Videoserie über das Weinen auf der Bühne: Tränen, die lügen

Das Theaterkollektiv Werkgruppe2 hat 25 Schauspieler:innen übers Weinen ausgefragt – und sie auch gleich um ein paar Tränen gebeten.

Denise M’Baye weint

Schauspielhandwerk oder aus dem Innersten? Denise M’Baye weint Foto: Werkgruppe2

„Männer weinen heimlich“, sang Herbert Grönemeyer – und der Volksmund ergänzt in bösartiger Idiotie: „... und Frauen mit Absicht“. Bevor man sich nun aber völlig zu Recht analytisch, kritisch und mit Haltung auf diese Klischees stürzt, ließe sich kurz noch festhalten, dass durchaus etwas dran ist an den schnöden Zeilen. Nur eben nicht die Wahrheit.

Die Tränenfrage ist durchzogen von widersprüchlichen Angelegenheiten: von Intimität, Geschlecht und Gender zum Beispiel, aber auch von Wahrheit, Manipulation und Lüge. Es ist jedenfalls kein Wunder, dass die Momente, in denen jemandem Wasser aus den Augen läuft, in der bildenden Kunst wie im Schauspiel zuverlässig Höhepunkte stiften.

„Weinen“ heißt nun auch das aktuelle Projekt der auf Dokumentarisches spezialisierten freien Theatergruppe Werkgruppe2 aus Göttingen. Die Videoserie ist ihre erste Produktion seit Beginn der Coronapandemie, sehr zeitgemäß per Internet und Video, schöpft aber aus dem Kapital einer Gruppe, die seit Jahren in verschiedenen Zusammenhängen und Konstellation durch die (vor allem) norddeutschen Theaterstädte zieht: Kontakte nämlich. Ganze 25 Schauspieler:innen haben sie gefunden, die bereit waren, mit der Kamera über ihr Weinen auf der Bühne zu sprechen.

Das Setting ist immer gleich: Die Kamera, der Hintergrund, das Stativ und so weiter kamen per Paket zu den Menschen, die Interviews wurden übers Internet geführt. Dieses erst mal unspektakulär klingende technische Verfahren hat tatsächlich eine sonderbar aufregende Wirkung: Im Resultat sind nun nämlich 25 glasklare Aufnahmen in Studioqualität zu sehen, in denen zugleich aber der intime Rahmen unsichtbarer Privatwohnungen nachhallt. Und das ist besonders am Ende der Kurzfilme wichtig, an dem nämlich die Bitte im Raum steht, jetzt noch eben selbst in die Kamera zu weinen.

Mehr als nur Handwerk

Die Aufforderung ist frecher, als zunächst vermuten könnte, wer Theaterweinen erstens für bloßes Tränenrausdrücken hält und zweitens glaubt, das gehöre für Schauspieler:innen eben so zum Tagesgeschäft.

Gerade rücken kann dieses Bild zum Beispiel Fanny Staffa. Sie ist Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Dresden, aber auch bekannt von bundesweiten Bühnenauftritten und im Fernsehen etwa vom Rostocker „Polizeiruf 110“. In ihrem „Weinen“-Interview erzählt sie zwar kurz auch vom Handwerklichen, vor allem über ein notwendiges Fingerspitzengefühl, das längst nicht alle Regisseur:innen und Kolleg:innen an den Tag legten.

„An der und der Stelle, da wo du geweint hast – da weinste jetzt ja dann immer“, sei ein Abrufen, das überhaupt nicht ginge, sagt Staffa: „Das zieht jedem Schauspieler den Stecker.“ Und das wohl gar nicht mal nur, weil es plump und respektlos klingt, sondern auch, weil es das Weinen so groß und unbestimmt macht. Stattdessen wäre, so Staffa, klar und analystisch zu beschreiben, was auf der Bühne genau passiert. Weil das aber nicht jede:r könne, gäbe es immer wieder unangenehme Momente des Schweigens angesichts einer Intimität, die eben doch mehr als einfach nicht nur Handwerk ist.

Während man sich so durch die verschiedenen Videos klickt, wächst zunehmend der Eindruck, dass auch unter Profis alles andere als ausgemacht ist, wie es um die Tränen steht. Das klingt nach Theater­-Insidern – und ein bisschen ist das bei der „Weinen“-Serie auch so. Aber eben nicht nur.

Was nämlich über diesen ungewöhnlichen (und übrigens auch für sich schon sehr interessanten) Blick hinter die Kulissen hinausgeht, ist nämlich, dass echtes Weinen mitunter genau die gleichen Probleme mit sich bringt. Und auch jenseits der Bühne performt wird – oder wenigstens so verstanden wird, womit wir wieder bei Grönemeyer und der Absichtlichkeit wären.

Die Wut im Video von Ariane Andereggen, die seit Jahren als Schauspielerin, Videokünstlerin und Regisseurin tätig ist, hat zum Beispiel längst nicht nur mit Kunst zu tun: In jüngeren Jahren müssten Frauenfiguren immer traurig sein, sagt sie, später käme dann ein Problem mit der Frustration dazu: „Aggression wird bei älteren Frauen sofort der Frustration zugeschrieben, als ob man im Alter nicht mehr aggressiv sein könnte. Aber es sieht halt nicht mehr so cool aus.“

Tränen sind eine Klassenfrage

Wer worüber wie weint – und wer es besser lässt – ist eines der großen übergreifenden Themen der Serie, die sich hier aus verschiedenen Perspektiven um Fragen von Race, Class und Gender sortieren. Auch scheint es in Sachen bewussten Umgangs mit Intimitätsfragen große Unterschiede zwischen Akteur:innen der freien Szene und ihren Kolleg:innen aus den Stadt- und Staatstheatern zu geben.

Das allerdings sind Eindrücke, keine klaren Fronten – und es wäre auch beknackt, hier nun nachträglich durchzudeklinieren, was die Serie bewusst zwischen den Zeilen belässt. Ihre große Stärke ist ja gerade, dass die mitunter stark auseinandergehenden Positionen eben nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern mit vollem Recht nebeneinander stehen.

Mit am schönsten auf den Punkt bringt diese individuelle Haltung Denise M’Baye, Schauspielerin und Sängerin aus Hannover. Sie kennt das mit dem Weinen vom Fernsehen, wo man rasch einen Püster ins Gesicht bekäme, „und dann laufen da Tränen“ – aber eben auch vom Theater, wo es etwas wirklich Tiefes treffen könne und man plötzlich an seinem „innersten Kern“ arbeite. Das aber ginge nur streng dosiert „und wo es das auch wert ist“.

Bemerkenswert ist auch der Gedanke von Theatermusiker Lars Wittershagen, der überhaupt daran zweifelt, dass nun ausgerechnet Weinen der rechte Ausdruck für Trauer auf der Bühne sein soll. Warum nicht Choreografie oder andere eher ästhetische Formen? Das trifft sich auch mit einer Erkenntnis der Werkgruppe2, die Dramaturgin Silke Merzhäuser der taz verrät: dass die Gruppe nach einem Interview-Gespräch über die Regieanweisung „weint“ (statt zum Beispiel offener: „ist traurig“) auch ein eigenes Drehbuch für ein kommendes Projekte schnell noch mal umgeschrieben habe.

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