Wahlkampf als Spaßfaktor: Keine Versprechen, aber viele Fans
Social-Media-Star Jan Mihm will Bezirksbürgermeister in Friedrichshain-Kreuzberg werden. An seiner Seite: begeisterte Jugendliche, die seinen Wahlkampf organisieren.
Foto: Lilly Schweitzer
„Ohne euch bin ich nichts, mit euch bin ich alles“, ruft Jan Mihm vor einer Pizzeria in Kreuzberg. An diesem Mittwochabend hat der 58-Jährige in seiner Lieblingspizzeria für die jungen Menschen Pizza gemacht, die in den letzten Wochen Plakate gehängt, Flyer verteilt und auf Social Media für ihn Wahlkampf gemacht haben.
Mihm will Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg werden. Und sollte es dafür nicht reichen, dann zumindest Bezirksverordneter. Eine weitere Station in einer Biografie, die sich liest, als hätte jemand fünf Leben ineinandergeschoben. In Madrid sei er erfolgloses Model gewesen, in New York erfolgreicher Unternehmer, in Österreich Skilehrer von Promis, kann man über ihn lesen. In Berlin gründete er eine Getränkemarke, deren Profite er in die palästinensische Wirtschaft investieren wollte: Spenden sei für Loser, sagt Jan Mihm.
Zuletzt saß er sechs Tage in der JVA Plötzensee. Er weigerte sich, die Schlussrate eines Leasingvertrages zu zahlen. Im Gefängnis, sagt er, sei ihm zum ersten Mal der Gedanke gekommen, dass die Kommunalpolitik jemanden wie ihn gebrauchen könne.
Die Jugendlichen hören aufmerksam zu, wenn Jan Mihm aus seinem Leben erzählt. Die meisten Plakate, die er auf der Straße sieht, sehen alle gleich aus, sagt der 21-Jährige Daniel. Die anderen Politiker:innen klingen ähnlich. Jan sei anders – er stehe für Spaß.
Sidekick seines Sohns
Ganz bei null muss Mihm nicht anfangen, zumindest nicht, wenn es um Aufmerksamkeit geht. Sein Sohn Marlon streamt unter dem Künstlernamen „Marli“ für rund 500.000 Follower. Lange war Jan Mihm ein wiederkehrender Sidekick in den Videos seines Sohnes. Nun steht er selbst im Mittelpunkt. Aber auf der Liste der „Wählergemeinschaft Jan Mihm – Bester Mann“ stehen nur fünf Namen. Auf Platz 1 Mihm selbst. Dahinter folgen sein Sohn und Mitarbeiter aus dessen Management.
Nach „Marli“ fragen heute nur wenige. Es gehe um Spaß und um Gemeinschaft, sagt der 18-jährige Anton. In den vergangenen Wochen organisierte er sich wie viele andere in einer Whatsapp-Gruppe: Sie verabredeten sich, um Mihm-Plakate aufzuhängen und Wahlkampf zu machen.
Seine Unterstützer:innen sehe er wie „revolutionäre Zellen“, sagt Mihm. Die Jugendlichen organisierten sich selbst. Anweisungen gebe es nicht.
Auch kein Wahlprogramm. Von Wahlversprechen halte er nichts, sagt der Polit-Kandidat. Auf seiner Website finden sich aber knapp 50 Wünsche, eingesandt von seinen jugendlichen Unterstützer:innen. Sie lesen sich, als hätten Heidi Reichinnek und Martin Sonneborn gemeinsam gebrainstormt.
Freibier und Leerstandsabgabe
So fordert Mihm nun Freibier in der zweiten Hofpause, aber eben auch eine Leerstandsabgabe von einem Euro pro Quadratmeter. Die Spree soll sauber genug zum Schwimmen werden, das Ordnungsamt durch „Kiezkumpels“ ersetzt werden.
Dass ein Bezirksbürgermeister viele dieser Ideen nicht umsetzen können wird, wissen die rund 40 Jugendlichen, die sich an diesem Abend in der Pizzeria treffen. Die „bekannten Politiker“ seien ihm zu unseriös, erklärt der 18-jährige Max aus Treptow. Er vertraue ihnen nicht. Bei Jan wisse man, was man bekomme.
Sollte Mihm die Dreiprozenthürde nehmen und tatsächlich einen Sitz erlangen, hat er bereits Ideen, wie er sein Mandat ausfüllen möchte, etwa Sitzungen auf den Kanälen seines Sohnes per Livestream begleiten. Seine Follower könnten dann abstimmen, wie er in der BVV stimmen soll. Ein „Maulwurf“ für die Community sein, überlegt Mihm.
Plakate in Katzenform
Bei den Wahlen zur BVV im Jahr 2023 reichten der Satirepartei „Die Partei“ 3.831 Stimmen für immerhin zwei Sitze. Am Sonntag dürfen in Berlin erstmals Jugendliche ab 16 wählen. Damit genau die Zielgruppe, die sich um Jan Mihm versammelt hat. Von seinem Erfolg sind in der Pizzeria alle überzeugt. Die Jugendlichen sind begeistert von ihm, den Plakaten in Katzenform, dem Spaßfaktor der Kampagne.
Sollte Mihm nach Sonntag nicht Bezirksbürgermeister sein, könnte er Podcasts aufnehmen. Oder seine Karriere als Schlagersänger wiederbeleben. Vielleicht tritt er am Ballermann auf, erzählt er.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!