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Von „Milfs“ bis zu „männerfreien Innenstädten“

Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und auch der Kommunalwahlkampf in Niedersachsen: Was die Parteien im heißen Wahlkampfsommer 2026 auf ihre Plakate schreiben

Aus Berlin, Magdeburg, Oldenburg und Rostock Lotte Laloire, Felix Zimmermann, Gereon Asmuth, Raoul Spada, Carolina Schwarz, Derya Türkmen, Rainer Rutz und Sunny Riedel

Fast könnte man meinen, die Parteien machen das absichtlich, um uns, die Wählenden, noch ein letztes Mal zum Lachen zu bringen, bevor in Teilen Deutschlands wie in Sachsen-Anhalt der Faschismus Einzug halten könnte, sollte die AfD eine absolute Mehrheit erhalten. Die Wahlplakate, die sie dieses Jahr aufgehängt haben, sind teilweise wirklich witzig. Andere sind absurd oder arbeiten mit Falschbehauptungen.

Sie haben andere Interpretationen als wir? Lassen Sie es uns gerne wissen! Sie haben noch abgefahrenere Plakate gesehen? Schicken Sie uns ein Foto und Ihre Deutung! post@taz.de

Aber nicht nur in Sachsen-Anhalt wird am kommenden Wochenende ein neuer Landtag gewählt. Am 20. September wird in Berlin das Abgeordnetenhaus neu gewählt und in Mecklenburg-Vorpommern sind ebenfalls Landtagswahlen. Und dann sind da noch die überregional weniger beachteten Entscheidungen: Am 13. September ist in Niedersachsen Kommunalwahl.

Wir haben unsere Kor­re­spon­den­t*in­nen und Re­dak­teu­r*in­nen gebeten, uns die interessantesten Plakate zuzuschicken, zu erklären, was sie darauf sehen, und zu deuten, was uns das – in aller Kürze – sagen könnte.

Wer zu schnell mit dem Auto dran vorbeifährt, sieht zunächst nur das große blaue AfD-Logo und liest versehentlich: „Hetzen ohne Verbote“. Tun sie das nicht eh schon?, fragt man sich sofort. Bei genauem Hinsehen wird klar, auf dem Plakat steht: „Heizen ohne Verbote“. Tja, die Wählenden müssen sich eben entscheiden: Heizverbote oder Hitzetote. Lotte Laloire

Die Spitzenkandidatin Eva von Angern posiert auf ihren Plakaten mit dem „Heimat“-Begriff. Der galt unter Linken lange als verpönt. Ist das jetzt ein Zeichen dafür, dass der Rechtsruck auch vor der Linken nicht haltmacht, oder ist es ein kluger, strategischer Schachzug, um AfD-Wähler zu betören? Das zu diskutieren, überlasse ich gerne Ihnen, liebe Leser*innen. Lotte Laloire

Die Edewechter Landstraße in Odenburg ist sehr gut in Schuss. Dort hat das BSW ein Plakat zur Kommunalwahl in Niedersachsen am 13. September aufgehängt. Darauf zu sehen: eine marode Straße, durchzogen von Furchen, im Vordergrund ein besonders tiefes Schlagloch, darin Steine und Wasser. Der Slogan dazu: „Mobilität: kaputtgespart! Gefährlich ehrlich. BSW“.

Die Wagenknechte müssen schon eine sehr löchrige Sicht auf die Welt haben. Dieses Plakat geht an der Realität jedenfalls vorbei und offenbart vor allem eins: den peinlichen Populismus dieser Partei. Als Wahlberechtigter muss man sich verhöhnt fühlen. Denn die Plakate, die kaputte Straßen bemängeln, hängen an Straßen, die gerade mit viel Aufwand und hohen Kosten von der Stadt Oldenburg saniert wurden. Felix Zimmermann

Ich liebe ja die handgemalten Plakate der Bergpartei, seit 20 Jahren die einzige, die das Plakatieren wirklich ernst nimmt, so ernst, möchte man meinen, dass sie eigentlich nur deswegen überhaupt jedes Mal antritt. Diesmal besonders schön: die Forderung nach männerfreien Innenstädten. Mir gefällt aber noch besser: „Einatmen, ausatmen, gut sein lassen“. Das ist so wunderbar entspannend. Gereon Asmuth

Volksabstimmungen einführen“, fordert die Partei dieBasis, die aus der verschwurbelten Querdenken-Bewegung hervorgegangen war und die man nach der Coronazeit fast schon wieder vergessen hatte. dieBasis selbst scheint indes vergessen zu haben: Volksentscheide gibt es schon, zumindest auf Länderebene. Hinzu kommt: Sie bringen mitunter wenig. Davon können Ber­li­ne­r*in­nen ein Lied singen, wo der erfolgreiche Volksentscheid für die Enteignung großer Wohnungskonzerne bis heute nicht umgesetzt wurde. In Berlin hat sich dieBasis jetzt auch noch mit dem verzweifelten Bündnis Sahra Weidelknecht zusammengetan. Fürchten die beiden Parteien etwa, dass nicht genug Volk für sie abstimmt? Lotte Laloire

