruppe zusammen, die sich gegenseitig puscht, lobt, aber auch kritisiert und miteinander streitet. Das funktioniert nur mit einem Trainer wie Ole Werner, der die Dynamiken in seiner Mannschaft erkennt, mit ihnen arbeitet und ihnen nicht den eigenen Machtanspruch überstülpt.

Bestes Beispiel für die dynamischen Wechselwirkungen in dieser Mannschaft ist ihr neuer Star. Als 13-Jähriger kam Niclas Füllkrug einst zu Werder, entwickelte sich später als Profi in Nürnberg und Hannover weiter, wurde aber oft von Verletzungen zurückgeworfen. Vor knapp einem Jahr schmorte er dann unter Ex-Trainer Markus Anfang auf der Ersatzbank und zoffte sich mit Clemens Fritz so stark, dass er kurzzeitig vom Training suspendiert wurde.

Werder ist in der oberen Tabellenhälfte platziert und gilt als bester Aufsteiger der letzten Jahre

Heute lebt er die von Fritz hervorgehobene Überzeugung so vor wie kein anderer. Mit knapp 30 Jahren ist er zum kompletten Spieler geworden, zur „Waffe von ganz seltener Qualität“, wie Trainer Ole Werner sagt. Mehr noch: Landesweit wird er plötzlich als der lange vermisste Mittelstürmer alter Uwe-Gerd-Horst-Rudi-Miro-Schule gehandelt. Nach seinem späten Siegtreffer gegen Hertha BSC überboten sich seine Mitspieler in Superlativen. „Ich stand dahinter und habe selten einen so hochspringen sehen“, sagt Abwehrspieler Amos Pieper. „Das ist schon Wahnsinn.“

Folgerichtig waren gegen Leipzig alle Augen auf ihn gerichtet – den zwischenzeitlichen Ausgleich machte allerdings der Inbegriff des Spielers, der selten groß auffällt. Christian Groß erzielte mit 33 Jahren in seinem 50. Bundesliga-Spiel mit einem noch leicht abgefälschten Weitschuss in den Winkel sein allererstes Tor als Profi überhaupt. „Ich kenne Grosso jetzt ja auch schon ein paar Jahre, aber solch einen Schuss habe ich noch nie von ihm gesehen“, staunte sein Kapitän Marco Friedl.

Es blieb der Ehrentreffer – er steht aber für das Potenzial dieser Mannschaft. Und so schimmerte am Samstag um 17.20 Uhr trotz Niederlage auch die Vorfreude auf einen Frühling ohne Abstiegskampf durchs Weserstadion. Die Mannschaft ist zwar nicht so erwachsen, wie sie sich selbst teilweise sieht – sonst wäre sie dem FC Bayern München beim 1:6 am Dienstag nicht wie ein vor Kraft strotzender Halbstarker ins offene Messer gelaufen.

Aber sie ist reif genug, ihrem mutigen Spiel treu zu bleiben. Und nicht den Versuch zu unternehmen, den Vorsprung auf die Abstiegsplätze ins Ziel verwalten zu wollen. Das ist vor zwei Jahren schief gegangen. Zum Glück sind noch genug Spieler da, die sich daran erinnern.

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