Wasserkraft in Zentralasien: Streit um zwei mächtige Ströme
Tadschikistan und Kirgistan wollen Dämme bauen. Doch das benachbarte Usbekistan braucht fließendes Wasser für seine Baumwollfelder.
BISCHKEK taz | Ein Foto einer beleuchteten Skyline bei Nacht reicht als Versprechen: Das Plakat der Regierungspartei in Bischkek zeigt unzählige Leuchtpunkte unter dunklem Himmel. Elektrischer Strom bei Nacht ist in der kirgisischen Hauptstadt schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr.
Langfristig soll die Wasserkraft helfen. Ende Oktober flog der kirgisische Präsident Almasbek Atamabjew ins Hochgebirge, um am Oberlauf des Narynflusses unweit der chinesischen Grenze zusammen mit dem Chef der russischen Hydroenergischen Gesellschaft Rus-hydro, Ewgenij Dot, den Baubeginn der sogenannten Kaskade von Naryn zu feiern – vier Dämme, die direkt hintereinander liegen.
Der Baubeginn der Kaskade ist die Ouvertüre eines gewaltigen russischen Investitionsprogramms in der kirgisischen Wasserkraft, das mehr als 2 Milliarden Euro kosten soll. Herzstück ist das ebenfalls am Narynfluss geplante Wasserkraftwerk Kambar Ata 1. Mit einer Leistung von 2.000 Megawatt könnte es nach seiner Fertigstellung den Energiebedarf von über 1,5 Millionen Einfamilienhäusern in Deutschland decken.
Dem nächsten Jahr hat die Unesco den Titel „Internationales Jahr der Zusammenarbeit im Bereich Wasser 2013“ verpasst. Sein Ziel ist, für die zunehmenden Probleme im Bereich Wasser zu sensibilisieren, teilt die Deutsche Unesco-Kommission mit. Den Vorschlag zu dem Wasser-Jahr hat übrigens Tadschikistan eingebracht.
Doch Russlands Präsident Wladimir Putin will mit dem Milliardendeal nicht allein die Energiesorge der Kirgisen lösen, sondern vor allem Usbekistan unter Druck setzten. Denn der Narynfluss ist der Quellfluss des zentralasiatischen Stromes Syr-Darja, und flussabwärts sitzt der grimmigste Gegner der kirgisischen Kraftwerksträume: der usbekische Präsident Islam Karimow.
70 Millionen Menschen sitzen auf dem Trockenen
Er will keine Dämme in den zentralasiatischen Oberanrainerstaaten Tadschikistan und Kirgistan. Im September beschwor er gar „Kriege“, „sollten Kraftwerke an transnationalen Flüssen ohne die Zustimmung aller Anrainer gebaut werden“. Das Problem: Wenn das Wasser der Ströme Syr-Darja und Amu-Darja allein zur Energiegewinnung genutzt wird, sitzen 70 Millionen Menschen zwischen dem Kaspischen Meer und der chinesischen Grenze auf dem Trockenen. Sie leben hauptsächlich vom – wasserintensiven – Baumwollanbau.
In der Sowjetunion wurde die Bevölkerung über ein ausgeklügeltes Tauschsystem zwischen den Sowjetrepubliken am Ober- und Unterlauf mit Strom und Wasser versorgt. Die tadschikische und die kirgisische Sowjetrepublik stauten das Wasser für die Bewässerung der Felder in der Ebene und erhielten dafür von den dortigen rohstoffreichen Republiken Energie. Als die Sowjetunion zerfiel und die zentralasiatischen Staaten sich für unabhängig erklärten, platzte dieser Deal.
Mit dem Versprechen, die Wasserkraft in Kirgistan auszubauen, würde sich nun der Kreml die Kontrolle über den Wasserfluss in Zentralasien sichern und zudem Usbekistan zeigen, wer in Zentralasien das Sagen hat. Denn Usbekistan ist im Afghanistankrieg der stärkste Verbündete des Westens.
Die Nordversorgungsroute der Nato führt durch das Land, die Bundeswehr unterhält im südusbekischen Termes eine Luftwaffenbasis, und auch der im nächsten Jahr beginnende Rückzug soll hauptsächlich durch Usbekistan verlaufen – wo die USA nach dem Abzug auch einen Großteil der in Afghanistan genutzten Waffen lassen wollen.
Vor diesem Hintergrund versucht Präsident Karimow seit geraumer Zeit, sich vom russischen Einfluss zu lösen. Er fühlt sich stark genug, die Dammpläne der Nachbarn zu verhindern. Putin kontert auch hier. Russland hat Kirgistan Waffengeschenke im Wert von rund 836 Millionen Euro zugesagt. Dem zentralasiatischen Wasserkonflikt droht ein gefährliches Wettrüsten. Bis die Dämme fertig sind, müssen die Kirgisisen aber noch viele kalte Winter überstehen.
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