Wer hat die Macht im ESC?

Jonglieren für Europa

Der Niederländer Sietse Bakker ist Event Supervisor beim Eurovision Song Contest. Seine Arbeit unterliegt bis auf Weiteres keiner Kontrolle.

Mans Zelmerloew, Sieger des ESC 2015, springt in die Luft

Der Schwede Mans Zelmerloew gewinnt den Eurovision Song Contest und holt die Show damit 2016 nach Schweden. Foto: dpa

Is this Switzerland’s next FIFA scandal?“, schrieb neulich das Genfer Onlinemagazin le News, Schwedens Aftonbladet im Mai: Was läuft da schief beim Eurovision Song Contest? Damals ging es um einen Mitarbeiter der Medienabteilung des ESC, Jarmo Siim, der in einem privaten Chat über den späteren schwedischen Sieger Lästerliches schrieb.

Als das dann doch an die eurovisionäre Öffentlichkeit kam, gab es empörte Reaktionen: Darf sich ein Mitarbeiter der European Broadcasting Union, des TV- und Radionetzwerks der öffentlich-rechtlichen Sender mit Sitz in Genf, so antineutral äußern?

Nein. Nur: Für Siim, den Mann aus Estland, fühlte sich die EBU nicht zuständig. Er sei kein Angehöriger der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und auch nicht von deren Abteilung, die den Eurovision Song Contest Jahr für Jahr managt.

Ein Rätsel: Ein Mann, der beim ESC für die offizielle EBU-Website eurovision.tv schreibt und andere Autoren auch betreut – nicht auf der Payroll der EBU? Also auch nicht den Ethikrichtlinien, den Complianceregeln des Netzwerks unterworfen?

Einer, der querschießt

Nein, das war er nicht, und das macht die Chose, um die es in Genf und anderswo geht, momentan so anrüchig. Tatsächlich liegen wesentliche Teile der Operationalisierung des – womöglich auch global – größten Showprojekts öffentlich-rechtlicher Sender in den Händen einer privaten Firma: WOW!works mit Sitz in Amsterdam.

Dahinter steckt vor allem der Niederländer Sietse Bakker. Er ist faktisch der engste Mitarbeiter von Jon Ola Sand, Geschäftsführendem Direktor des ESC bei der EBU. Der Norweger kam 2010 zu diesem Job, er war ein gutes Jahr zuvor für den ESC in Oslo als Angestellter des Senders NRK zuständig, er hatte einen ziemlich guten Job gemacht.

Jon Ola Sand, Chef des ESC

Wir müssen mit Vertrauen zusammenarbeiten. Mit Misstrauen geht es nicht.

Als Sand im Herbst 2011 in Genf sein Büro bezog, fand er an personeller Kompetenz vor – so gut wie nichts. Die alten Mitarbeiter hatten ihr Wissen mitgenommen. Die Lösung lag nahe: Sietse Bakker hatte, was Sand begehrte: Durchblick – und das Vermögen, mit Menschen aus bis zu 46 Ländern gut auszukommen. Ein Europäer sondergleichen, immer über den eigenen nationalen Tellerrand hinausblickend.

Ein merkantiles Juwel

Bakker hatte vor 15 Jahren die Website www.esctoday.com begründet, ein englischsprachiges Nachrichtenforum für alles, was es das ganze Jahr über den ESC zu vermelden gibt. Und Bakker kannte das Prozedere eines ESC intern. Wie man das Mediengeschäft dirigiert, wie eine Website aufzubauen ist, wie die Sicherheitsfragen zu organisieren sind, wie man mit den so unterschiedlichen Empfindsamkeiten von ESC-Künstlerdelegationen umgeht – und, nicht das Unwichtigste, wie das schwierige Geschäft des Merchandising anzukurbeln sein könnte.

Er wusste Antworten auf die Frage aller eurovisionären TV-Verantwortlichen: Wie macht man aus einer Show, die seit 1956 Europa bis an dessen letzte Ränder einmal im Jahr verbindet, ein merkantiles Juwel, auf dass die Kosten des Projekts dessen Realisierung nicht verunmöglichen?

Die Budgets werden traditionell zur Hälfte vom Gastgeber – fast immer dem Land, das im Vorjahr gewann – aufgebracht, die andere kommt aus Gebühren der teilnehmenden Länder zustande. Die Show in den einzelnen Ländern zu promoten, gelingt immer dann besonders schlecht, wenn die Künstler*innen dieser Länder jeweils schlecht abschnitten – was die Quoten senkt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien zahlen am meisten in den Umlagetopf – aber selbst sehr geringe Gebühren sind für ökonomisch schwache Länder wie Bulgarien, Mazedonien oder Serbien nur schwer aufzubringen.

