WM-Kandidat Neukaledonien: „Warum denn nicht auch wir?“
Neukaledonien könnte bei der aufgeblasenen Fußball-WM 2026 debütieren. Zwei Hürden in den Playoffs muss der zuversichtliche Außenseiter noch nehmen.
Es ist ein buntes Gewusel auf dem weitläufigen Gelände in Aucklands Seymour Park. Nach und nach tröpfeln Kinder mit schwarzen oder roten Trikots ein. Nach gut einer Stunde ist die rund 30-köpfige Trainingsgruppe komplett. „Neuseeländer sind generell so, da muss man locker bleiben. Das ist nicht wie in Deutschland oder Europa“, sagt Wynton Rufer grinsend im Gespräch mit der taz und drückt einem der jungen Kicker einen Apfel in die Hand.
Aus der Fußballschule, die Werder Bremens einstiger Topstürmer hier im Süden der neuseeländischen Metropole gegründet hat, sind bereits einige Nationalspieler:innen hervorgegangen. Der bekannteste von ihnen ist Chris Wood, der beim Premier-League-Klub Nottingham Forest unter Vertrag steht. Ein Foto des 34-jährigen Angreifers klebt an der Tür zur Umkleidekabine, als Ansporn für hoffnungsvolle Talente wie den achtjährigen Lava aus Tuvalu.
Rufer sagt: „Ich glaube, das wird der erste Fußballprofi aus Tuvalu.“ In gut einer Dekade kann man die Prognose von Ozeaniens Fußballer des Jahrhunderts überprüfen. Und gut eine Dekade ist es her, dass Rufer im pazifischen Raum selbst als Nationaltrainer arbeitete. Nach 18 Monaten war sein Engagement bei der Auswahl Papua-Neuguineas aber auch schon wieder beendet.
Die Erinnerungen an diese Zeit sind nicht die besten – der 63-Jährige, der für die Fifa viel Entwicklungsarbeit auf Südseeinseln wie Fidschi, Vanuatu, den Salomonen oder den Cookinseln geleistet hat, drückt es so aus: „Die Fußballverbände bekommen dort von der Fifa alles bezahlt, aber die Leute vor Ort haben leider keine Ahnung.“ So würden Gelder des Weltverbands oft unsachgemäß verwendet. Auch aufgrund dieses Wissens sagt Rufer vor den interkontinentalen WM-Playoffs in Mexiko: „Neukaledonien? Keine Chance.“
Keine Chance auf einen zweiten WM-Teilnehmer aus dem ozeanischen Raum, neben den längst qualifizierten Neuseeländern. Am 26. März um 21 Uhr Ortszeit treten die Neukaledonier in Guadalajara gegen Jamaika an. Der Sieger der Partie spielt fünf Tage später gegen die Demokratische Republik Kongo um das vorletzte Ticket für das Megaturnier in Nordamerika.
Neukaledonien ist ein zu Melanesien gehörendes französisches Überseeterritorium. Seinen Segen, die Mitgliedschaft in der Fifa zu beantragen, gab der französische Fußballverband erst vor 26 Jahren. Seit 2004 ist die 297.000 Einwohner zählende Inselgruppe nun Fifa-Mitglied, das Playoff-Halbfinale gegen die Reggae Boyz, WM-Teilnehmer von 1998, ist das mit Abstand größte Spiel in der Fußballhistorie des Archipels.
Die Außenseiterrolle nehmen „Les Cagous“, nach dem Kagu, einem entengroßen flugunfähigen, in Neukaledonien endemischen Vogel benannt, dabei gerne an. Mut macht den Neukaledoniern vor allem das 2:0 vor fünf Monaten gegen Gibraltar: Der Erfolg war der erste Sieg eines Teams von den pazifischen Inseln gegen eine europäische Nationalmannschaft, und das auch noch auswärts.
Trainiert werden „Les Cagous“, von denen die meisten als Amateure in der zehn Klubs umfassenden nationalen Liga oder bei viert- und fünftklassigen Klubs in Frankreich spielen, seit August 2022 von Johann Sidaner (48). Vor dem Engagement in der Südsee hatte der Bretone in seiner Heimatstadt elf Jahre lang die Nachwuchsteams des FC Nantes betreut.
„Neukaledonier sind sehr fröhliche Menschen, und wir haben ihnen sicherlich schon etwas zum Feiern gegeben“, sagt Sidaner, dessen Nationalspieler bei der WM-Gruppenauslosung im Dezember schon mal etwas genauer hingeschaut haben: Überspringen sie in Mexiko die hohen Hürden Jamaika und Demokratische Republik Kongo, treffen sie bei der Endrunde auf Portugal, Kolumbien und WM-Neuling Usbekistan.
„Es ist realistisch – wenn wir daran glauben“, betont Mittelstürmer Germain Haewegene, einer der beiden Torschützen beim historischen Sieg über Gibraltar, der Anfang Januar vom neukaledonischen Rekordmeister AS Magenta in die neu geschaffene ozeanische Profiliga zu Tahiti United wechselte. Und Klubkollege Joseph Athale nimmt sich zwei bereits für die WM qualifizierte Fußballzwerge zum Vorbild. „Ähnlich kleine Nationen wie Curaçao und die Kapverden haben gezeigt, dass alles möglich ist“, bemüht der frisch vom FC Lunéville nach Tahiti transferierte Innenverteidiger die „Magie“ des Fußballs und fragt keck: „Warum denn nicht auch wir?“
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