Vor Friedensgesprächen in Afghanistan: Die Unbeugsame

Fausia Kufi überlebt ein weiteres Attentat. Die bekannte Frauenrechtlerin gehört zur Regierungsdelegation für die Verhandlungen mit den Taliban.

Frau mit Kopftuch.

Fausia Kufi 2012 als selbsternannte Präsidentschafskandidatin bei einer Konferenz in Berlin Foto: Sven Hansen

BERLIN taz | „Einige Taliban starrten mich an. Wenige machten Notizen, andere schauten weg.“ So beschreibt die afghanische Frauenrechtlerin und Friedensverhandlerin Fausia Kufi gegenüber der BBC ihre erste Begegnung bei Sondierungsgesprächen mit den Taliban in Moskau im vergangenen Jahr.

Kufi war eine von zwei Frauen der Regierungsdelegation und damit nur eine von insgesamt zwei weiblichen Verhandlerinnen unter den siebzig Anwesenden beider Seiten.

Kufi schlug dabei den Taliban selbstbewusst vor, doch auch Frauen in deren Delegation aufzunehmen. „Sie haben sogleich gelacht“, erinnert sich die 45-jährige Politikerin.

Sollte die Regierung dieser Tage wie vereinbart die letzten gefangenen 400 Taliban-Kämpfer freilassen, könnten noch in dieser Woche erstmals offizielle Gespräche Kabuls mit den Taliban in Katar beginnen. Wieder ist Kufi Teil der geplanten Regierungsdelegation, unter deren 21 Mitgliedern jetzt vier Frauen sind.

Attentäter bisher unbekannt

Doch um ein Haar hätte ein Attentat am Freitagnachmittag Kufis Teilnahme vereitelt. Kufi hielt mit ihrer Schwester auf dem Rückweg aus der Provinz an einem Markt in einem Kabuler Vorort an. Als sie aus dem Auto stiegen, eröffneten Unbekannte das Feuer.

Kufis Hand wurde getroffen, aber nicht lebensbedrohlich. Ein Taliban-Sprecher erklärte später, die Aufständischen hätten mit dem Attentat nichts zu tun. Politiker der Regierung verurteilten den Anschlag und versprachen Aufklärung.

Es war schon der zweite gescheiterte Anschlag auf Kufi. Zehn Jahre zuvor wurde auf sie in der Ostprovinz Nangarhar geschossen, als sie von einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag nach Kabul zurückkehren wollte. Ihre Leibwächter retteten sie.

Kufi ist eine der im Ausland bekanntesten Politikerinnen Afghanistans. 2005 wurde sie für ihre Heimatprovinz Badakhshan ins Unterhaus gewählt und wurde – ein absolutes Novum – Vizepräsidentin des Parlaments.

Großspurige Präsidentschaftsandidatur

Später verkündete sie großspurig eine eigene Präsidentschaftskandidatur für die Wahlen 2014, wurde aber von der Wahlkommission beim Mindestalter ausgebremst. Inzwischen ist sie nicht mehr im Parlament.

Kufi ist eines von 23 Kindern, darunter 19 Töchter, eines traditionellen afghanischen Politikers, die dieser mit seinen sieben Frauen hatte.

Sie war nach eigenen Angaben das erste Mädchen ihrer Familie, die durchsetzen konnte, zur Schule gehen zu dürfen. Die Taliban vereitelten ihr Medizinstudium, in dem sie junge Frauen aus den Unis warfen. Darauf kümmerte sich Kufi beim Kinderhilfswerk Unicef um ehemalige Kindersoldaten.

Wie viele männliche Politiker strickt auch sie gern eigene Legenden. So schreibt sie in ihrer Autobiografie, ihre Mutter habe sie als Neugeborene aus Frust über die erneute Geburt einer Tochter statt eines Sohnes zum Sterben in der Sonne ausgesetzt. Erst nachdem Fausia den ganzen Tag geschrien habe, hätte die Mutter sich ihrer doch noch erbarmt.

Kufis Vater starb im Machtkampf der antisowjetischen Mudschaheddin. Der Mann, mit dem ihr älterer Bruder sie dann verheiratete, starb an TBC aus der Taliban-Haft.

Von ihm hat Kufi zwei heute erwachsene Töchter. So sehr sie die Taliban ablehnt, so sehr sieht sie die Notwendigkeit von Gesprächen mit den afständischen Islamisten. Denen dürften sie es nicht leicht machen.

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