Gabriele Cocozza, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP in Berlin-Mitte, wirbt mit dem Spruch „und ich bin nicht Lindner.“ Wofür Gabriele Cocozza sonst steht, erfährt man nicht. Das muss reichen. Raoul Spada

Wer die Spitzenkandidatin der Berliner Linken kennt, weiß: Elif Eralp kann sehr herzlich lachen, dann strahlen ihre großen weißen Zähne und um ihre Augen legen sich kleine Lachfältchen. Das sieht wahnsinnig sympathisch aus! Nicht falsch verstehen: Frauen müssen definitiv nicht immer lächeln, und es gibt genauso gute Politikerinnen, die keine Falten haben oder stets ernst gucken. Aber bei Eralp ist Lachen eben das, was man aus dem echten Leben von ihr gewohnt ist.

Auf vielen ihrer aktuellen Plakate hingegen kneift sie krampfig ihre Lippen zusammen. Anders als sonst fallen ihre Haare nicht natürlich über beide Schultern oder sind in einem wuscheligen Pferdeschwanz zusammengebunden, sondern liegen ordentlich geglättet auf einer Seite. Auch hier: Es geht nicht darum, wie eine Frau aussehen soll (es könnte genauso ein Mann sein), sondern um den ungewohnt konservativen Vibe, den diese Bilder ausstrahlen.

Zufall ist der Stil sicherlich nicht. Allein, was soll er bezwecken? Will die Linkspartei so CDU-Wähler anlocken? Ob das gelingen kann, wird sich zeigen. Positiv gelesen ist es womöglich einen Versuch der Linken, etwas aus ihrer eigenen Bubble herauszukommen, wie es so oft gefordert wird. Anderen, zum Beispiel konservativeren Leuten, bildsprachlich die Hand auszustrecken, ist nicht per se verwerflich. Ob es funktioniert, wird sich am 20. September zeigen.

Äußerlichkeiten hin oder her, es gibt auf Eralps Plakaten ein Detail, das uns noch viel mehr beschäftigen sollte: Sie trägt ein „Mietendeckel“-Kettchen um den Hals. Ja, richtig gelesen! War der Berliner Mietendeckel nicht Geschichte? Rot-Rot-Grün hatte ihn zum Gesetz gemacht, aber leider dermaßen schlecht, dass das Bundesverfassungsgericht ihn im Jahr 2021 kassierte.

Es gibt doch auch Kettchen mit dem Wort „Vergesellschaftung“. Warum hat sie das nicht angezogen? Das wäre nicht einmal besonders radikal, für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gibt es – neben dem bindenden Volksentscheid – schließlich auch einen Beschluss des Berliner Linken-Parteitags. Und sie wird stets als Bedingung für eine Koalition genannt. Lotte Laloire

Viele von uns mit Migrationsgeschichte versuchen heute bewusst, unsere Namen nicht mehr für die Mehrheitsgesellschaft zu vereinfachen. Wir korrigieren falsche Aussprache, bestehen auf die richtige Schreibweise und versuchen zu erzählen, dass diese Namen inzwischen genauso zu Deutschland gehören.

Anders ist das bei Kandidierenden der CDU: Büşra Karadag, die Neuköllner CDU-Kandidatin, hat ihren Namen auf Wahlplakaten eingedeutscht, zu Büsra Karadag. Damit wiederholt sie ein altes Muster: Die Anpassungsleistung bleibt bei ihr. Gerade in einer konservativen Partei hat das bestimmt auch mit Wählbarkeit und Anschlussfähigkeit zu tun. Die Herkunft bleibt sichtbar, aber in einer Form, die die Mehrheitsgesellschaft möglichst wenig irritiert.

Das lässt sich für mich als eine Form von respectability politics lesen, also: Man versteckt die eigene Herkunft nicht, passt sie aber so weit an dominante Normen an, dass man als seriös, akzeptabel und wählbar gilt. Spannend finde ich deshalb den Kontrast zu linken Kandidat:innen, die die türkische Schreibweise behalten und teilweise sogar auf Türkisch werben. Da steckt ein anderes Verständnis von Zugehörigkeit drin: Nicht nur wir müssen uns an Deutschland anpassen, sondern auch die Vorstellung davon, was deutsch ist, erweitert sich. Derya Türkmen

Irgendjemand im Wahlkampfteam der CDU Mecklenburg-Vorpommern muss nach angestrengtem fünfminütigem Motiv-Brainstorming gesagt haben: Das ist pfiffig, das nehmen wir. Und so werben die Konservativen im ganzen Bundesland nun auf Großflächen mit einem Fischbrötchen-Motiv um Stimmen für die Landtagswahl am 20. September. Der dazugehörige Spruch war wohl schnell gefunden: „Das Beste ist in der Mitte“. Oller Fischlappen ist lecker, ist CDU: So in etwa lautet wohl die Gleichung.

