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Drei Frauen entführen dreizehn Männer in einem Wohnmobil voller Schnecken: Nichts ist zu absurd in Zeiten des Krieges und in Maria Revas brillantem Ukraine-Roman
Foto: Roland Weihrauch/dpa
Von Katharina Granzin
Mit dem Humor ist es in Zeiten des Krieges so eine Sache. Darf man humoristisch über den Krieg schreiben, wenn man nicht selbst mit im Luftschutzbunker sitzt? Ja; nein; aber wenn doch, dann wie? Die kanadisch-ukrainische Schriftstellerin Maria Reva hat sich für ein klares Ja entschieden, und das Wie lotet sie in diesem Buch vielschichtig aus.
„Endling“ (was für ein schönes Wort!) heißt Revas fulminantes Romandebüt im Original, und so hätte sein Titel auch auf Deutsch lauten können, wenn er nicht schon mehrfach besetzt gewesen wäre. Als „Endling“ wird das letzte lebende Individuum einer Art bezeichnet. In diesem Fall handelt es sich um eine Schnecke: Die Malakologin, also Schneckenexpertin Jewa, lebt in einem zum Labor umfunktionierten Wohnmobil, mit dem sie kreuz und quer durch die Ukraine fährt, um vom Aussterben bedrohte Gastropoden-Spezies zu retten. Ihre selbstgewählte Mission finanziert sie mit der bezahlten Teilnahme an sogenannten „Liebestouren“, Massenveranstaltungen einer Partnerschaftsvermittlung, bei denen ukrainische Frauen unverbindlich mit Männern aus dem westlichen Ausland bekannt gemacht werden.
Doch viele der an den Brautschauen beteiligten Frauen suchen gar keinen Mann, sondern sind einfach nur jung und brauchen Geld. So wie Jewa, und wie die Schwestern Nastja und Sol, Töchter einer bekannten feministischen Aktivistin, die sich seit Monaten nicht bei ihren Kindern gemeldet hat. Deshalb hat die achtzehnjährige Nastja einen kühnen Plan entworfen: Sie will einhundert westliche Junggesellen entführen, um der sexistischen Groteske des Brautschautourismus etwas entgegenzusetzen und vor allem: um die Mutter zu sich zurückzuholen.
Zur Umsetzung der spektakulären Aktion braucht sie Jewas Wohnmobil, in das aber nur dreizehn Männer passen, darunter der gebürtige Ukrainer Pascha, der in Kanada aufgewachsen ist und den eine unbestimmte Sehnsucht in die unbekannte alte Heimat getrieben hat. Doch dann geht, kaum dass die drei Frauen die dreizehn Männer unter falschen Versprechungen ins Wohnmobil gelockt haben und losgefahren sind, der vollumfängliche Krieg los.
An dieser Stelle beginnt gewissermaßen ein anderer Roman, und wer weiß, vielleicht stimmt es sogar, dass Maria Reva die Brautschaugeschichte – das im Text nun auch selbst auftretende Autorinnen-Ich räumt ein, dass das ja ein ganz klischeehaftes Thema sei – noch vor dem Februar 2022 zu schreiben begonnen hatte. Auf jeden Fall bricht der Krieg nun mit solcher Wucht in den Roman ein, dass an eine herkömmliche narrative Struktur nicht mehr zu denken ist. Ein Spiel mit Fiktion und Fakten, mit auto- und metafiktionalen Elementen, mit ständiger textueller Selbstreferentialität hat begonnen und wird nicht mehr aufhören.
Aber so anstrengend das in dieser Kurzfassung klingen mag, so lässig kommt der Text daher, denn wie nebenbei ist ihm eine Aura des Absurden, Surrealistischen, Beinahe-Magischen zugewachsen. Und wie wäre denn einer bisher für unvorstellbar gehaltenen Realität auch anders beizukommen als mit ständig neuen Versuchen, diese neue Wirklichkeit mit eigenen Gegenfiktionen gleichsam zu neutralisieren?
Zwischendurch tritt ein „Jurtenmacher“ auf, die personifizierte Metapher eines abstrakten Meta-Autors, der in der Lage ist – im Gegensatz zur realen Autorin, wie sie fürchtet – aus textlichen Versatzstücken („Jurten“) eine große Einheitsjurte zu nähen. Und zwischen den verschiedenen Text-Jurten, die ab nun das Roman-Patchwork bilden, und in denen wir unter anderem die mitunter vielleicht reale, dann wieder halb-fiktionale Autorin erleben, die sich große Sorgen um ihren trotzig im belagerten Cherson ausharrenden Großvater macht, dazwischen also geht die Geschichte von Jewa, Nastja, dem linksdrehenden Schnecken-Endling „Lefty“ und den entführten Junggesellen weiter, um bei Cherson schließlich auf die russischen Truppen zu stoßen.
Mehr sollte an dieser Stelle nicht erzählt werden, außer dass es der Autorin letztlich ganz hervorragend gelungen ist, ihre Jurten mit einem stabilen, stets gut sichtbaren roten Faden zu vernähen, dem man gern über alle Risse und Fältelungen des Stoffes hinweg folgt. Die Schnecke Lefty wird übrigens am Ende kein Endling mehr sein und der Kanadier Sascha kein Junggeselle. Wie könnte ein Roman auch schöner enden als mit einem Happyend? Und sei es mit einem ironisch gemeinten.
Maria Reva: Ein Königreich für eine Schnecke. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. dtv, München 2026, 280 Seiten, 26 Euro
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