: VorgeschmackderFreiheit
In der JVA Wiesbaden spielen junge Gefangene Theater. Das Projekt hat mittlerweile sein Publikum gefunden – und ist mit einer eigenen Studiobühne einmalig in Deutschland
Aus Wiesbaden Josephine von der Haar
Am Ende gibt es tosenden Applaus. „Bravo!“, rufen einige und trampeln mit ihren Füßen auf den Boden. Mehrmals kommen die neun Darsteller und zwei Techniker auf die Bühne und verbeugen sich. Obwohl es nicht ihre erste Vorführung ist, haben einige ein erleichtertes, andere ein stolzes Lächeln auf den Lippen.
Nachdem der Applaus verebbt ist, sind die Zuschauer zu einem Publikumsgespräch eingeladen. Weiße Stehtische werden hereingetragen, an denen aber kaum jemand stehen bleibt. Zu groß scheint die Scheu, mit den Darstellern ins Gespräch zu kommen. Denn es sind keine gewöhnlichen Darsteller und das Theater ist kein gewöhnliches Theater.
Etwa 80 Menschen sind an diesem Abend in die Jugendvollzugsanstalt Wiesbaden gekommen, um jungen Gefangenen auf der Bühne zuzuschauen. Seit 2008 können die 20- bis 24-Jährigen hier Theater spielen, seit 2013 gibt es eine feste Studiobühne in dem Gefängnis – die erste und einzige in Deutschland. Eine Produktion wird hier pro Jahr eingeübt und aufgeführt. Inzwischen hat die Bühne ihr Publikum gefunden: Die zehn Aufführungen sind innerhalb von wenigen Tagen ausgebucht.
Zwei Stunden vor dem letzten Applaus sind die jungen Männer schon bei der Bühne. Sie sind aufgekratzt, manche stehen auf dem von Gittern umgebenen Vorsprung, rauchen und hören Rap-Musik. Sie waren schon in der Maske, ihre Gesichter sind schwarz und weiß angemalt, einer hat Schriftzüge im Gesicht.
Trotz der Gitter um sie herum, trotz des Stacheldrahts auf den dahinter liegenden Mauern, sagt J., einer der Schauspieler: „Durch das Theater fühle ich mich frei.“ Um die Gefangenen zu schützen und ihnen ein Leben nach dem Gefängnis zu erleichtern, sind ihre Namen anonymisiert.
J. macht bereits das zweite Mal bei einer Theaterproduktion mit. Wie lang er noch im Gefängnis bleiben muss, ob er also noch mal mitmachen könnte, das will er nicht erzählen. In jedem Fall genießt der 23-Jährige die Zeit außerhalb der Zelle und mit den anderen Gefangenen. J. macht im Gefängnis außerdem eine Ausbildung zum Koch. Schauspieler will er später nicht werden, vielleicht will er es als Hobby weiterverfolgen.
Für die wenigsten Gefangenen steht das Künstlerische im Mittelpunkt, doch das ist bei Matze Vogel anders. Der Regisseur ist eigentlich gelernter Schauspieler, lange Zeit arbeitete er fest im Ensemble am Staatstheater Wiesbaden. Er verfolgt mit den Stücken keinen pädagogischen Ansatz, sondern einen künstlerischen. „Zusammen mit Menschen, die keine Berührungspunkte mit Theater hatten, ein Stück zu entwickeln, kann zu etwas Besonderem werden“, sagt er.
In diesem Jahr hat Vogel sich für das Stück „DNA“ von Dennis Kelly entschieden. Als das Stück beginnt, ist es stockdunkel auf der Bühne. Für die Zuschauenden sind nur die Stimmen der Schauspieler zu hören. „Macht er das?“, „Er macht’s“, „Ins Gesicht“, „Der Vollidiot“. Immer wieder. „Macht er das?“, „Er macht’s“, „Ins Gesicht“, „Der Vollidiot“. Dann ein Knall. Adam, der von seinen Mitschülern gemobbt wurde, ist in einen Schacht gefallen. Was als Mutprobe begann, endet mit einem mutmaßlichen Tod. Und der Frage der Clique, wie sie die Spuren ihrer Tat am besten verwischt. Als der Scheinwerfer die Bühne beleuchtet, sind dort überlebensgroße, stehende und liegende Dominosteine zu sehen. Sie symbolisieren die Verkettung der Ereignisse, die über das weitere Schicksal der Jugendlichen bestimmen.
Das Stück des britischen Autors Dennis Kelly wurde 2007 am Londoner Royal National Theatre uraufgeführt und ist mittlerweile ein Klassiker des Jugendtheaters. Kelly zeigt darin Gruppendynamiken unter Jugendlichen auf, in denen Gewalt entstehen kann. Das Stück stellt beklemmende Fragen an das Gewissen der Täter, ohne Schuldzuweisungen vorzunehmen.
