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Vorwärts indie Vergangenheit?

Das liberale Versprechen hat an Glanz verloren. Der Postliberalismus setzt Gemeinwohl und Tradition an erste Stelle – und verstrickt sich in neue Widersprüche. Ein Sammelband gibt einen Überblick über die Denkrichtung

Von Stefan Reinecke

Die liberalen Demokratien stecken in einer existenziellen Krise. Die Antiliberalen sind in allen im weiteren Sinn westlich geprägten Demokratien verblüffend synchron auf dem Vormarsch, von den USA bis Sachsen-Anhalt, von Chile bis Schweden. Der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus politisiert gärende Ängste und Sehnsüchte, auf welche die kalten, individualisierten liberalen Gesellschaften keine Antworten haben. Nach dem Mauerfall 1989 hielten viele die liberale Demokratie für das Ende der Geschichte. Und jetzt der Ermüdungsbruch. Warum jetzt?

Eine Denkrichtung aus den USA hat eine funkelnde Antwort parat. Der Liberalismus, so der postliberale US-Intellektuelle Patrick J. Deneen, stirbt nicht, weil er Opfer sinistrer Mächte wird, oder, wie man in Deutschland meint, von faschistischen Wiedergängern stranguliert wird. Der Liberalismus geht, so Deneen, an seinem Erfolg zugrunde.

In dem Moment, in dem er kulturell, politisch und wirtschaftlich triumphiert, beginnt sein unaufhaltsamer Abstieg. Auf Hybris folgt Verfall. Die gesellschaftlichen Bindungskräfte schwinden. Oben schottet sich eine abgehobene superreiche Elite ab, unten regiert Verzweiflung über das gebrochene Versprechen, dass sich Arbeit und Leistung lohnen. Der radikalisierte Individualismus setzt Fliehkräfte frei, die die Legitimität des liberalen Systems selbst untergraben – das ist die Kernthese der Postliberalen. Zudem befreit der Liberalismus das Ich von allen möglichen Zwängen – aber diese Emanzipation hat Kollateralschäden. Dass möglichst viel Ich-Autonomie für möglichst jedes Mitglied einer Minderheit das Ziel der Geschichte ist, glauben nur noch ganz hartnäckige Anhänger der Wokeness.

Zu viel Ich, zu wenig Wir. Zu viel Freiheit, zu wenig Bindung, so die Analyse der Postliberalen. Der britische katholische Postliberale Adrian Pabst glaubt, dass „der Liberalismus die kulturellen und religiösen Wurzeln zerstört, von denen er abhängt“, und „Vertrauen und die Beteiligung der Menschen an Entscheidungsprozessen unterminiert, die für das Funktionieren liberaler Institutionen unerlässlich sind.“

Trump und Konsorten sind so gesehen nicht die Mörder, sondern die Totengräber eines morschen Systems, das an sich selbst scheitert. Dieser Gedanke ist, wie alle dialektischen Wendungen, erst mal brillant. Und auf jeden Fall anregender als die Mixtur aus Kopfschütteln und Händeringen, mit der hierzulande Trump oder Weidel oft bedacht werden.

Der Sammelband „Postliberalismus?“, herausgegeben von Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann, zeichnet die Geländeverläufe der etwas unübersichtlichen Debatte nach. US-Vertreter wie Deneen und der Harvard-Jurist Adrian Vermeule sind Konservative, die viel von der Kritik der US-Kommunitaristen an John Rawls Liberalismus-Begriff recyceln. Der Brite Pabst plädiert für ein katholisch grundiertes Gesellschaftsbild, das er mit einem sozialdemokratisch anmutenden Lob des eingehegten Rheinischen Kapitalismus verbindet. Das Fragezeichen im Titel des Bandes ist insofern gezielt gesetzt. Ist Postliberalismus eine eigenständige politische Theorie oder Denkrichtung? Oder nur eine schnittige Neuinszenierung älterer Liberalismus-Kritik? Alle Postliberalen eint, dass sie ins Zentrum nicht die Freiheit rücken, wie die Liberalen, sondern das Gemeinwohl.

Gelegentlich hat man beim postliberalen Diskurs den Eindruck, auf einer Familienfeier gelandet zu sein, bei der man die Insider-Witze nicht versteht. Manche Aufsätze in diesem Band klingen so: „Wie Autor X (mittelbekannter Soziologe) bereits feststellte, hat Autor Y (mittelbekannter Historiker) zu dem Problem Z (Fachwort, das auch ideengeschichtlich Gebildete erst mal googeln müssen) mit Rekurs auf Autor XY (vergessener katholischer Intellektueller) die wesentlichen Fragen gestellt.“ Das gilt keineswegs für das kundige Vorwort von Selk und Hofmann, das einen soliden Überblick über die Verästelungen der Debatte verschafft.