Undurchsichtige Geschichten

Es muss also jongliert werden – wie auch in der EU momentan bei der Flüchtlingsfrage: Was gehen mich die Sorgen der anderen an, wenn sie mich als Land gerade nicht betreffen? Jon Ola Sand und Sietse Bakker haben, so gesehen, einen ziemlich guten Job gemacht. Letzter Fall: Wie überzeugt man die Türkei, wieder dabei zu sein und nicht „Verschwörung“ zu kreischen, wenn das Lied dieses Landes nicht vorne liegt oder gar – Kulturschande in den Augen von Islamisten – eine wie Conchita Wurst mitmacht?

Das Problem ist nur: Sietse Bakker untersteht nicht dem „Code of Ethics“ – ist aber zugleich Event Supervisor des ESC seit einigen Jahren. Viele Geschichten, die er zu verantworten hat, sind undurchsichtig. Seit Jahren vermarktet die EBU über YouTube alle Eurovisions-Lieder – wer erhält die Erlöse?

Um wie viele Millionen Euro geht es? Jon Ola Sand sagt: „Das sind marginale Summen.“ Aber genaue Zahlen möchte er im Sinne der Verschwiegenheitsklausel nicht nennen. Wie dem auch sei: Weshalb treten Komponisten und Texter Tantiemen an die EBU ab, wenn sie – was sie müssen – die Rechte an YouTube abtreten?

Mehr noch: Weshalb konnte ein altmodisches ESC-Jubiläumsgala-Konzept im März, einige Wochen vor dem offiziellen ESC in Wien, in London ins Werk gesetzt werden – und warum verlor ein modernes Konzept, das nicht auf Oldtimer und Old Style, also kaum auf Pop setzte? Aus welchen Gründen hat Sietse Bakkers Firma den Promotionauftrag für dieses Event erhalten?

Es bleibt alles, wie es ist

Wie ist es zu erklären, dass die Arbeit der Website eurovision.tv überwiegend von unbezahlten Volunteers bestritten wird? Welche Gründe sprachen dafür, den Lenkungsausschuss des ESC, der von Vertretern der ESC-Länder gewählt wird (momentan ohne ARD-Vertreter*in), nicht über die genauen Zahlen und Vertragswerke zu informieren? Schließlich: Sietse Bakker ist bei allen entscheidenden ESC-Sitzungen dabei – was war der Grund?

Jon Ola Sand sagt lapidar – durchaus nicht unglaubwürdig: „Wir müssen mit Vertrauen zusammenarbeiten. Mit Misstrauen geht es nicht.“ Ein allzu wahrer Satz, der vielleicht für Familien gilt, aber nicht fürs Geschäftsleben. WOW!works erhielt, soweit man es durchblicken kann, alle Tätigkeitsbereiche ohne öffentliche Ausschreibung. Die wäre in der Schweiz nicht nötig, aber: Sitte in der EU ist es schon.

Inzwischen hat Sietse Bakker erklärt, Event Supervisor nur noch bis zum Ende des nächstjährigen ESC zu sein. Eine offene Ausschreibung ist von der EBU formuliert worden. Jede IT-Firma, jede Marketingklitsche kann sich nun bewerben. Der Veranstaltungskoordinator, der Sietse Bakker bis zum Stockholmer ESC-Finale noch ist, soll künftig EBU-intern besetzt werden. Bakker erklärte, er werde sich für die neuen Aufträge ins Rennen begeben. Mit einer neuen Firma, heißt es.

Experten sagen, so billig wie bislang – 400.000 Euro pro Jahr – gebe es die Dienstleistungen nicht. Momentan ist es so: Niemand kennt die extrem anspruchsvolle Kommunikation mit bis fast vier Dutzend Ländern so wie Sietse Bakker – gut möglich, dass er zum ESC 2017 wieder da ist. Jon Ola Sand sagt: „Hätten wir keine Volunteers, würden wir den ESC teurer denn je gestalten.“ Das heißt wohl: Je lohngerechter und honorarsatter es wird, desto weniger Länder können es sich leisten, das Programm zu halten.

Mitarbeit: Jürgen Werwinski

Jan Feddersen, Autor von Büchern zum ESC, schreibt regelmäßig für die Webseite des NDR: www.eurovision.de

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