„Wir sind im Arsch. Was ist, wenn wir ins Gefängnis kommen?“ Immer wieder stellt E. im Stück die verzweifelte Frage, die an einem Ort wie diesem seltsam makaber anmutet.
Diziplinierung
Theater im Gefängnis gab es bereits zu Beginn des modernen Strafvollzugs in den „Zucht- und Arbeitshäusern“ der Neuzeit. Szenische Darstellungen sollten die christlich-moralische Umerziehung und Disziplinierung der Gefangenen begleiten. Seit der Reformbewegung im 19. Jahrhundert sind auch Aufführungen von Insassen dokumentiert, die kleine Szenen spielten, auch hier nicht selten unter Aufsicht von Geistlichen. Ein Sonderfall sind die Aufführungen Internierter im Zweiten Weltkrieg, sowohl in Kriegsgefangenschaft als auch in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Sie dienten allerdings nicht der Erziehung der Gefangenen, sondern waren oft selbst organisierte Versuche, im Elend zu überleben.
Pädagogik
Theaterpädagogische Projekte im heutigen Sinn erlebten ihren Durchbruch Mitte des 20. Jahrhunderts. Ein wichtiger Bezugspunkt für spätere therapeutische Projekte war der „San Quentin Drama Workshop” in Kalifornien, in dessen Rahmen sich Insassen mit Samuel Beckett beschäftigten und das Theater auf seine therapeutische Wirkung hin analysierten. In den 1970er-Jahren setzt eine dezidiert linke Auseinandersetzung mit Gefängnistheater ein. Vor allem das „Theater der Unterdrückten“ des brasilianischen Theatertheoretikers Augusto Boal wird zum zentralen Referenztext, womit die Gefangenen auch in ihrer Situation als Entrechtete wahrgenommen werden – und nicht länger allein als zu Erziehende.
Projekte
Heute gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte, die in Ausrichtung und Konzept stark auseinandergehen. Viele sind wegen befristeter Förderungen und der Abhängigkeit von prekär beschäftigten Kulturschaffenden außerhalb der JVAs nur von kurzer Dauer, nur wenige werden einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt bekannt. Feste Ensembles, wie etwa in Italien oder Großbritannien verbreitet, sind in Deutschland die Ausnahme. Auch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen durch je eigene Landesstrafvollzugsgesetze machen das Feld sehr unübersichtlich. Wichtige Beispiele gibt es trotzdem. Das bekannteste und aktuell am längsten laufende Projekt ist „aufBruch“ aus Berlin, die u. a. in der JVA Tegel und JVA Plötzensee spielen. Das Ziel ist hier, professionelle Bühnenarbeit zu ermöglichen und durch Zuschauer:innen von außerhalb auch eine Brücke zwischen Strafvollzug und Gesellschaft zu schlagen. In Wiesbaden wiederum steht politische Bildung im Mittelpunkt, hier ursprünglich als Prävention gegen Rechtsextremismus angestoßen. „Sinnhaft – Theater hinter Gittern” versteht sich als breiteres Netzwerk zwischen Fachleuten, Künstler:innen und Mitarbeitenden des Vollzugs. Hier geht es vor allem um den wissenschaftlichen Austausch und die Entwicklung neuer Projekte. Jan-Paul Koopmann
Auch für E. sei das Theaterspielen ein Stück Freiheit, erzählt er bei einer Zigarette vor der Aufführung. Und die Freiheit versucht er sich auch sonst zu nehmen, wo es möglich ist. Er mache viel Sport und seit einigen Monaten nehme er im Gefängnis Klavierunterricht. „Ich versuche alles mitzunehmen, um es draußen besser zu machen“, sagt er. Das Theaterspielen zeige ihm, wie er sich in andere hineinversetzen und dabei seine Emotionen verstehen könne.
Gemeinsam etwas zu erreichen, mache ihm Spaß, sagt E., und genau das ist einer der Gründe, aus denen das Theaterspielen hier angeboten wird: Es gilt als Resozialisierungsmaßnahme. Michaela Wasemüller, Leiterin der JVA Wiesbaden, sagt, durch das Theaterspielen könnten Jugendliche viele Fähigkeiten erlernen, die sie auf ein Leben in sozialer Verantwortung vorbereiten, wie sie es nennt. Auf ein Leben nach dem Gefängnis und ohne Kriminalität, ein Leben als Teil der Gesellschaft.
