Waschen und abschalten: Zeit der Schleuderträume
Die Maschine zentrifugiert, der Trockner wirbelt. Ein Ausflug in den Waschsalon bietet Raum für Schleuder- und Gedankengänge.
Verstreut und unsortiert: Am Freitagnachmittag ähnelt mein Zustand dem meiner aufgehäuften Wäsche. Als ich nach Hause komme, lasse ich mich müde zu ihr auf den Zimmerboden sinken. Nur für einen Augenblick will ich hier unten leicht zerknittert verweilen, ein paar Nachrichten beantworten, kurz scrollen.
Schließlich raffe ich mich auf. Zeit für einen Ausflug an einen Ort der Wiederherstellung und Besinnung. Ich sammle meine Klamotten ein und mache mich auf den Weg über die breiten Bürgersteige des Afrikanischen Viertels.
Als ich in die tropische Hitze des Waschsalons trete, stelle ich meinen Kram auf der Bank in der Ecke ab. Ihre Füße sind in großen Klötzen einzementiert, damit sie keine Beine bekommt. Setzt man sich seitwärts mit angewinkelten Knien auf sie drauf, kann man den ganzen Aufenthalt lang verträumt aus dem Fenster gucken.
Als ich bei der Nummer 11 auf Start drücke, macht sie klick und lügt dann, sie würde für den Waschgang nur 37 Minuten brauchen. Waschmaschinen haben ihre eigene Zeiteinheit, die nur in Ausnahmefällen mit unserer übereinstimmt. Mensch gegen Maschine. Wer kann schon sagen, wer recht hat? Zeit ist eh ein Konstrukt.
Gevierteiltes Miteinander
Der Salon wird gevierteilt von dem Bildschirm an der Decke. Durch die Kachel oben rechts schiebt eine junge Frau einen Kinderwagen. Oben links sitze ich auf der Bank. Unten links faltet jemand Bettlaken. Ein funktionales, angenehmes Nebeneinander mit Routine.
Manchmal wird dieses Neben- zum Miteinander. Zum Beispiel, wenn der Münzautomat Probleme macht. Oder wenn jemand unaufgefordert wertvolle Tipps gibt: „Wenn Sie das so vollstopfen, wird das nie sauber.“ Bei meinem letzten Besuch war ein erschöpfter Gast auf einer Bank eingeschlafen. Wir anderen senkten unsere Stimmen.
In meiner Ecke lausche ich dem Surren der Maschinen. Ist eine fertig, macht sie zehnmal piep. Jemand schaut Tiktoks, dann Bad Bunnys Superbowl Show. Ein Kind fragt seine Mutter etwas in einer Sprache, die ich nicht spreche.
Das Wort Salon geht mir durch den Kopf. Ohne das Präfix „wasch“ lässt es vor meinem geistigen Auge drei verschiedene Bilder entstehen: ein Ort voll von Porzellan und bauschenden Röcken. Ein Nagelstudio voller Azeton und Akryl. Zuletzt eine Kneipe mit schwingenden Türen und Stiefelsporen, wo der Whiskey fließt, die Fäuste fliegen und die Pferde buckeln.
Mein Buch liegt unberührt neben mir. Entschuldige, Margaret Atwood. Manchmal möchte ich mich lieber meinen Schleuderträumen hingeben, als deine klugen Gedanken zu lesen. Dein Kopf ist eine Universität, meiner eine Waschtrommel.
Fenster nach Nigeria
Nach der 11 kommt alles in die 20, einen der umkämpften Trockner. Als ich kurz vor die Tür trete, um mein Gesicht in die Sonne zu halten, erzählt mir ein anderer Gast aus seinem Leben. Nach zehn Jahren Europa verträgt er die Hitze seiner Heimat Nigeria nicht mehr. Er würde gerne öfter zurückreisen, denn er leitet dort soziale Projekte.
Auf seinem Handy zeigt er mir Fotos von dem Kinderheim, das er gebaut hat. Mit einem Klick wechselt er zu einer Live-Übertragung von der Überwachungskamera im Hof. Damit kann er sehen, ob alles in Ordnung ist. Ein blauer Truck parkt unten im Bild. Die Schatten sind lang, die Kinder wohl im Haus.
24 Stunden später wieder ein Schleudergang. Ich starre aus dem Fenster des ICEs, der mich aus Berlin katapultiert. Bei 177 km/h verschwimmen das Innerhalb und Außerhalb des Zuges miteinander. Störche auf den Feldern, ein Heißluftballon am Himmel, Lutz van der Horst im Bordbistro. Die Bilder ziehen in einem Mahlstrom vorbei, während die Ankunftszeit heimlich immer weiter nach hinten rückt. Auch Bahnminuten sind ihre eigene Zeiteinheit.
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