Wandern auf Teneriffa: Gegen die Winterschwere

Die kanarische Insel Teneriffa eignet sich besonders gut zum Wandern. Eine Tour durch Nebelwälder und Mondlandschaft.

Der Berg Teide liegt in einer wüstenartigen Landschaft.

Der Berg Teide liegt in einer wüstenartigen Landschaft Foto: Panthermedia/imago

Das El Refugio liegt hoch oben auf 940 Meter. Mit Blick auf den Atlantik im Süden der Insel, im Rücken den Teide, Teneriffas höchster Berg. Auf der Nachbarinsel La Palma spuckt der Vulkan Cumbre Vieja gerade seine letzte Lava aus. 85 Tage lang hatte er die Be­woh­ne­r*in­nen der spanischen Insel La Palma in Atem gehalten. Seine Rauchschwaden sind manchmal zu sehen. Auch der Teide könnte irgendwann wieder aktiv und ungemütlich werden.

Alexander von Humboldt hat 1799 auf seiner Fahrt nach Südamerika den Teide bestiegen, diesen höchsten Gipfel Spaniens neu vermessen und en passant die endemischen Pflanzen vor Ort bestimmt. Humboldt, das fleißige Genie. Nur 7 Tage war er auf der Vulkaninsel Teneriffa, aber er hat seine Spuren hinterlassen. Und die Insel hat ihm gefallen: „Kein Ort der Welt scheint mir geeigneter, die Schwermut zu bannen und einem schmerzlich ergriffenen Gemüte den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa …“, schreibt er.

Auch wir, eine Gruppe von 10 Leuten, wollen der Winterschwere entfliehen und auf Teneriffa Wandern. Die Besitzer des El Refugio, Andreas und Carmen, bieten in Zusammenarbeit mit dem Grazer Veranstalter Weltweitwandern geführte Wanderungen an. Christian Hlade, der Gründer von Weltweitwandern, ist auch dabei. Der passionierte Wanderer, der eigentlich Architekt ist, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Auf dieser Reise will er seine Vorurteile gegenüber Teneriffa abbauen, das er als Kind mit seinen Eltern als Retortenurlaubsort erlebt hat. Es wird gelingen.

El Refugio liegt mitten im Wandergebiet, einige Wanderungen starten direkt vor der Haustür. Carmen ist nicht nur eine sportliche Wanderführerin, sie betreut ihre Gruppen charmant, humorvoll und mit sozialer Kompetenz. Da bleibt keiner zurück. Etwa bei der Wanderung oberhalb der Masca-Schlucht. Der Aufstieg hier ist beachtlich, die Blicke aufs Meer und die hier im Nordwesten der Insel üppig grüne Vegetation auch. Buschlandschaften wechseln sich mit ausgedehnten Pinienwaldgebieten ab, und immer wieder ein Lorbeerbaum, ein Wilder Ölbaum, ab zu ein Drachenbaum, das Wahrzeichen der Kanaren.

Weltweitwandern „Also ich sehe bei den Menschen eine riesengroße Sehnsucht nach Rausgehen in die Natur. Draußen sein. Berge und Wälder genießen. Außerdem gibt es ein ganz ganz großes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit“, sagt Christian Hlade, der Gründer von Weltweitwandern. Marokko, Madeira, in den Himalaya oder nach Sri Lanka, der Veranstalter bietet qualitative Wanderreisen weltweit. Die meisten Guides kommen aus der Region, die Wanderungen sind kompetent gewählt: www.weltweitwandern.at

El Refugio Von hier aus starten die Wanderreisen von Weltweitwandern mit den Gastgebern Carmen und Andreas: www.el-refugio.com. Sie bieten auch eine Wanderreise in der Provence an: www.weltweitwandern.at/europa/frankreich/provence-zwischen-rosmarin-und-lavendel/

Die beliebte Wanderung durch die Masca-Schlucht ist inzwischen für Touristen begrenzt. Drei Jahre lang war sie für Wanderer ganz gesperrt. Ungefähr 1,2 Millionen Euro soll die kanarische Regierung in die Sanierung der Wanderroute investiert haben. Seit dem 27. März 2021 ist die Schlucht wieder zugänglich. „Im Vergleich zu früher gibt es für Wanderer jedoch einige Regeln. Die wichtigste Änderung sind die festen Zugangszeiten, die vorab gebucht werden müssen“, sagt Carmen.

Die Gastgeber

Das Wandern in geführten Gruppen hat nicht nur den unschlagbaren Vorteil, dass man durch unbekannte Gegenden sicher und kompetent geführt wird. Es ist – vorausgesetzt, die Gruppe ist harmonisch und kein Selbstdarsteller oder Alphatier hindert den Gruppenprozess – auch äußerst entspannend und anregend zugleich. Man kann meditierend allein vor sich hinwandern oder aber sich mit den Mitwanderern austauschen, in andere Lebensgeschichten und Ansichten eintauchen oder sich einfach nur amüsieren. Unsere Gruppe jedenfalls fühlt sich sichtlich wohl miteinander.

