Verkürzung der Quarantänezeiten: Das Omikron-Paradox

In Deutschland wird mit einem starken Anstieg der Omikron-Infektionen gerechnet. Gleichzeitig werden verkürzte Quarantänezeiten diskutiert.

um im Einsatzfall hineinzuspringen, stehen Schuhe und Overall in der Garage der Freiwilligen Feuerwehr

Vor allem bei Feuerwehr, Polizei und medizinischem Personal könnte es zu Personalmangel kommen Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

BERLIN taz | In New York standen Pendler der U-Bahn-Linien B, W, und Z am Montag vor leeren Statio­nen. Seit Donnerstag ist der Verkehr dort eingestellt, weil die Personaldecke der Metropolitan Transportation Authority Covid-bedingt so ausgedünnt ist, dass sich der öffentliche Nahverkehr nicht mehr ohne Einschränkungen aufrechterhalten lässt.

Auch über 20 Prozent der New Yorker Polizisten waren über das Wochenende nicht im Dienst. Die sich schnell verbreitende Omikron-Variante gefährdet die öffentliche Infrastruktur in der Metropole am East River. Die US-Regierung hat die empfohlene Isolationsdauer deshalb bereits von zehn auf fünf Tage gesenkt.

Auch hierzulande geht die Angst vor Beeinträchtigungen der Infrastruktur um. Die ­Ministerpräsidentenkonferenz am Freitag wird deshalb wohl Quarantäneverkürzungen beschließen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kündigte Sonntagabend an, es werde „auf jeden Fall neue Beschlüsse geben“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Quarantänezeit für Kontaktpersonen verkürzt, möglicherweise auch für Infizierte.

Quarantäneverkürzungen, um eine Pandemie zu bekämpfen? Das klingt zunächst paradox, doch die Logik dahinter lautet folgendermaßen: Wenn gleichzeitig Tausende Polizisten, Feuerwehrleute und Arbeitnehmer etwa im Bereich der Energieinfrastruktur ausfallen, könnten Teile des öffentlichen Lebens zusammenbrechen. Deshalb müssen unnötig lange Quarantänezeiten vermieden werden.

Möglichkeit sich „freizutesten“

Aktuell gibt es zwar Vorgaben vom Bund bezüglich Quarantäne (für Kontaktpersonen) und Isolierung (für Infizierte), die jeweiligen Gesundheitsämter entscheiden jedoch selbst. Bei positiv Getesteten dauert die Isolierung wegen der Inkubationszeit in der Regel 14 Tage. Bei Kontaktpersonen gibt es vielerorts aber die Möglichkeit, sich per PCR- oder Antigen-Test bereits nach wenigen Tagen „freizutesten“, Geimpfte und Genesene müssen teils gar nicht in Quarantäne.

Eine Möglichkeit, die viele Gesundheitsämter bei Kontaktpersonen von Omikron-Infizierten allerdings nicht vorsehen. Im Ernstfall könnten also sehr viele Infizierte und Kontaktpersonen sehr lange in Quarantäne bleiben.

Befürworter einer verkürzten Dauer argumentieren neben den Infrastruktur-Erwägungen mit der zeitlich abnehmenden Gefahr der Weitergabe des Virus. „Neuere Daten zeigen, dass die meisten Ansteckungen entweder passieren, bevor man überhaupt die ersten Symptome bekommt, oder in den ersten ein, zwei Tagen“, sagte etwa der Dresdner Virologe Alexander Dalpke dem MDR.

Insofern könne es aus virologischer Sicht vertretbar sein, die Isolation nach fünf Tagen zu beenden, „denn dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch jemanden infiziere, sehr niedrig“. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund sekundiert. Im Fall von infizierten Geboosterten ohne Krankheitssymptome, die in zentralen Bereichen arbeiteten, halte er sogar den gänzlichen Verzicht auf eine Quarantäne „für einen vernünftigen Weg“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg am Montag.

Kritik kam dagegen von den Grünen: Deren Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte: „Die Krankenschwester, die dann infiziert den Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten anstecken könnte, durch eine verkürzte Quarantäne zu einem Risiko für die Ausbreitung dieser Omikron-Welle zu machen, das halte ich im Moment noch nicht für einen richtigen Weg.“ Schon am Sonntag hatte sich Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gegen eine Quarantänelockerung ausgesprochen, weil die kritische Infrastruktur noch nicht außer Gefecht gesetzt sei.

Umgesetzt werden muss eine etwaige Neuregelung dann durch Verordnungen der Länder. Grundlage soll eine Empfehlung des Robert-Koch-Instituts sein, möglich ist auch eine Stellungnahme des Expertenrates der Bundesregierung. Er tagt am Dienstag erneut.

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