Vor der Tischtennis-EM

Im Wirrwarr der Wettbewerbe

Vor der Europameisterschaft im Tischtennis klagt der Bundestrainer über die Terminfülle. Die bringt viele Spieler an ihre Grenzen.

Dimitrij Ovtcharov aus Deutschland spielt gegen Michael Tauber aus Israel: Ein Ball fliegt im Moment der Fotoaufnahme genau vor das Gesicht des Deutschen

Im Stress: Tischtennisspieler wie Dimitrij Ovtcharov hetzen von einem Termin zum nächsten Foto: dpa

BERLIN taz | Am vergangenen Wochenende startete in vielen Bundesländern der Ligabetrieb im Amateurtischtennis. Die Mannschafts-Europameisterschaft, die heute am Dienstag im westfranzösischen Nantes beginnt, wird in den Sporthallen landauf landab kaum ein Thema gewesen sein. Die deutschen Nationalteams der Frauen und Männer gehen zwar als Favorit in die EM, viele Spieler an der Basis wissen aber nicht einmal, dass das Turnier stattfindet. Im Fußball oder Handball wäre das undenkbar.

Die EM hat in jüngerer Vergangenheit stetig an Bedeutung verloren. Begonnen hatte das bereits vor mehr als zehn Jahren – mit der Entscheidung des europäischen Tischtennisverbands, seit 2007 jährlich Europameisterschaften auszutragen. Anfangs noch mit allen Disziplinen, mittlerweile im jährlichen Wechsel – in einem Jahr, wie diesmal in Nantes, werden die besten Teams ermittelt, im nächsten die besten Einzelspieler und Doppel.

Doch nicht nur jährliche Europameisterschaften fluten den Terminkalender der Athleten: Der Weltverband veränderte im vergangenen Jahr die Berechnung der Weltrangliste. Seitdem kann dort nur weit vorne stehen, wer sich oft auf Turnieren der sogenannten World Tour blicken lässt. In boomenden Tischtennismärkten entstanden zudem attraktive Wettkampfformate: die asiatisch-pazifische Liga T2 in Malaysia oder Ultimate Table Tennis in Indien.

Viele Termine sind hinzugekommen, und die alten sind geblieben: Ligaspiele und Champions League, nationale Meisterschaften, Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. „Der Weltverband übertreibt es total mit dem Terminkalender“, sagte Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf im Vorfeld der EM. Deutschlands „Mr. Tischtennis“, in den 80er und 90er Jahren Welt- und Europameister, ist ein scharfer Kritiker der Flut an Wettkämpfen. Für Roßkopf steht fest: „Es gibt zu viele Turniere.“ Doch vielen Spielern fällt es schwer, ihr Pensum zu reduzieren.

Turniere werden zum Zuschussgeschäft

Tischtennis kämpft mit der Eigentümlichkeit, zugleich Mannschafts- und Individualsport zu sein. Zwar ist der Sport als Einzelsport angelegt, doch viele Profis verdienen ihr Geld vor allem bei Vereinen, für die sie an vielen Wochenenden im Jahr in der Liga im Einsatz sind. Anders als etwa im Tennis können es sich die Aktiven nicht leisten, als Ich-AG von Turnier zu Turnier um die Welt zu reisen. Denn obwohl die Turniere der Weltserie sportlich die Benchmark für die internationale Elite sind, sind die Preisgelder niedrig. Scheitert man dort in den ersten Runden, werden Turnierteilnahmen schnell zum Zuschussgeschäft.

Immer mehr Spieler stoßen zwischen den Verpflichtungen für nationale Verbände, Vereine und eigenen sportlichen Zielen an ihre Grenzen. Es fehlt Zeit für Pausen und Training. Das Verletzungsrisiko steigt, das sportliche Niveau sinkt. Und die Zuschauer verlieren im Wirrwarr der Wettbewerbe den Überblick.

Besonders ungelegen kommt nun die EM in Nantes. Erst im Juni fanden in Minsk die European Games statt, bei denen der Kontinent schon mal seine Besten ermittelte. Deutschland gewann dort vier von fünf Tischtennis-Wettbewerben. Weil der Vorschlag von Trainern und Athleten, die EM in diesem Jahr durch die Europaspiele zu ersetzen, beim Weltverband kein Gehör fand, hatte man sich beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) sogar mit dem Gedanken befasst, vor allem das überspielte Männer-Team in Nantes durch eine B-Auswahl zu ersetzen.

Doch ein Titelverteidiger, der seinen Nachwuchs schickt, um seinen Stars frei zu geben? Soweit wollte der DTTB doch nicht gehen. Sowohl die Frauen als auch die Männer werden in Bestbesetzung antreten – mit den Weltklassespielern Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska. Wenn nichts Unerwartetes passiert, werden beide Teams wieder Europameister. Zeit zur Freude würde den Spielerinnen und Spielern aber kaum bleiben.

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