Beim gemeinsamen Abendessen im El Refugio herrscht anregender Austausch. Andreas, der Koch, serviert jeden Abend kreative Mahlzeiten mit großer Geschmacksvielfalt. Seine Gerichte sind regional, international und mediterran zugleich. Immer lecker: Gemüse, Obst, fangfrischer Fisch, regionaler Wein und Ziegenkäse. Das gute Leben.

Carmen und Andreas lernten sich Anfang der 90er Jahre in der Türkei kennen. Beide arbeiteten in einer großen Ferienanlage. Andreas führte die Hotelküche und Carmen, die Sport studiert hat, leitete die Aktivprogramme. Gemeinsam zogen die beiden 1996 auf die Kanaren, um sich mit ihrer Vorstellung von einem qualitativen Tourismus selbstständig zu machen. Sie erkundeten die kanarischen Inseln. Ihre Wahl fiel auf Teneriffa, wo auch ihr Sohn Luca aufwächst.

Die Halbnomaden mit ihrem selbstbestimmten Lebensstil bauen sich das Nature Retreat abseits der touristischen Hochburgen auf. Aus dem hauseigenen Permakulturgarten holt Andreas frisches Obst und Gemüse für die Küche. Das gesamte Schmutzwasser wird mit einer Pflanzenkläranlage gereinigt und zur Bewässerung der Pflanzen verwendet. Der Strom kommt aus der hauseigenen Solaranlage. Ab 2022 soll damit auch der eigene elektrobetriebene Bus aufgetankt werden, der für alle Insel-Transfers verwendet wird.

Halbnomaden sind sie trotzdem geblieben. Im Winter Teneriffa. Im Sommer leben sie in der Provence. Seit 2012 betreiben Carmen und Andreas dort ihren zweiten Standort: Eine Pension inklusive Wanderreisen in der Provence.

Ein Minikontinent

Unsere Wanderungen sind abwechslungsreich. Die Insel gleicht einem Minikontinent, auf engstem Raum finden sich Vegetations- und Klimazonen, die anderswo tausende Kilometer auseinander liegen. Wir wandern durch die Königsschlucht „Barranco del Rey“, die vor der Haustür startet, vorbei an riesigen Feigenbäumen, Edelkastanien, Sukkulenten und Kakteen. Weiter oben kommen wir durch duftende Kiefernwälder. Eine Rundwanderung am Teide führt durch die vulkanische Mondlandschaft. Wir starten am dortigen Parador und wandern über steinige Lavafelder bis zu beeindruckenden, vom Lavastrom geformten roten Felsgebirgen.

Im Jahre 1954 wurden der Teide und die ihn umschließende Caldera als Nationalpark ausgewiesen. 2007 wurde das Gebiet UNESCO-Weltnaturerbe. Es ist einer der der meistbesuchten Nationalparks der EU. Seit Ende der 1990er Jahre wird die Einhaltung des Naturschutzes durch die permanente Anwesenheit von Wildhütern verschärft kontrolliert. Wandern abseits der vorgegebenen Wege wird nicht geduldet.

Wir sind mit den vorgegebenen Wegen ohnehin zufrieden. Wir haben uns als Gruppe auf den Rhythmus von Carmen, ihre Geschichten über Teneriffa und ihre Erklärungen am Wegesrand eingelaufen. Teneriffa gefällt uns ausnehmend gut.

Auch den Touristenrummel von Los Christanos – der touristische Süden unterhalb unserer Unterkunft – überstehen wir prächtig. Hier legen die Fähren auf die kanarische Nachbarinsel La Gomera ab. Bemerkenswert: Los Christianos ist ein barrierefreier Urlaubsort. Am Strand findet man Rollstühle, mit denen die Besucher auf ausgebauten Holzstegen bis zum Meeressaum rollen können. Die Strände, auch Duschen und Toiletten sind für Menschen mit einer körperlichen Behinderung ausgebaut.

Teneriffa ist ohnehin eine gute Wahl für Urlauber, die im Rollstuhl sitzen oder andere Einschränkungen haben. Ein Erfolg der Sociedad Insular de Promoción de las Personas con Discapacidad (zu Deutsch: Gesellschaft zur Förderung von behinderten Personen auf der Insel). Sie setzt sich dafür ein, Teneriffa so behindertenfreundlich wie möglich zu gestalten.

Hier an der Küste ist es einige Grad wärmer als oben im El Refugio. Das Bad im Meer erfrischt. Teneriffa in seiner ganzen Vielfalt eben.

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