Als Gruppe gemeinsam etwas zu erarbeiten und Konflikte konstruktiv auszutragen, durchzuhalten, eigene Ängste zu überwinden und am Ende Wertschätzung für das Erreichte zu bekommen: Das sind Erfahrungen, die das Selbstbewusstsein der Jugendlichen stärken sollen. „Das ist gelebte Präventionsarbeit“, sagt Wasemüller. Finanziert wird das Theater deshalb auch vom hessischen Justizministerium.
Wer bei einem Projekt mitmachen will, muss sich erst mal bewerben – darauf folgen Schauspiel- und Kennenlern-Workshops, bis sich ein Ensemble herauskristallisiert. Knapp 20 solcher Bewerbungen gab es in diesem Jahr, 9 Personen wurden letztlich als Darsteller ausgewählt. Zusätzlich übernehmen zwei Inhaftierte die Technik.
Michaela Wasemüller, Leiterin der JVA Wiesbaden
Für das kommende Stück will Regisseur Matze Vogel jedoch wieder mit weniger Inhaftierten zusammenarbeiten, damit die Gruppe leichter zu managen ist. Weshalb die jungen Männer inhaftiert sind, weiß Vogel nicht. Für ihn spielt es auch keine Rolle. Klar ist: Die JVA Wiesbaden vollzieht Jugendstrafrecht. Haftgründe sind Drogendelikte, aber auch Körperverletzung oder Mord.
Dass die jungen Männer die Disziplin für das Theaterstück aufbringen, ist nicht selbstverständlich. Einige von ihnen waren schon lange nicht mehr regelmäßig in der Schule, jetzt müssen sie Text auswendig lernen und verlässlich zu den Proben erscheinen. Anfangs finden diese zwei Mal die Woche statt, später täglich. Doch nicht immer gelingt es, dass alle dabeibleiben. In diesem Jahr ist Vogel selbst spontan eingesprungen, nachdem einer der Schauspieler wegen eines nicht näher ausgeführten Vorfalls nicht mehr mitmachen konnte.
Von mindestens einem ehemaligen Häftling weiß Nathalie Meyer, dass er heute als professioneller Schauspieler arbeitet. Vor der Aufführung steht die Kostümbildnerin in dem kleinen Raum hinter der Bühne, wo sie die Inhaftierten schminkt und mit letzten Handgriffen die Kostüme richtet. Beleuchtete Spiegel hängen über einem niedrigen Schminktisch, in den Regalen an der Wand stapeln sich Schuhe, Nähzeug und Stoffe. Die Einrichtung ist, ebenso wie die Bühne und der Zuschauerraum, in Schwarz gehalten.
Nathalie Meyer arbeitet bereits seit zehn Jahren für das Projekt und ist damit die Dienstälteste. „Es ist mein absolutes Herzensprojekt, ich habe schon andere Aufträge dafür abgesagt“, sagt sie. Und das, obwohl die Arbeit mit einigen Hindernissen verbunden ist: Jede Schraube, jede Nadel, jede Schere für das Bühnenbild oder die Kostüme muss sie genehmigen lassen. Absolut alles, was sie ins Gefängnis bringt, muss am Ende auch wieder rauskommen. So wollen es die Sicherheitsbestimmungen.
Meyer versucht deshalb, mit möglichst wenig Equipment auszukommen. Trotzdem will sie nicht nur den Darstellern ein Mitspracherecht bei Kostümen und Bühne geben, sondern bindet auch die Schreiner, Schlosser und Maler aus der JVA in die Gestaltung mit ein. Und doch ist auch ihr größter Anspruch: „Wir wollen einfach Kunst machen.“
B. übernimmt dabei in diesem Jahr bereits das zweite Mal die Technik. Bei der Aufführung ist er für das Licht und die Musik verantwortlich, hat teilweise Stücke selbst komponiert. Bevor er ins Gefängnis kam, hat er selbst elektronische Musik gemacht. In der Haft macht er eine Ausbildung zum Schreiner, um später Messebauer zu werden, erzählt er nach der Vorstellung. Er übernehme gern Verantwortung, wolle aber lieber im Hintergrund bleiben. „Trotzdem ist es schön, die Gruppe um sich zu haben.“
Wenige Minuten vor der Vorstellung testet B. noch einmal alles: den lauten Paukenschlag, der die Szenenwechsel markiert, die dramatische Geigenmusik, das Licht. Dann stellt er sich zu den anderen Männern auf die Bühne. Bevor es losgeht, haben sie ein Ritual: Die 11 jungen Männer stehen im Kreis, die Köpfe zusammengesteckt, die Arme auf den Schultern des Nachbarn. Ein kurzer Moment des Innehaltens, dann rufen sie „Ninjamotherfucker“ und werfen dabei die Arme in die Luft. Schnell laufen sie hinter die Bühne, bevor die ersten Zuschauer den Raum betreten.
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