WM-Kolumne Gilet jaune

Ihr mit eurem Fußball

Unser Autor ist zurück aus Frankreich und würde gerne von seinen Erfahrungen bei der WM erzählen. Doch niemand will etwas von ihm wissen.

EIn Fußballer ballt seine Hand zur Faust. Ein anderer hinter ihm schlägt die Hände übers Gesicht

Waldschmidt? Die hat doch gar nicht mitgespielt Foto: reuters

Frankreich liegt nun also hinter mir. Ich habe das Turnier zusammen mit den deutschen Frauen verlassen. Der WM bleibe ich natürlich treu. Das habe ich mir zumindest vorgenommen. Solange ich in Frankreich unterwegs war, zwischen den WM-Orten Paris, Renne, Valenciennes und Le Havre hin- und hergependelt bin, habe ich an nichts anderes gedacht als an die Weltmeisterschaft. Meine Vermieter mussten mir sagen, was sie von ihren Französinnen hielten, in den Zeitungen habe ich nur nach Fußballerinnen geschaut, ich habe nur Kneipen besucht, in denen WM-Spiele gezeigt wurden. Ich hatte nichts anderes im Kopf als die WM der Frauen. Mein Kopf war ein Fußball und er soll es bleiben bis zum Ende der WM.

Leicht ist das nicht. Natürlich werde ich auf Fußball angesprochen. Ein Nachbar fragt mich, was ich von Waldschmidt halte. Waldschmidt? Die war doch gar nicht dabei, sage ich, und er schaut mich mitleidig an. Er klopft mir auf die Schulter und sagt, er habe auch Probleme mit der Hitze gehabt in den vergangenen Tagen. Aus München erreichen mich Nachrichten von der Mitgliederversammlung des TSV 1860 München.

Reisinger hat es gemacht, freut sich via WhatsApp einer über die Wiederwahl des Präsidenten, der sich immer so schön mit dem jordanischen Investor, dem sogenannten Scheich, zofft. Der Aufstieg komme eh noch zu früh, meint er und dass die Dritte Liga gar nicht so schlecht sei. Dritte Liga? Die 60er haben doch gar keine Frauenmannschaft, denke ich mir. Alte Herren gibt es, eine Blindenmannschaft, aber keine Frauen.

Ob er wisse, warum es beim TSV keine Frauenmannschaft gebe, frage ich meinen Freund zurück. Es gebe derzeit weiß Gott Wichtigeres im Klub zu besprechen als diese Frage, meint er und sagt, dass es Zeit wird für mich, wieder runterzukommen von diesem Frauenfußballzug. Das werde schon wieder werden, tröstet er mich. Er wisse nicht, wie es in Frankreich war, aber in München hätten auch ganz viele Leute Probleme mit der Bullenhitze gehabt.

Keiner will über Fußbal reden

Einmal versuche ich von dem tollen Achtelfinale zwischen Frankreich und Brasilien zu erzählen. Er habe gar nicht gewusst, dass Frankreich auch bei der Copa Amerika mitspielt, sagt mein Gesprächspartner. Dass Katar dabei war, das habe ihn schon gewundert, aber Frankreich? Und obwohl das irgendwie nicht direkt etwas mit der Fifa zu tun hat, sagt er noch, dass dieser Gianni Infantino doch wohl total das Rad abhabe. Nun, in diesem Punkt kann ich ihm wenigstens guten Gewissens zustimmen.

Keiner will mit mir über die WM reden. Jetzt fehlt nur noch, dass mir jemand erzählt, er habe sich die ersten Spiele der Männer-Champions-League-Saison 2019/2020 angeschaut. Ja, die läuft schon. In irgendeiner frühen Qualifikationsrunde hat Tre Penne aus San Marino mit 0:1 gegen den andorranischen Klub FC Santa Coloma verloren. Wenn ich wirklich, darauf angesprochen, sagen würde, dass mich das nicht interessiert, und mein Gegenüber mir deshalb einen Hitzschlag attestierte – wundern täte mich das nicht.

Leute, es ist Fußball-WM! Und ich habe nicht vor, mich bis nach dem Finale mit irgendetwas anderem zu beschäftigen. Verstanden?

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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