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„Was passiert, entspricht keiner Logik mehr“

■ Warum die Maßnahmen nach der Entdeckung der dioxinverseuchten Eier einfach zu einem radikalen Rundumschlag werden mußten. Interview mit dem Skandalforscher Kurt Imhof

Kurt Imhof ist Mediensoziologe und Skandaltheoretiker an der Universität Zürich, wo er den Forschungsbereich Öffentlichkeitssoziologie und Öffentlichkeitsgeschichte leitet. Das zum Teil über Forschungsaufträge aus der Wirtschaft finanzierte Institut ist dabei, ein Frühwarnsystem für Skandale zu entwickeln.

taz: Herr Imhof, was ist ein Skandal?

Kurt Imhof: Ein Skandal ist das Fenster zur sozialen Ordnung, ein Indikator für den Wandel sozialer Normen. Durch ihn werden Werte sichtbar, die sonst nicht artikuliert werden. Zu einem Skandal gehören immer drei: der Skandalierer, das Skandalmedium und das Skandalopfer.

Welchen sozialen Wandel spiegelt der Skandal um die dioxinverseuchten Eier und andere Lebensmittel in Belgien wider?

Wir haben in den letzten Jahren generell eine Häufung von Skandalen, die sich im Bereich von Umweltthemen ansiedeln. Das hat damit zu tun, daß hier die Sensibilisierung deutlich gestiegen ist. So etwas erhöht die Skandalisierungsfähigkeit.

Auf welchen Mechanismen baut der Skandal auf?

Skandale bringen das Außeralltägliche in das Alltägliche hinein. Was passiert, entspricht keiner Logik mehr. Weder einer politischen noch einer medialen, noch einer ökonomischen Logik.

Wie drückt sich das aus?

Der Skandal entgleist, niemand hat ihn mehr im Griff. Der Skandal wird zu einem Kommunikationsphänomen, das dann auch ganz viele andere Lebensbereiche infiziert, Ängste hervorruft und schließlich Reaktionen nach sich zieht, die gekoppelt sind an Profilierungsversuche des politischen Personals, das sich in dieser Situation bewähren will.

Sie erwähnen ein zum Skandal gehörendes „Skandalmedium“. Wer ist das beim Dioxinskandal?

Die zentralen Generatoren des Skandals sind Fernsehen, Funk und Presse. Sie bringen den Dioxinskandal in Belgien bis auf den Mittagstisch des Boulevardzeitungslesers, stellen den Zusammenhang zwischen dem Küchentisch und dem fernen Belgien her.

Also sind die Medien auch die größten Nutznießer?

Ja. Jeder Skandal ist für die Medien eine Goldgrube.

Wer profitiert noch?

Die Nachfolger der Politiker und Amtsträger, die zurückgetreten sind oder suspendiert wurden. Die machen dann oft eine Radikalpolitik. Die politischen Anweisungen gleichen einem Rundumschlag, den die Leute nicht mehr im Griff haben. Das ist eine Profilierungslogik. Vorher versuchte man zu verschweigen, und jetzt läßt man alles entgleisen unter dem Vorwand, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Und die Umweltverbände?

Die können erst nachträglich aufspringen. Ihr Geschick beweist sich dann darin, ob sie in der Lage sind, die neu entstandene Aufmerksamkeit für sich zu nutzen.

Hätte man den Dioxinskandal verhindern können?

Je früher solche Dinge aufgedeckt werden, desto kleiner ist der Skandal. Gänzlich hätte er sich aber nicht verhindern lassen können. In Belgien gibt es Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken. Der Skandal läuft Gefahr, grenzenlos zu werden. Interview: Thorsten Denkler

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