VW-Werk in China: Empörung reicht nicht

Die moralische Entrüstung über das VW-Werk in Xinjiang greift zu kurz. Denn es bietet relativ gute Jobs und Bedingungen.

Arbeiter bei der Montage eines Fahrzeugs im VW-Werk in Xinjiang

Automobilfertigung im VW-Werk in Xinjiang, 2018 Foto: China Daily/reuters

Seit Langem prangern Journalisten und NGOs das VW-Werk im westchinesischen Xinjiang an – jener Provinz, wo Hunderttausende Uiguren Zwangsarbeit verrichten. Konzernchef Herbert Diess sagte 2019 in einem BBC-Interview schnippisch, er sei sich der Existenz der Umerziehungslager in Xinjiang nicht „bewusst“. Das war ein PR-Fiasko – gerade für ein deutsches Unternehmen, das während der Nazi-Herrschaft massiv historische Schuld auf sich geladen hat.

Die Debatte über die Arbeitsbedingungen vor Ort und die Lieferketten setzt internationale Unternehmen zu Recht unter Druck. Die VW-Spitze rechtfertigt ihre Praxis nun selbstbewusst. Diess sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass in dem Werk schließlich Arbeitnehmerrechte und Sozialstandards sichergestellt seien.

Xinjiang in der westchinesischen Wüste ist der wohl umstrittenste wie auch wirtschaftlich unrentabelste VW-Standort. Das Werk wurde auch auf Druck der chinesischen Regierung gebaut, die die strukturschwache Region fördern will – und möglicherweise auch, um die Menschenrechtsverbrechen zu übertünchen.

Diess erntet in den sozialen Medien viel moralische Entrüstung. Das ist naheliegend, zu naheliegend. Denn der VW-Chef liegt durchaus richtig. Wem würde es nützen, wenn VW sein Werk in Xin­jiang schließt? Das würde das schlechte Gewissen in Deutschland lindern – vor Ort würde es schaden, auch den Angehörigen der verfolgten Minderheit der Uiguren. Denn für die ist eine Stelle im VW-Werk sowohl verdienstmäßig als auch von den Arbeitsbedingungen her ein deutlicher Fortschritt.

Doch gleichzeitig macht es sich Diess zu einfach, wenn er meint, für VW Zwangsarbeit in der chinesischen Zuliefererkette ausschließen zu können. Kürzlich haben internationale Wirtschaftsprüfer bekannt gegeben, wegen der Intransparenz chinesischer Behörden keine Zulieferketten westlicher Unternehmen mehr auf Zwangsarbeit zu durchleuchten. Da sind kritische Nachfragen an VW angebracht. Woher will der Konzern wissen, dass seine Zulieferketten in China menschenrechtskonform sind?

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Seit 2019 China-Korrespondent mit Sitz in Peking. Arbeitete zuvor fünf Jahre lang als freier Journalist für deutschsprachige Medien in Seoul, Südkorea. 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung "So etwas wie Glück" (erschienen im Rowohlt Verlag), das die Fluchtgeschichte der Nordkoreanerin Choi Yeong Ok nacherzählt. Geboren in Berlin, Studium in Wien, Shanghai und Seoul.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben