Wasserverschmutzung in Berlin: Die stille Wasserkrise
In den kommenden Jahren dürfte Wasserverschmutzung zu einem zentralen Problem für die Stadt werden. Was fehlt, ist Geld – und politischer Wille.
Er sieht ziemlich traurig aus, der „Grundwasserteich“ im Tiergarten. Wasserlinsen ziehen auf der Oberfläche lange Fäden, obwohl es erst Ende März ist. Im Sommer dürften die Linsen die gesamte Oberfläche bedecken und damit das Sonnenlicht blockieren, sagt Christian Schweer vom Bündnis Wassernetz, während er mit einem Messbecher eine Probe gelber Brühe aus dem See hievt. Doch schon jetzt sind im Wasser keine Pflanzen oder Tiere zu sehen. „Der Teich ist voll, das heißt, der ist eigentlich tot“, sagt Schweer.
Der Grundwasserteich ist einer von 20 Wasserläufen und Stillgewässern, an denen das Bündnis Wassernetz aktuell Wasserproben entnimmt. Das Ziel: einen Überblick zu gewinnen, wie es um die Berliner Gewässer steht. Denn seitens des Landes ist das insbesondere bei Kleingewässern in vielen Fällen gar nicht bekannt. „Der Senat erfasst die Wasserqualität von mehr als 90 Prozent seiner Gewässer nicht“, sagt Schweer.
Die Debatte ums Wasser hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Spätestens seit die Leag angekündigt hat, schon bis 2030 in der Lausitz aus dem Braunkohleabbau auszusteigen, läuten in der Umweltschutzszene die Alarmglocken. In der Lausitz hat die Leag jahrzehntelang Grundwasser aus den Tagebauen abgepumpt und in die Spree eingeleitet – ein künstlicher Zufluss, der die Wasserführung stabilisierte. Zeitweise trägt die Spree zu 50 bis 75 Prozent Wasser, das aus dem Boden abgepumpt wurde. Fällt dieses Wasser weg, droht nicht nur in Berlin das Trinkwasser knapp zu werden.
Auch Wasserverschmutzung dürfte so zu einem zunehmenden Problem werden. Denn weniger Wasser bedeutet vor allem für die Spree weniger Verdünnung von Schadstoffen. Verunreinigungen könnten sich künftig stärker konzentrieren – mit potenziell gravierenden Folgen für Ökosysteme und für die menschliche Wassernutzung.
Kein einziges Gewässer im guten Zustand
Dabei sollte das Land Berlin aufgrund der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie eigentlich bereits 2015 seine Gewässer in einen naturnahen Zustand versetzt haben. Nur in Ausnahmefällen sieht die schon im Jahr 2000 verabschiedete Richtlinie eine Fristverlängerung bis 2027 vor. Doch kein einziges der größeren Berliner Gewässer erfüllt bisher die Anforderungen. Eine taz-Nachfrage, unter anderem dazu, wie in der Sache die Pläne des Senats sind, konnte die Umweltverwaltung auch nach Ostern nicht beantworten.
Beim Grundwasserteich stellt sich derweil heraus: Der Wasserzustand ist beschissen. Einen Sauerstoffgehalt von nur 2,9 Milligramm pro Liter zeigt das Messgerät an. „Bei einem Wert unter 3 Milligramm ist das Gewässer für Fische eine Todeszone“, sagt Schweer und guckt besorgt. Als seine Kollegin Julia Hoffmann zwei Stöcke aus dem Wasser zieht, finden sich daran nur ein einzelner Egel und eine Spitzhornschnecke. „Das sind extrem angepasste Arten“, sagt Schweer. Wäre das Wasser in gutem Zustand, müsste es hier Fische, Fliegen oder Libellenlarven geben.
Doch warum sind die Berliner Gewässer in so einem schlechten Zustand? „Beim Grundwasserteich führt die Spur unter anderem nach Kreuzberg“, sagt Schweer. Der Teich werde über den Landwehrkanal mit Wasser versorgt. Und hier sorgt vor allem das Regenwasser für Probleme, das über die Straßen in den Kanal gerät.
Umweltschützer Christian Schweer
So kommen Brems-, Bitumen- und Reifenabrieb und von den Häuserdächern Feinstaub und Kupfer ins Wasser. Am Wassergrund sammle sich deshalb ein häufig toxischer Schlamm, bestehend aus Plastik und anderen Stoffen. Man erahnt ihn im Grundwasserteich, wo schon nach 25 Zentimetern die Sicht endet.
Ein weiteres Problem sei das sogenannte Mischwassersystem, erklärt Schweer. Mischwasser bedeutet, dass in der Kanalisation Regenwasser und Abwasser aus den Häusern und der Industrie gemeinsam in die Klärwerke geleitet wird, wo es eigentlich gereinigt werden soll. „Wenn aber bei Starkregen zu viel Wasser in die Kanalisation gelangt, wird in sogenannten Überlaufstellen zum Druckausgleich ein Teil dieses hochproblematischen Schmutzwassers in die Gewässer geleitet“, erklärt Schweer.
Schadstoffe im Trinkwasser
Das ist auch für das Trinkwasser ein Problem. Denn nachdem bei Starkregen das dreckige Abwasser in die Spree gelassen wird, gelangt es in die Havel, in die die Spree mündet. Berlin gewinnt aber einen großen Teil seines Trinkwassers aus dem Uferfiltrat der Havel. Wird das Wasser künftig knapper, wird der Anteil von Schmutzwasser wachsen – was die Situation verschärft.
