Grünen-Spitzenfrau in MV: All eyes on Müller
Vor einem Jahr lagen die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern in Trümmern. Mit Topkandidatin Claudia Müller hoffen sie auf den Verbleib im Landtag.
Foto: Ulrich Perrey/dpa
Viel ist nicht mehr los an diesem Vormittag Mitte September auf dem Campingplatz Ostseequelle. Hier ein älterer Mann, der seinen Hund ausführt, dort eine frühstückende Vierergruppe. In ein paar Tagen ist Saisonende auf dem Platz in Hohenkirchen im Westen Mecklenburgs. Bis dahin werden auch die letzten Gäste abgereist sein. „Frische Luft und Natur, das ist ein bisschen Erholung gerade“, sagt Claudia Müller.
Die Spitzenkandidatin der Grünen Mecklenburg-Vorpommern ist auf Wahlkampftour. Die Visite auf dem Campingplatz an der Ostsee kurz vor der Landtagswahl an diesem Sonntag gehört dazu. Platzbetreiber Alex Ehrlich wirbt: „Man erlebt enorm viel auf einem Campingplatz.“
Warum Müllers Team zwischen ihren Terminen als Abgeordnete im Bundestag und einer Diskussion auf einer Landwirtschaftsausstellung den Besuch in Hohenkirchen geschoben hat, erschließt sich dennoch nicht ganz. Die aus anderen Bundesländern stammenden wenigen Urlauber werden die 45-Jährige nicht wählen können.
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Claudia Müller dreht es positiv. „Es ist doch sinnvoll, hier einen Besuch zu machen, die Stimmung aufzunehmen.“ So unterhält sie sich mit dem Betreiber über die Stromversorgung, die Mobilfunkabdeckung, das zu lasche Tempolimit auf der Landstraße zwischen Campingplatz und Strand. Müller sagt: „Wir können das nur wissen und verändern, wenn es uns jemand berichtet.“
On-off-Beziehung zum Landtag
In Umfragen kleben die im Nordosten traditionell schwachen Grünen an der 5-Prozent-Hürde. Sollten sie den erneuten Einzug schaffen, wäre das ein Novum. Zum Schweriner Landtag pflegen sie jedenfalls eine On-off-Beziehung: 2011 erstmals rein, fünf Jahre später wieder raus, 2021 wieder rein.
Die Bundespolitikerin und ehemalige Landesvorsitzende Claudia Müller soll nicht nur dafür sorgen, dass ihre Partei im Landtag bleibt, sie soll die Grünen sogar in die nächste Landesregierung führen. Verfehlt die bisherige Koalition aus SPD und Linken die absolute Mehrheit der Sitze, stünden die Grünen bereit für Rot-Rot-Grün. Die am Stadtrand von Rostock in einem Plattenbau aufgewachsene Haushaltspolitikerin wäre dann wohl Ministerin in Schwerin. Regierungserfahrung hat sie bereits in der Ampel als Parlamentarische Staatssekretärin unter Cem Özdemir gesammelt.
Auf dem Campingplatz an der Ostsee will Müller aber lieber über Tourismus sprechen als über mögliche Posten. „Campingtourismus ist ja gerade für Mecklenburg-Vorpommern ein wichtiges Thema.“ Zu Ampelzeiten war sie auch Koordinatorin für maritime Wirtschaft und Tourismus der Bundesregierung, worauf sie gern verweist.
In die Mission Klassenerhalt wirft die Bundespartei so viel Energie und Geld wie nie zuvor. Beim CSD in Wismar marschierte Parteichef Felix Banaszak mit, in Greifswald schiffte sich Co-Chefin Franziska Brantner zur Bootsausfahrt ein, in Rostock spendierte Fraktionschefin Britta Haßelmann Falafel – um Müller und den Landesverband mit lediglich 1.700 Mitgliedern zu unterstützen, wird groß aufgefahren.
