Was wir von Alexander Kluge lernen können : Gefühle, Krieg, Arbeit
Der große Chronist der BRD, Alexander Kluge, ist dieses Jahr verstorben. Harald Welzer, Herausgeber des taz-Magazins FUTURZWEI, blickt in seiner Kolumne „Welzer liest“ auf drei wegweisende Bücher des Schriftstellers Alexander Kluge.
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„Wir wohnen in unseren Gefühlen wie in Häusern. Sie haben eine Architektur, in der leben wir.“
– Alexander Kluge (1932–2026)
taz FUTURZWEI | In seiner Kolumne „Welzer liest“ nimmt sich Sozialpsychologe Harald Welzer in jeder neuen Ausgabe des taz-Magazins FUTURZWEI literarischer Arbeiten an, die helfen können, die sehr komplexe und oft auch problematische Gegenwart besser zu verstehen.
Folge 37 widmet Harald Welzer Klassikern des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge. Drei Bücher, die zum Verständnis beitragen, in welch gefährlicher Lage sich Demokratie und Rechtsstaat befinden.
Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Sozialpsychologe und Mitherausgeber des Magazins für Zukunft und Politik taz FUTURZWEI.
1981
OSKAR NEGT, ALEXANDER KLUGE: Geschichte und Eigensinn (Verlag Zweitausendeins, 1981)
Ein Steinbruch, der von der „politischen Ökonomie der Arbeitskraft“ handelt, also von der subjektiven Seite der Arbeit. Wie schon der überfrachtete Untertitel (siehe unten) andeutet, geht es um viel zu viel. Wir haben im Studium (beim unvergesslichen Ernst Theodor Mohl) mehrere Semester damit zugebracht, in diesem Steinbruch zu lernen. Gelernt haben wir a), dass das Denken im Zusammenhang weiter führt als das Denken im Getrennten und b), dass es die Menschen sind, die Geschichte machen, erleiden, verarbeiten oder ihr zum Opfer fallen, und nicht die beliebten „Strukturen“, weshalb die gelebte Geschichte aus anderen Elementen besteht als die geschriebene Geschichte, und vor allem c), dass zur politischen Ökonomie der Arbeitskraft wesentlich die Produktivkraft „Gefühl“ gehört. Kein Vorgang, der mit Menschen zu tun hat, ist ohne die Berücksichtigung der Gefühle zu verstehen, mit denen sie in eine Situation hineingehen und mit denen sie aus der Situation herausgehen.
Die politische Ökonomie der Gefühle hat Alexander Kluge lebenslänglich beschäftigt. Das ist kein Forschungsgegenstand, der sich einer linearen Betrachtung erschließt – Gefühle haben eine eigene Logik, weshalb Menschen eigensinnig sind. Kluge hat deshalb keine erklärenden Sachbücher geschrieben, sondern Filme gedreht, Interviews geführt, Montagen aus Geschehenem und Erfundenem angefertigt. Überall in diesem merkwürdigen Aufklärungsuniversum konnte es einem passieren, dass man auf etwas stieß, was man vorher nie gedacht hatte und auch nie gedacht hätte.
Geschichte und Eigensinn ist die Mutter aller folgenden Bücher von Kluge, ein Regalbieger, den man beliebig aufschlagen und sich sofort festlesen kann.
Zehn Minuten Negt/Kluge tragen mehr zum Verständnis von Gesellschaft bei als drei Wochen Bude, Reckwitz und Mau. „Gegenstand der Theoriearbeit sind – entgegen der Annahme – zunächst Vertrauensverhältnisse und nicht gleich Erkenntnis.“ (S. 487)
Foto: Steidl Verlag
Oskar Negt, Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn I-III, Erstausgabe 1981, Verlag Zweitausendeins
Teil I: Geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen., Wiederauflage Werkausgabe 2016, Steidl, 400 Seiten
Teil II: Deutschland als Produktionsöffentlichkeit., Wiederauflage Werkausgabe 2016, Steidl, 496 Seite
Teil III: Gewalt des Zusammenhangs., Wiederauflage Werkausgabe 2016, Steidl, 560 Seiten
1984
ALEXANDER KLUGE: Die Macht der Gefühle (Verlag Zweitausendeins, 1984)
Das waren ein Film und ein Buch. Im Vorwort schreibt der Autor: „Der Name meines letzten Films heißt: Die Macht der Gefühle. Die Macht gibt es wirklich, und die Gefühle gibt es auch wirklich. Die schärfste Herausforderung für das Gefühl ist der Krieg. Er ist übrigens auch die schärfste Herausforderung gegenüber allen Projekten der Macht, solange er zu beweisen vermag, dass keine Macht ihn aufhalten kann; und historisch konnte bisher keine Macht ihn halten.“
Ich vermute, dass dieses Buch an Militärakademien nicht gelesen wird. Weshalb sie immer wieder immer dasselbe machen.
Alexander Kluge: Die Macht der Gefühle.
Verlag Zweitausendeins, 1984
Taschenbuch, 620 Seiten, antiquarisch erhältlich
2015
ALEXANDER KLUGE: 30. April 1945 (Verlag Suhrkamp, 2015)
Noch ein Steinbruch. Ähnlich wie in Walter Kempowskis Echolot ordnet Kluge alles in diesem Buch um einen einzigen Tag. Der Krieg und was er hinterlässt, bilden ein Universum, das niemand zuvor erahnen, geschweige denn erschließen kann.
„Verirrt in einen einzelnen Tag, den ich selbst mit 13 Jahren miterlebt habe und den ich zu kennen glaubte, fand ich mich, je mehr ich darüber schrieb, in einer ganz unvertrauten Welt.“
Bild: Suhrkamp Verlag
Alexander Kluge: 30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann. Suhrkamp 2015 – 316 Seiten, 12,00 Euro.
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