Veith Selk, Julian Nicolai Hofmann (Hg.): „Post­liberalismus? Eine trans­atlantische Debatte“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026­, 500 Seiten, 28 Euro

Postliberalismus setzt auf tradi­tio­nelle Bindungen wie Religion und Familie, die von dem Emanzipations- und Flexibilierungsfuror der liberalen Moderne ausgelöscht zu werden drohen. Die Mischung aus Kapitalismuskritik und Skepsis gegenüber individuellen Freiheitsverheißungen erinnert an die Analyse der linken Soziologin Nancy Fraser, die die Fusion von linksliberaler Identitätspolitik und rüdem neoliberalem Klassenkampf in dem Begriff progressiver Neoliberalismus zusammenfasste.

Die Postliberalen allerdings haben keine Analyse von Klasse oder Interessen anzubieten. Gelegentlich taucht zwar die Arbeiterklasse als eine zu beschützende Gruppe auf – aber sie wirkt in den Texten wie eine Beschwörungsformel und nicht wie ein Begriff, der reale ArbeiterInnen, digitale Crowdworker oder migrantische DienstleistungsarbeiterInnen meint. Recht vage wirkt auch das Gemeinwohl als Fluchtpunkt des postliberalen Plans. Wer es definiert, wer es schützt, bleibt unbestimmt. Die postliberalen Denker verschwenden keine Sekunde darauf, wie ihr kleinteiliges Traditions-Bullerbü die Stürme des Kapitalismus überstehen soll. Das wirkt fast schon kurios naiv.

Das macht den Postliberalismus zu einem dankbaren Ziel für ideologiekritische Kanonaden. Die deutsche Philosophin Elif Özmen widmet Deneen und Pabst eine schneidende Generalabrechnung als schlecht getarnte Gegenaufklärung. Außer der Verteidigung von natürlichen Ordnungen und einem unhinterfragbaren Tugendkanon, der um Familie, Nachbarschaft, Disziplin und Religion kreist, hätten die Postliberalen nichts anzubieten. Diese Traditionen aber seien „sprudelnde Quellen für Ungerechtigkeiten“ (Özmen), die Denker wie Deneen kritiklos verehren.

Zu viel Ich, zu wenig Wir. Zu viel Freiheit, zu wenig Bindung, so die Analyse

Den Postliberalismus treibt somit eine eigentümliche Dialektik an. Er ist ein scharfes Diagnose-Tool, aber als politische Handlungsanleitung verstanden, schafft er genau das Gegenteil von dem, was er anstrebt. Die Rhetorik des Gemeinwohls verdampft, der Postliberalismus wird zum Sonntagsreden-Dekor eines rechtslibertären Autoritarismus. So rechtfertigt der Star-Jurist Vermeule Trumps Feldzug gegen die Justiz und Deneen ist zum Stichwortgeber von J. D. Vance geworden. Neuerdings redet Deneen einem Aristo-Populismus das Wort, einem Bündnis von aristokratischer Elite und Arbeiterschaft, das ungut nach antidemokratischen Ideen müffelt.

Diese Entwicklung ist kein zufälliges Versagen, sondern, so der Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn, das Ergebnis des einfältigen Gesellschaftsbildes der Postliberalen. „Weil die Traditionsbestände, die am postliberalen Lagerfeuer beschworen werden, heute bestenfalls noch Restwärme abgeben, können sie als real-politische Leitbilder nur mit Gewalt durchgesetzt werden“, so Blühdorn. Viele Postliberale landen beim Trumpismus, der ihr Gemeinwohl-Ideal offenkundig verhöhnt.

Betrachtet man die Sache sportlich, dann stehen die liberalen KritikerInnen des Postliberalismus auf dem Siegerpodest. Als theoretischem Gegenentwurf fehlt es dem Postliberalismus an allem: an soziologischer Genauigkeit, historischer Analyse, intellektueller Begründungstiefe. Allerdings wäre es ein Fehler, diesen Sieg misszuverstehen. Die Antworten der Postliberalen mögen kläglich sein, ihre Kritik an den blinden Flecken des Liberalismus bleibt.

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