Vereinzelung als Refugee: Alles verschwindet

Ich habe die Schwierigkeiten, die ich habe, geteilt, um Solidarität zu erzeugen. Um meine Stimme hörbarer zu machen. Doch mir ist, als verhalle sie.

Die Baumkrone einer Linde

„Ich bin eine Linde mitten in Berlin – nur dass niemand es merkt“, schreibt unsere Autorin Foto: Olaf Wagner/imago

Ob sich, abgesehen von meinen treuen Leser*innen, noch andere dafür interessieren, was ich hier alle zwei Wochen schreibe? Ich weiß es nicht. Die Ungerechtigkeiten, die mir in den letzten vier Monaten als Geflüchtete, trans Frau und Journalistin widerfahren sind, habe ich aus Verzweiflung zum Thema dieser Kolumne gemacht. Meine Worte richten sich an die Politiker*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Menschenrechtler*innen, LGBTIQ-Organisationen, Aktivist*innen, LGBTIQ-Personen, türkischen Migrant*innen, auch die neu Angekommenen, Journalist*innen, die wie ich im Exil leben, die Medienverbände und meine Kolleg*innen.

Ich habe die Schwierigkeiten, die ich erlebt habe, geteilt, um Solidarität zu erzeugen, um meine Stimme hörbarer zu machen – aber kaum ein Like oder Retweet kam zurück. Ganz anders war das letztens bei einem Text, in dem ich das Erdoğan-Regime und die Ditib kritisiert habe, der vielfach geliket und retweetet wurde, auch von vielen türkeistämmigen Politiker*innen.

Es fühlt sich an wie ein Loch, in dem meine Texte verschwinden. Ob ich will oder nicht. Ob ich schrieb, dass ich, obwohl ich vor über sechs Monaten Asyl bekommen habe, immer noch auf Aufenthaltstitel und Pass warte. Oder, dass während des Lockdowns das Finanzamt mein Konto für 21 Tage gesperrt hat. Dass ich als Risikogruppe keine Miete und keine Medikamente zahlen kann und Lebensmittel nur deshalb, weil mir einige Freund*innen Geld geliehen haben.

Mein Antrag wurde seit vier Monaten nicht bearbeitet. Ich denke, das widerfährt vielen so oder ähnlich, aber was will ich machen, für mich fühlt es sich eben einzigartig an: als Geflüchtete mitten in der EU mir selbst überlassen. Kolleg*innen gehen zum Teil nicht mehr ran, wenn ich anrufe. In den letzten Monaten habe ich ungefähr zehn rassistische Übergriffe erlebt und die deutschen und türkischen Freund*Innen, denen ich davon erzählt habe, haben sich mit dem Zuhören begnügt – Menschen, die bei #BlackLivesMatter und gegen Rassismus auf die Straße gehen.

Vielleicht nicht so wichtig

Diese Übergriffe, die ich als nichttürkische, nichtkurdische, nichtmuslimische und nichtheterosexuelle türkeistämmige Person mit französischen Namen erlebe, haben vielleicht für die aufmerksamen Menschen hier weniger Bedeutung. Auch auf mein „Bitte helfen Sie mir!“ an einige homosexuelle Abgeordnete und LGBTIQ-Politiker*innen habe ich noch keine Antwort. Von Menschen, die unter #WorldRefugeeDay getweetet haben, wie wichtig die Rechte von LGBTI-Geflüchteten sind.

Nächste Woche werde ich 45. Ich habe mein ganzes Leben gegen Patriarchat und Rassismus gekämpft, aber mir ist bis jetzt noch keine so beschämende Doppelmoral begegnet. Und wie ich schon in einer früheren Kolumne geschrieben habe: Ich bin eine Linde mitten in Berlin – nur dass niemand es merkt.

Aus dem Türkischen von Julia Lauenstein

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