Upcycling an der Ostsee

Strandgut als Rügen-Souvenirs

Treibholz, Fragmente verschlissener Fischernetze, Steine, Hühnergötter – die kreative Wiederverwertung von Müll zu Kunst, Mode und Mitbringseln.

Strandgut

Angeschwemmt an Rügens Küste Foto: Imago/Christian Schroedter

Wenn Stürme die Wellen der Ostsee aufpeitschen und viele es sich zu Hause gemütlich machen, zieht es Jule Dressler und Ben Treu hinaus an Rügens wilde Strände. Denn mit dem Sturm wird auch Strandgut angeschwemmt.

Die beiden sammeln Treibholz, Fragmente verschlissener FischernetMatjes mit Mehrwertze, Steine, Hühnergötter und vom Meer blankgeschliffenes Seeglas in Blau-, Grün- und Türkistönen. Mit etwas Glück ist auch ein honiggoldener Bernstein dabei. All das verwandeln die zwei in ihrer kleinen Kreativwerkstatt samt angegliedertem Laden mit dem Namen Ein Tag am Meer in der Rosenstadt Putbus zu Kunst und Kunsthandwerk.

Recycling, die Wiederverwertung von Abfallprodukten, erfolgt in zwei Varianten: Beim „Downcycling“ kommt das neue Endprodukt qualitativ nicht an das Ausgangsprodukt heran, zum Beispiel beim Recyceln von PET-Flaschen.

Die zweite Version ist das von Ben und Jule betriebene „Upcycling“. Dabei sind die, in ihrem Fall aus Abfallprodukten wie Fischernetzen und Flaschen oder aus Naturprodukten wie Holz und Muscheln entstehenden Endprodukte hochwertiger als die Ausgangsmaterialien. Dies wird vor allem durch die Umsetzung origineller Ideen erreicht – Upcycling könnte man auch als aufwertende kreative Wiederverwertung bezeichnen.

Treibholz feinsäuberlich bemalt

Umweltfreundlicher ist das allemal, denn auf diese Weise müssen für die Souvenirs, die in Ein Tag am Meer verkauft werden, nicht extra Bäume gefällt oder Steine in Steinbrüchen abgebaut werden. Das Meer liefert die Materialien.

Unscheinbare Treibholzstückchen bemalt Jule feinsäuberlich als kleine, mutige Piraten mit Augenklappe und Totenkopf oder bunte Seemänner in blau-weiß gestreiften Matrosenanzügen. Die Treibholzmännlein und -weiblein kommen als Schlüsselanhänger oder als Figuren in den Multi-Media-Collagen daher. In den Semesterferien unterstützt eine Studentin das Kreativduo.

Upcycling ist immer mehr der Gegentrend zu einem sinnlosem Konsum

Im April feierte das junge Paar das zweijährige Bestehen ihres Ladens in der Weißen Stadt, in der auch Wilhelm Malte I., Fürst von Putbus, mit seiner Ehefrau Luise von Lauterbach wohnte. Von der Ladenwerkstatt aus blicken Jule und Ben durch das Schaufenster direkt auf den Schlosspark mit Orangerie und großem Wildgehege. Montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr verkaufen sie in Ein Tag am Meer in der Alleestraße 7 ihre fantasievollen Kreationen.

Lange Tradition im Design

Upcycling hat gerade im Design eine lange Tradition, auch wenn der Begriff erst Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geprägt wurde. In der Volkskunst in den USA und Kanada sind die farbenfrohen Quilt-Steppdecken der Amischen ein Beispiel. Nachdem vor mehr als 250 Jahren viele Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft aus Deutschland und aus der Schweiz in die Neue Welt auswanderten, wurde das Nähen von Quilts aus bunten Stoffresten populär. Bei den Amischen war es verpönt, sich durch äußere Dinge auszudrücken. In der neuen Heimat waren Quilts die einzige Möglichkeit, mit der die Auswanderinnen sich kreativ ausleben und ihre einfach eingerichteten Wohnstätten dekorieren durften.