Und dann sind da die vielen Medikamente, die die Menschen einnehmen und wieder ausscheiden. Arzneimittelrückstände und sogenannte Ewigkeitschemikalien werden derzeit durch die Klärwerke kaum gefiltert, weshalb sie immer wieder ins Wasser geraten. Um das Problem anzugehen, hat die EU eine sogenannte Kommunalabwasserrichtlinie verabschiedet, die eine „vierte Reinigungsstufe“ für Klärwerke vorsieht. Bis Juli 2027 muss diese in geltendes Recht aufgenommen werden.
Was furchtbar langweilig und EU-bürokratisch klingt, ist tatsächlich sehr fortschrittlich. Denn in der Umsetzung schreibt die Richtlinie das sogenannte Verursacherprinzip vor. Heißt: Pharmakonzerne, die für die Verunreinigungen verantwortlich sind, sollen für die Nachrüstungen zahlen müssen. Umweltschützer Schweer ist trotzdem noch ein wenig skeptisch. Er rechnet damit, dass die Trinkwassergebühren in den kommenden Jahren steigen werden.
Mit der Nachrüstung sind die Berliner Wasserbetriebe bereits beschäftigt. In Schönerlinde und Münchehofe wurden sogenannte Ozonungsanlagen errichtet – Kostenpunkt 50 Millionen Euro. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen hatte der Senat im vergangenen Jahr geschätzt, dass insgesamt Investitionen von etwa 500 Millionen Euro zur Umsetzung der vierten Reinigungsstufe notwendig sein werden. Laut EU-Richtlinie sollen 80 Prozent davon auf die Pharmakonzerne umgelegt werden.
Senatsverwaltung kürzt Programme
Angesichts dieser Herausforderungen ist überraschend, wie lapidar Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) in der letzten Kürzungsrunde mit dem Wasserschutz umgegangen ist. Nur nach großem Protest konnte eine drastische Kürzung des sogenannten Kleingewässerprogramms verhindert werden, mit dem Seen und Teiche aufgewertet werden. Jetzt stehen zwar weiterhin vier Millionen Euro zur Verfügung – das reiche aber immer noch nur für einen Bruchteil dessen, was nötig wäre, kritisiert Schweer.
Komplett zusammengestrichen wurden dagegen mit dem „Gewässergütebauprogramm“ Landesgelder ausgerechnet für Vorhaben, mit denen unter anderem die Kanalisation so umgerüstet werden sollte, dass das Schmutzwasser aus Klos und von der Straße nicht mehr so leicht in die Gewässer gerät. Stattdessen wurden die Kosten den Wasserbetrieben aufgehalst. Schweer ist darüber immer noch fassungslos. „Ohne dieses Programm können die Berliner Gewässer nicht wieder sauber werden, nicht die Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie erreichen und auch die Kleingewässer nicht vor Verschlammung bewahrt werden“, sagt er.
Derzeit würden nur etwa 20 Millionen Euro für die großen Gewässer und 4 Millionen Euro für die Kleingewässer aufgewendet. „Für die Renaturierung der Gewässer bräuchte es mindestens 500 Millionen Euro mehr als bisher veranschlagt wurden“, sagt Schweer.
Dabei wäre eigentlich Geld da. Nach der Rechnung des Wassernetzes nimmt der Senat 300 Millionen Euro jährlich mit dem Grundwasserentnahmeentgelt, der Abwasserabgabe und der Niederschlagswassergebühr ein. Das Wassernetz kritisiert, dieses Geld werde offenbar nicht für Renaturierungs- und Reinhaltungsmaßnahmen, sondern für Infrastrukturprojekte wie Kanalisationsmodernisierungen zur Entwässerung verwendet. Diese Maßnahmen seien zwar sinnvoll, sollten aber über andere Töpfe finanziert werden, sagt Schweer.
Swimmingpoolbesitzer sollen zahlen
Schweer hat auch noch andere Finanzierungsideen. Zum Beispiel sei es derzeit für Kraftwerksbetreiber:innen kostenlos, Wasser von der Oberfläche der Spree abzupumpen, sagt er. „Und Kraftwerke verbrauchen bei Volllast ja schon mal fast eine Million Liter pro Stunde“, sagt er. Hier sollte eine entsprechende Gebühr erhoben werden.
Insgesamt führe aber kein Weg daran vorbei, den Wasserverbrauch zu senken. Deshalb plädiert Schweer für eine progressiv gestaltete Wassergebühr: Wer etwa einen privaten Swimmingpool besitze, solle ab dem hundertsten Liter deutlich mehr zahlen. „Wo das Wasser knapp wird, brauchen wir Gerechtigkeit“, findet er. Wenn das Wasser im Gewässer bleibt, hätten schließlich alle etwas davon, auch die Natur.
Auch der Grundwasserteich wäre ohne den Zufluss aus dem Landwehrkanal längst ausgetrocknet. Schweer blickt auf den grünen Tümpel und seufzt. Eine Ente flattert mit den Flügeln, hebt ab und zieht dabei einen Riss in den Wasserlinsendeckel des Teichs. Doch kurz darauf sind die Linsen schon wieder beieinander. Das Wasser steht still. Vielleicht zu still.
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