Auferstanden aus Ruinen
Ein Basismitglied aus Rostock fasst es so zusammen: „Ohne Claudia Müller wäre das vermutlich anders.“ Vor allem aber habe die Partei mit ihr jetzt wenigstens eine kleine Chance am Sonntag.
Denn auch das gehört dazu: Noch im Herbst vergangenen Jahres lag der grüne Landesverband praktisch in Trümmern. Zuvor hatten Vorwürfe von Machtmissbrauch und übergriffigem Verhalten die Runde gemacht. Im Zentrum: ausgerechnet die kurz zuvor zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl bestimmte Fraktionschefin im Landtag, Constanze Oehlrich.
Schlagzeilen über die „unerträgliche Doppelmoral“ der Grünen ließen nicht lange auf sich warten. Und der Landesvorstand zog die Reißleine. Oehlrich wurde abgesägt, eine neue Spitzenkandidatin musste her. Die Wahl fiel auf die einzige Grüne aus Mecklenburg-Vorpommern im Bundestag. Böse Zungen behaupten: Die Laienspieltruppe brauchte einen Profi. Müller ließ sich darauf ein.
„Viel Zeit zum Nachdenken war da nicht“, sagt sie rückblickend. „Die Frage war damals, wie wir aus dieser Situation herauskommen. Und realistisch betrachtet, ist mir auch keine andere Lösung eingefallen.“
Ziel: Rot-Rot-Grün
Müller gehört zum Realo-Flügel der Partei. Im Bundestag koordiniert sie die Pizza-Connection, ein Austauschforum von Grünen und Union. Im Sommerloch raunte die lokale Ostsee-Zeitung, sie würde auch in Mecklenburg-Vorpommern Schwarz-Grün für ein späteres gemeinsames Bündnis mit der SPD ausloten und habe sich hierfür „bereits“ mit CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters getroffen.
Darauf angesprochen, verdreht Müller kurz die Augen. „Man trifft sich in Schwerin doch sowieso ständig. Was soll ich denn da extra Treffen organisieren?“ Ohnehin gibt es bei den Grünen im Land vorerst kein Interesse an der CDU, die in Umfragen nur noch auf 7 Prozent taxiert wird. Auch Müller geht es um die Linke und insbesondere um die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.
Ob das eine heitere Mischung wird, sei dahingestellt. „Wer Schwesig will, muss grün wählen“, sagt Müller vor der Wahl. Ein Konter auf Schwesigs eigenen Slogan: „Wer Schwesig will, muss SPD wählen.“ Man schenkt sich gegenseitig nichts. Schon gar keine Zweitstimmen.
Die Spitzen-Grüne erklärt auf Nachfrage: „Frau Schwesig und ich, wir haben ein professionelles Verhältnis.“ Übersetzt aus dem Politikerinnendeutsch heißt das: Wir können nicht gut miteinander, aber muss ja. Doch Müller bleibt dabei: „Wir haben einen freundlichen Umgang.“ Aber auch das: „Ich bin halt rustikal.“
Knappe Antworten
Tatsächlich waren Müller und Schwesig in der Vergangenheit ordentlich aneinander gerasselt. Es ging um Putins Erdgaspipeline Nordstream 2. Das war 2020. Müller hielt das Projekt für aberwitzig. Schwesig unterstellte ihr daraufhin, sie würde „unserem Bundesland und den Bürgerinnen und Bürgern schaden“. Müller kofferte zurück: „Erstaunlich, wie bereitwillig Ministerpräsidentin Schwesig die Kommunikation eines russischen Konzerns übernommen hat.“
Schnee von gestern, sagt Müller heute. Nordstream sei abgehakt. Knappe Antwort, strenger Blick. Sich mit ihr anzulegen, scheint nicht ratsam. Als sie auf einer Veranstaltung mit Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck in Rostock vor ein paar Wochen gefragt wurde, ob sie Anfeindungen an Wahlkampfständen erlebt habe, entgegnete sie trocken: „Nee, das traut sich keiner.“
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