Sportpolitik im Tischtennis: Tauwetter am Tisch

Amerikanische und chinesische Sportler bildeten bei der WM in Houston gemischte Doppel. Dies erinnerte an die Ping-Pong-Diplomatie der 70er Jahre.

Imperiales Duo: Chinas Lin Gaoyuan (l.) und die US-Spielerin Lily Zhang.

Imperiales Duo: Chinas Lin Gaoyuan (l.) und die US-Spielerin Lily Zhang Foto: AP/Michael Wyke

Die Kommunikation zwischen China und den USA verläuft holprig dieser Tage. Das war auch bei der Tischtennis-WM in Houston zu beobachten. Kanak Jha, des Chinesischen nicht mächtig, und Wang Manyu, die kaum Englisch spricht, wirkten unbeholfen, wann immer sie im George R. Brown Convention Center gemeinsam auftraten. Der US-Amerikaner und die Chinesin bildeten in Texas eines von zwei Diplomacy Doubles, amerikanisch-chinesische Kombinationen im Mixed-Wettbewerb.

Die Diplomaten-Doppel von Houston sind eine Reminiszenz an die sogenannte Ping-Pong-Diplomatie: Vor 50 Jahren hatte der Tischtennissport eine Brücke zwischen den USA und China geschlagen. Anfang der 50er Jahre standen sich beide Länder im Koreakrieg gegenüber, jahrzehntelang gab es keinen Dialog. Das änderte sich 1971. Bei der WM im japanischen Nagoya war US-Nationalspieler Glenn Cowan eines Morgens versehentlich in den Bus gestiegen, der das chinesische Team vom Hotel zur Halle brachte. Chinesen war zu jener Zeit der Kontakt zu US-Bürgern untersagt, doch Cowan kam auf der Fahrt mit Zhuang Zedong ins Gespräch.

Der Hippie und der dreimalige Weltmeister freundeten sich an – und der chinesische Verband lud das US-Team daraufhin nach Peking zu einem Freundschaftsspiel ein. Auf die Sportler folgten wenig später US-Außenminister Henry Kissinger und Präsident Richard Nixon. Das Verhältnis beider Nationen normalisierte sich. Nun, da es um die Beziehungen zwischen Washington und Peking wieder schlechter bestellt ist, inszenieren der Tischtennis-Weltverband sowie die Nationalverbände der USA und Chinas in Houston das 50-jährige Jubiläum der Ping-Pong-Diplomatie.

Neben dem Duo Wang/Jha bilden auch die beste US-Amerikanerin Lily Zhang und der Chinese Lin Gaoyuan ein Paar. Verbände und Spieler beschwören den „historischen Moment“, den sie mit viel Pathos und PR-Getrommel in Szene setzen. „Wieder einmal ändert Tischtennis den Lauf der Geschichte“, sagte US-Verbandschefin Virginia Sung.

Liu, der Stratege

Als Architekt der Idee gilt der Chinese Liu Guoliang. Der Einzel-Olympiasieger von 1996 ist in den vergangenen Jahren zum einflussreichsten Funktionär im Tischtennis aufgestiegen. Schon als Spieler war Liu ein Stratege. Nun drängt der 45-Jährige auch in den Verbänden nach oben: Seit 2018 führt er den chinesischen Tischtennis-Verband, in Houston ließ er sich er sich zudem zum Vizepräsidenten des Weltverbands wählen.

Für Liu sind die Doppel weniger eine diplomatische Annäherung denn eine strategische Partnerschaft innerhalb der Sportart. Tischtennis bangt in China um seine Stellung als Nationalsport, die Dominanz der Chinesen schreckt selbst im eigenen Land viele Fans ab. Dass man bereit ist, für Aufmerksamkeit Medaillen zu opfern, bewies China bereits 2017 in Düsseldorf, als man mit den deutschen WM-Gastgebern Doppel bildete.

Der beste Chinese, Ma Long, trat damals an der Seite von Timo Boll an. Das Duo schied früh aus, aber die Story war gut. So ist es dieser Tage auch in Houston. Die USA profitieren auch sportlich: Chinesische Partner in Doppel-Konkurrenzen sind fast schon eine Medaillengarantie. Nicht zuletzt schlägt auch die kriselnde Weltföderation Kapital. Die ITTF möchte neue Märkte erobern. Viele sagen gar: Sie muss. Und kein Markt gilt als zukunftsträchtiger als die USA. Tischtennis boomt in Nordamerika, entwickelt sich vom Freizeit- zum Wettkampfsport. Von der ersten WM in Amerika erhofft sich das dortige Tischtennis einen Schub, der auch dem Weltverband zugutekäme.

Der größte Erfolg auf diplomatischer Ebene liegt darin, dass weder Washington noch Peking die Wiederauflage der Ping-Pong-Diplomatie verhinderten. Doch auch wenn die angespannte politische Großwetterlage vom Treiben am Tischtennistisch unberührt bleibt, so glückte zumindest der PR-Coup. Zwar schieden Wang Manyu und Kanak Jha im Achtelfinale aus, Lily Zhang und Lin Gaoyuan aber haben eine Medaille sicher – die erste WM-Medaille für die USA seit 1959. Das Finale im Mixed-Wettbewerb gewannen Sun Yingsha/Wang Chuqin. Sie kommen beide aus – China.

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