Die Dadaisten und Marcel Duchamp, der zeitlebens durch diese Kunstrichtung und durch den Surrealismus beeinflusste Mitbegründer der Konzeptkunst, verwendeten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den Prozess des Upcycelns, ohne dies so zu bezeichnen. Einer der bekanntesten Künstler unserer Zeit, dessen ganzes Schaffen auf diesem Prinzip basiert, ist der in Mars, Pennsylvania geborene Amerikaner Jeff Wassmann. 1989 emigrierte er nach Australien.

Wie Ben Treu und Jule Dressler von Ein Tag am Meer verwendet auch er Dinge, die er am Strand findet. Diese kombiniert er in seinen Assemblage-Kästen mit beim Schrotthändler gekauften Objekten. Die so entstehenden plastischen Collagen schreibt er seinem fiktionalen deutschen Vorfahren Johann Dieter Wassmann zu, dem er die Lebensdaten 1841 bis 1898 gegeben hat. Außergewöhnlich bei Jeff Wassmann: Er verkauft seine Kunstwerke nicht, sondern gibt sie als Geschenke weiter. So verhindert er, dass sie zu Konsumartikeln werden.

Aus alten Autoreifen Sohlen für Flipflops

Upcycling ist ein faszinierendes Thema. Wenn man erst einmal anfängt, sich damit zu beschäftigen, lässt es einen so schnell nicht mehr los. Auch die 43-jährige Bretonin Katell Gélébart hat sich ganz der kreativen Aufwertung von Abfallprodukten verschrieben. Ihr Motto lautet: „Trash is treasure.“ Bewusst versteht sie sich als moderne Nomadin ohne festen Wohnsitz. Die Welt ist ihr Zuhause, Reisen ihre Passion. Katell verbringt viel Zeit in Indien, der Ukraine und Holland. Die Recycling-Designerin beschreibt ihren Arbeitsprozess wie folgt: „Ich entwickle Reserven, indem ich Müll und unerwünschte Materialien im Designbereich recycle. Meine Kreationen zeigen, wie es möglich ist, Design und Wiederverwendung zu kombinieren ohne Rohmaterial und ohne mehr Abfall zu produzieren.“ Mit ihrem Mode-Label Art d’Eco & Design realisiert sie ihre Vision.

Bei ihren langen Aufenthalten in Indien machte die Französin immer wieder die Erfahrung, wie alltäglich Upcycling in ärmeren Ländern ist. Mit bestimmten Flechttechniken werden beispielsweise aus alten Autoreifen Sohlen für Flipflops hergestellt. Was dort aus wirtschaftlichen Gründen geschieht, entwickelt sich in unserer Wegwerfgesellschaft immer mehr zum Gegentrend zu sinnlosem Konsum.

Katell und viele andere betonen den ökologischen Vorteil: Müll zu vermeiden, den Verbrauch von Rohmaterialien und den Energieverbrauch herunterzufahren sowie Luftverschmutzung und den Treibhauseffekt zu reduzieren

Von Christine Eichel verfasst und im Scorpio Verlag erschienen ist die spannend zu lesende und reich bebilderte Biografie „Die Mülldesignerin: Wie Katell Gélébart die Welt verändert“. Das Buch erschien ein Jahr, nachdem die kreative Bretonin in Hamburg 2012 von der Alfred Toepfer Stiftung mit dem mit 75.000 Euro dotierten Kairos-Preis für europäische Künstler und Wissenschaftler ausgezeichnet wurde.

Wen es nach Rügen verschlägt, dem sei ein Besuch in der Kreativwerkstatt Ein Tag am Meer wärmstens ans Herz gelegt. Denn genau wie der Moment, in dem man nach langer Zeit über den Strandübergang geht und zum ersten Mal die wilde See und den Horizont wiedersieht, macht auch der Augenblick, in dem man die kleinen Kunstwerke aus Strandgut für sich entdeckt, einen Tag am Meer erst richtig perfekt.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de