Natürlich waren nach dem Kampagnenstart Ende Juli „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler und empörte Berufskritiker“ (Friedrich Merz) sofort zur Stelle. Lilly Blaudszun etwa, die Kampagnenleiterin von SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig: Sie hielt der CDU vor, dass die Partei für ihr Motiv ein billiges, fast 20 Jahre altes Agenturbild verwendet habe: „Die wohl wichtigste Wahl der letzten Jahre ist der CDU 19 Euro auf Alamy wert.“

Was sehr gemein war. Denn tatsächlich „kommt das Bild von Shutterstock und hat 73 Euro gekostet“, wie CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters umgehend klarstellte. Auch habe seine Partei großes Engagement in die Bildbearbeitung gesteckt und aus dem Originalbild „die roten Fussel in der Mitte“ herausretuschiert. Gemeint waren die Tomatenscheiben.

Überhaupt gibt es keinen Grund zur Kritik. „Das Fischbrötchen ist ja an sich Wirtschaftskraft für Mecklenburg-Vorpommern“, erklärte Peters denn am Montag, als der Kanzler kurz bei ihm an der Ostsee vorbeischaute, um ein Fischbrötchen zu essen. Da existieren sicher auch Studien, zur An-sich-Wirtschaftskraft. DIW, ifo-Institut, Institut für Weltwirtschaft. Das hat den genüsslich mümmelnden Friedrich Merz dann aber augenscheinlich gar nicht interessiert. Rainer Rutz

Noch mal Fisch: Die Linke hat umgehend mit einer „Großflächenserie“ zurückplakatiert. Zu sehen ist ein Fischbrötchen essender Kanzler und der wahrlich zutreffende Slogan: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Ausrufezeichen sind übrigens auch immer wichtig! Es folgen Kritik an Rentenreform und Gesundheitsreform sowie die Forderung „Inhalte statt Fischbrötchen“. Typisch linker Übererklärmodus, wieder mal. Rainer Rutz

Die SPD fordert auf ihren Plakaten in der Hauptstadt: „Mieten deckeln“. Achtung, es folgt eine Geheim-Info: Die SPD regiert bereits. Sowohl im Bund als auch in Berlin. Wieso deckelt sie die Mieten nicht einfach? Das wäre zwar noch keine Vergesellschaftung, aber es wäre besser als das, was die SPD bisher für Mieter:innen getan hat – nichts.

Negativ aufgefallen ist die sozialdemokratische Partei nicht nur damit, sondern auch mit dem Zeitpunkt, zu dem sie ihre Plakate aufgehängt hat. Am Ludolfingerplatz in Berlin-Reinickendorf etwa standen laut Medienberichten bereits vor dem offiziellen Start am 2. August „Wesselmänner“, wie die XXL-Plakate genannt werden.

Wie das Berlin-Ressort der taz bereits festgestellt hat, hält sich in der Hauptstadt niemand gern an Regeln. Geschummelt hat in Marzahn-Hellersdorf auch die CDU, in Steglitz die Linke und in Friedrichshain die Bergpartei. So gesehen ist die SPD eigentlich die einzige Partei, die sich an die Regel hält: Sie verrät die Arbeiterklasse. Als sie für den zu frühen Termin kritisiert wurde, schob sie den „Fehler“ auf die von ihr beauftragten Dienstleister.

Lotte Laloire

Die Jugendorganisation der SPD verantwortet in Niedersachsen besonders peinliche Plakate. Darauf zu sehen ist ein Leihauto und ein Möchtegern-Wortspiel, bei dem aus „Miles“ plötzlich „Milfs“ wird. Das ist ein sexistisches Akronoym und bedeutet „Mom I’d like to fuck“. Auf dem Plakat steht noch irgendwas Lächerliches, was wir sofort wieder vergessen haben. Was sagen uns solche extrem unangenehmen Dadjokes? Auch die Jusos scheinen in die Jahre gekommen zu sein, vielleicht sollten sie sich besser „Asos“ nennen: Alte Sozialisten. Sunny Riedel & Lotte Laloire

Warum kommen von dieser Partei auf der gesamten Doppelseite keine Plakate vor? Von ihnen ist wohl einfach nichts, ähm, hängen geblieben. Lotte Laloire

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen